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19. Juni 2010, 09:49 Uhr

Kraft überholt sich selbst

Einfach nur irre: Am Mittwoch hat Hannelore Kraft noch erklärt, sie wolle in NRW in die Opposition gehen. Am Donnerstag bläst sie mit den Grünen zum Frontalangriff auf Rüttgers. Warum? Von Christoph Cöln und Lutz Kinkel

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Einfach mal umgefallen: NRW-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft, SPD© Steffi Loos/DDP

Man muss sich ihren Frühstückstisch an diesem Donnerstagmorgen vorstellen. Darauf liegt vielleicht eine Ausgabe der "Welt". Schlagzeile: "Hannelore Kraft kann nicht einfach stehen bleiben". Oder die "Zeit". Schlagzeile: "Regiert jetzt!". Vielleicht auch die "taz". Schlagzeile: "Ein Land im Wartestand".

Irgendwann, zwischen 7-Minuten-Ei und Marmeladenbrötchen, muss es bei Hannelore Kraft Klick gemacht haben. Und es wurde ihr klar, dass ihre Strategie - Glaubwürdigkeit bewahren, in die Opposition gehen, abwarten - nicht durchzuhalten ist. Dass sie eher als Feigling gescholten, denn als Aufrechte gefeiert wird. Dass es in der Politik um Sieg oder Niederlage geht. Macht oder Ohnmacht.

Und dann sammelte Hannelore Kraft, Spitzenkandidatin der SPD in Nordrhein-Westfalen, nach einem kräftigen Schluck Kaffee kurzerhand alles ein, was sie keine 24 Stunden zuvor in Berlin verkündet hatte. Vergesst das mit der Opposition. Wir bilden eine Minderheitsregierung!

Pinkwarts Mitteilung

Wie gut, dass sie, und das ist sicher, auch die "WAZ" studiert hat. In der Donnerstagsausgabe steht ein kleiner Zweispalter. Überschrift: "Pinkwart beendet die Koalition". Darin steht, dass FDP-Chef Andreas Pinkwart, derzeit geschäftsführender Minister, mit seiner Partei künftig auf eigene Rechnung agieren will. Sollte die CDU versuchen, mit der SPD gemeinsam etwas durchzusetzen, zum Beispiel die volle Mitbestimmung in der Landesverwaltung wieder einzuführen, würden die Liberalen nicht mitmachen.

Diese Mitteilung Pinkwarts war, und deswegen ist die Überschrift irreführend, ein Warnschuss an den geschäftsführenden Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers, CDU. Motto: Wenn Du künftig die SPD umgarnen willst, um doch noch eine Große Koalition zu schmieden, werden wir Dir nicht helfen. Wir betreiben nun auch unser eigenes Geschäft. Es war ein Emanzipationsversuch Pinkwarts, der das politische Aus vor Augen hatte. Aber eben kein Bruch der geschäftsführenden Koalition.

Doch genau so ließe sich die Meldung verkaufen, muss sich Kraft gedacht haben. Es ließe sich ein Notstand deklarieren, der unverzügliche Maßnahmen erfordert.

Kraft, einmal umgefallen

Ein paar Telefonate und zwei hektische Abstimmungsrunden später traten Kraft und die grüne Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann um 15.30 Uhr in Düsseldorf vor die Presse. "Diese instabilen Verhältnisse für Nordrhein-Westfalen verlangen jetzt ein schnelles und konsequentes Handeln. NRW braucht jetzt eine stabilere Regierung, als sie Herr Rüttgers noch bieten kann", sagte Kraft. "Wir freuen uns darauf, die Zukunft in Nordrhein-Westfalen gemeinsam zu gestalten", strahlte Löhrmann.

Kraft war, gemessen an ihren eigenen Maßstäben, schlicht umgefallen. Löhrmann hatte kräftig mitgestupst. Und die SPD im Bund sah es nicht ohne Freude. "Wenn die sich jetzt aus der Verantwortung stehlen, dann müssen wir in die Verantwortung hinein", sagte der NRW-Landesgruppenvorsitzende Axel Schäfer zu stern.de. Schäfer schwört darauf, dass die Parteispitze keinen Druck auf Kraft ausgeübt habe. Aber "Fingerzeige" der SPD habe es schon gegeben, notierte ein Grüner genüsslich.

Die grüne Sicht auf die Macht

Die Grünen hatten es nicht bei Fingerzeigen belassen. Im Gegenteil. "Jetzt müsste Frau Kraft springen und traut sich nicht", hatte der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir dem "Hamburger Abendblatt" gesagt. "Eine Minderheitsregierung ist sicher nicht ideal, aber in der aktuellen Lage die ehrlichste und beste Lösung, um zumindest Nordrhein-Westfalen aus der schwarz-gelben Umklammerung zu lösen." Deutlicher lässt es sich nicht formulieren. Entsprechend groß war die Erleichterung an diesem Donnerstag. "Wir wollen jetzt den Politikwechsel in der Bildungs- und Energiepolitik umsetzen, für den die Wählerinnen und Wähler am 9. Mai gestimmt haben", sagte die nordrhein-westfälische Bundestagsabgeordnete Bärbel Höhn zu stern.de.

Aus der Sicht der Grünen ist die Lage klar: Lieber den Regierungsapparat unter die eigene Kontrolle bringen und mit rot-grüner Politik anfangen, als edel und rein in der Opposition vor sich hindämmern. Ebenso hat bei den Grünen die Befürchtung eine Rolle gespielt, dass Rüttgers ein Comeback gelingen könnte - indem er sich als Versöhner geriert, der öffentlich seine Fehler bereut, auf die Menschen zugeht, und im Landtag mit einer konsensorientierten Politik die Opposition in Watte packt. Diesen "schwarz-gelben Wiederaufbau", wie es ein Grüner formulierte, wollten sie dem Erzfeind Rüttgers nicht gönnen.

Das erprobte Gespenst

CDU und FDP waren zunächst vollkommen überrumpelt von Krafts Manöver. Aber dann holten sie das wahlkampferprobte "Kommunisten"-Gespenst aus der Gruft. Rüttgers sprach in Düsseldof von der "schlimmsten Wählertäuschung", die es in der Geschichte Nordrhein-Westfalens gegeben habe. Die SPD habe sich zur "Geisel" der Linkspartei gemacht. Was das bedeutet, haben seine Strategen bereits vorgedacht. "Wir gehen davon aus, dass Hannelore Kraft sich zur Ministerpräsidentin wählen lassen wird, und es könnte sein, dass die Linke ihr eins auswischt und sie im ersten Wahlgang mitwählt. Dann hätte sie schon das erste Problem", sagt ein CDU-Mann aus der Staatskanzlei zu stern.de. "Allerdings wird die Linke danach den Haushalt, den Rot-Grün einbringt, nicht mittragen. Dann hätte Frau Kraft das nächste Problem."

In der Berliner FDP-Führung heißt es, Krafts Begründung ihrer geplanten Minderheitsregierung sei "an den Haaren herbei gezogen". Sie brauche nur einen "Vorwand für ihr linkes Abenteuer." In Düsseldorf erklärte FDP-Landeschef Pinkwart, Kraft habe sich von den Grünen und dem SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel in die "Ypsilanti-Falle" treiben lassen. Geplant sei ein Linksbündnis in NRW - und später im Bund. Und dann erklärte Pinkwart noch, seine Partei werde in jedem Fall geschlossen Rüttgers wählen und keinesfalls Kraft. Damit drehte sich Pinkwart auch einmal um die eigene Achse - schließlich hatte er sich in der "WAZ" gerade deutlich von Rüttgers distanziert.

Stichtag: 13. Juli

Und nun? Am 13. Juli will sich Kraft aller Voraussicht nach zur Ministerpräsidentin wählen lassen. Rüttgers, der Untote der NRW-CDU, strebt nach stern.de-Informationen den Fraktionsvorsitz an. Rot-Grün hofft, mit der Minderheitsregierung die Linkspartei vor sich her treiben zu können und die Schwarz-Gelbe Opposition mit vernünftiger Politik zu spalten. Im Bundesrat wollen sie Angela Merkel die rote Karte zeigen. CDU und FDP hoffen ihrerseits, Grüne und SPD in die linke Ecke treiben zu könne.

Der Machtkampf in Düsseldorf ist noch nicht beendet. Fortsetzung folgt.

Mitarbeit: Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 52)
 
kumpelanton (21.06.2010, 18:21 Uhr)
Spd u. die Linken
Es ist doch lachhaft, wie sich Gabriel u. und Kraft gegenüber den Linken gebärden. Gibt es unter den rechten SPD-Leuten nicht genug Spinner, die unter Schröder das soziale Chaos angerichtet haben ?
Die paar Spinner bei den Linken können doch kein Grund sein, eine linke Regierung zu vermeiden da unter den Linken doch einige vernünftge Leute aus dem ehemaligen SPD -Lager sind.
Die SPD und die Grünen müßten doch einsehen, daß derzeit mehr als 50% der Bevölkerung links wählen würden.
CDU und FDP frohlocken doch nur , wenn sich die linken Parteien zerfleischen !
Übrigens, die DDR war Folge einer Entscheidung des Zentrum im März 1933;
die 17 Millionen Deutsche in der SBZ -DDR haben zweimal für die Politik der Rechten und Nationalen leiden müssen !
NONO (19.06.2010, 18:21 Uhr)
NRW: Minderheitenregierung SPD/Grüne
Man möge einmal die Mundpartie von Frau Hannelore Kraft (SPD) beim Sprechen beachten. Es bedarf keiner großartigen Kenntnisse bezgl. der menschlichen Physiognomie, um zu interessanten Aufschlüssen über diese - wie mir scheint: - krankhaft nach Macht Hungernde zu gelangen. Gefahr ist im Verzuge.
paolodom (19.06.2010, 14:26 Uhr)
Kraftloses Gehabe

aber eines ist nun endlich einmal der Versuch
rot,rot,gruen zu versuchen. Aber schon allein der Versuch ist straeflich. Armens NRW

in 6-12 Monaten ist der Karren an der Wand, dann gibts gar nichts mehr das umzuverteilen waere.

Kommunisten, Sozialisten und Blumenkinder, na denn, wer haette das gedacht, nach der untergegangenen DDR

der deutsche lernt scheinbar nie, es sei denn es muss erst wehtuen
Satyros (19.06.2010, 11:49 Uhr)
Kraft-volle Minderheitsregierung?
Hannelore: "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Boese will und stets das Gute schafft" (Goethe, Faust)....oder eher umgekehrt????
tannebaum (19.06.2010, 11:21 Uhr)
wie sagte dieter nuhr...
...über die linkspartei:

natürlich war die ddr ein versuch eines sozialistischen staates. aber es wird sich wohl nicht noch mal eine dumme volkswirtschaft finden, die dann dieses experiment ein zweites mal bezahlt.

und das kommt von einem, der politisch sehr links steht. aber er kann die grenzen zwischen dikatur des kommunismus und demokratischen sozilaisten noch erkennen. viele andere hier nicht.
der selbst links steht
silberwolf1 (19.06.2010, 08:06 Uhr)
Einfach nur irre.
Dem kann man nur zustimmen. Machtergreifung mit Hilfe der Linken. Damit zeigen die Sozis und die Grünen ihr wahres Gesicht. Links bedeutet Untergang - siehe DDR! Dieses Mal wird es keinen Retter aus dem Westen geben...
paladin09 (18.06.2010, 14:24 Uhr)
Genauso muß es sein!
Das ist Poltitik. Merkels lahme, unfähige Poltitik, ihre Regierung aus CDU/CSU - FDP muß endlich gestoptt und gebrochen werden.
Wir wollen keine 3 weiteren Jahre warten und uns diese Merkel Politik antun.
Kraft hat in NRW das einzig wahre, wichtige getan um die Macht von Merkels CDU/CSU FDP Regierung zu brechen und sich für eine Minderheitenregierung entschieden.
Das wird für die Merkelregierung weitreichende Folgen haben und auch Folgen bei weiteren anstehenden Ladtagswahlen nach sich ziehen.
dreicon (18.06.2010, 11:40 Uhr)
@Kattzoff (18.06.2010, 10:30 Uhr)
Beruhigend ist nur, daß Sie selbst auch dabei sind. Denn merke: zeigt man auf Jemanden, zeigen 3 Finger auf einen selbst.
b747f (18.06.2010, 11:28 Uhr)
NRW-Machtspielchen
Müssten diese NRW-Polit-Protagonisten ihr Geld in der freien Wirtschaft verdienen, sie wären schon längst gefeuert weil unrentabel. Und die Personalchefs würden sich untereinander vor dieser "Manager-Klasse" warnen. Aber der Steuerzahler bezahlt schön für die Selbstverliebtheit der Politiker...
Rapunzelchen (18.06.2010, 11:24 Uhr)
Herr Rüttgers schäumt, gut so ;-(
Wenn man erlebt hat, wie sehr sich der amtierende MP seit 5 Wochen zurückgehalten und sich um einen etwas moderateren Sprachstil in Richtung SDP/Grüne bemüht hat, weil er ja im Hinterkopft hatte, dass er und seine liebe Gattin Angelika doch weiter im Amt bleiben, der muss sich mal anhören, wie sich dieser MP anhört, wenn er seine Fälle davonschwimmen sieht. Er erreicht damit unterstes Niveau und schafft es kaum,. seine eiskalte Wut zu verbergen. Nein, Herr Rüttgers, ganz falsch: Wir, die Bürger sind nicht politikverdrossen, wir sind im höchsten Masse POLITIKER-verdrossen. Vielleicht sollten Sie öfter mal hier in die STERB-Bloggs hineinschauen.

Wenn ich vorstelle, dass Frau Kraft eine Regierung mit diesem Oberschullehrer eingegangen wäre. Lieber nicht. Er outet sich seit gestern bestens. Der Pinkwart: Der soll lieber die Luft anhalten. Für ihn haben wir (so macht es die AfA gern) einen hübschen Pförtner-Posten bei ?400,00 Entlohnung. Damit er mal die Praxis kennenlernt und mit seinem sinnleeren und ächzenden Geschwafel aufhört.
Ich wünsche Frau Kraft und ihrer Kollegin von den Grünen, dass es gut wird. Gewünscht habe ich mir das so nicht, aber: Alles ist erfolgversprechender, als Rüttgers und Pinkwart. :-)
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