14. November 2009, 19:52 Uhr

SPD rückt programmatisch nach links

Linksschwenk bei der SPD in der Opposition. Der Parteitag in Dresden billigte am Samstag fast einstimmig einen Leitantrag mit zum Teil deutlichen Korrekturen an bisherigen SPD-Positionen. Zum Beispiel bei der Vermögenssteuer.

SPD, Parteitag, Gabriel,

Der neue Chef Sigmar Gabriel ballt am Freitag, 13. November 2009 nach seiner Rede beim SPD Parteitag in Dresden die Faust©

Die SPD hat ihren künftigen Kurs in der Opposition festgelegt. Nach mehrstündiger Debatte verabschiedete der Parteitag in Dresden am Samstag den Leitantrag der Parteiführung mit großer Mehrheit, allerdings einigen Korrekturen. Unter anderem sprachen sich die mehr als 500 Delegierten für die Wiedereinführung einer Vermögenssteuer aus. Vermögende sollten mehr in die Verantwortung für das Gemeinwohl genommen werden, hieß es. Bei der Vermögenssteuer hatte die Parteispitze zunächst vor einer Festlegung gewarnt. Um eine absehbare Abstimmungsniederlage zu vermeiden, schwenkte sie dann aber kurzfristig um und schloss sich einem Vorstoß der Jusos an. Jetzt heißt es im verabschiedeten Antrag: "Unser Steuerkonzept wird Vermögende stärker in die Verantwortung für das Gemeinwohl nehmen, unter anderem durch die Einführung der Vermögenssteuer, und Normalverdiener sowie Familien steuerlich besserstellen."

Auch zur umstrittenen Rente mit 67 und einigen Arbeitsmarktgesetzen ging der Parteitag auf Distanz und forderte eine Überprüfung. Umstritten war auch der Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Eine Mehrheit votierte aber dagegen, sich auf ein konkretes Datum für einen Abzug festzulegen. Auch weitere Anträge von der Basis, die eine schärfere Korrektur des bisherigen Kurses verlangten, wurden abgewiesen.

Einschwenken bei der Vermögenssteuer

In dem Leitantrag, der mit nur einer Nein-Stimme und vier Enthaltungen angenommen wurde, listet die SPD eine Fülle von Ursachen für ihre schwerste Wahlniederlage in der Nachkriegszeit auf. Eine zentrale Rolle hätten dabei die Hartz-IV-Arbeitsmarktreformen, die Rente mit 67, häufige Wechsel an der Führungsspitze sowie öffentlich ausgetragene Flügelkämpfe in der Partei gespielt. Bei der Bundestagswahl am 27. September hatte die SPD nur noch 23 Prozent erhalten.

SPD-Fraktionschefs Frank-Walter Steinmeier kündigte in seiner Grundsatzrede einen harten Oppositionskurs an, ging aber weder auf die umstrittenen Sozialreformen noch auf das Afghanistan-Thema ein. Vor der Bundestagswahl hatte er als Außenminister ein Ausstiegskonzept für die deutschen Streitkräfte skizziert. Steinmeier warf der schwarz-gelben Regierung Klientelpolitik vor. Die Koalition verteile mit ihrem Wachstumsbeschleunigungsgesetz Geschenke für Gutverdienende, die auf Pump finanziert würden. "Die Mehrheit in Deutschland wird in die Röhre gucken."

Er sagte den Sozialdemokraten voraus: "Vor uns liegt eine spannende Zeit. Vor uns liegt eine harte Zeit." Die SPD werde sich neu aufstellen. Die erste Bewährungsprobe sei bereits im Mai kommenden Jahres bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen.

Der Vorstand ist komplett

In einer einstimmig angenommenen Entschließung kündigte die SPD eine Kampagne gegen die von der neuen Bundesregierung geplanten Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke an. In Zusammenarbeit mit den Umweltverbänden wolle man sich diesem Vorhaben entgegenstellen. Der am Vortag mit 94,2 Zustimmung gewählte neue SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel bezeichnete SPD und Umweltverbände als "natürliche Verbündete".

Die Delegierten wählten zudem den Parteivorstand neu. Dabei flog die frühere DGB-Vizevorsitzende Ursula Engelen-Kefer nach 23 Jahren überraschend aus dem Führungsgremium. Die 66-Jährige scheiterte in beiden Wahlgängen.

Mit der Wahl von 37 Beisitzern ist der neue SPD-Parteivorstand komplett. Das beste Ergebnis im ersten Wahlgang erzielte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (45) mit rund 89 Prozent. Gewählt wurden unter anderem auch die Parteilinken Niels Annen und Ottmar Schreiner, die frühere Bildungsministerin Edelgard Bulmahn, der saarländische SPD-Chef Heiko Maas, sein Thüringer Amtskollege Christoph Matschie, Fraktionsvize Joachim Poß, Bayerns Landeschef Florian Pronold und sein schleswig-holsteinischer Kollege Ralf Stegner sowie die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig.

Mit langanhaltendem versöhnlichem Beifall verabschiedeten die Delegierten den bisherigen Vorsitzenden Müntefering. Gabriel würdigte ihn als einen "großen Sozialdemokraten". Er fügte hinzu: "Du bist ein großes Vorbild." Müntefering bekam zum Abschied ein Bild von Willy Brandt, das bisher in seinem Berliner Arbeitszimmer hing.

 
 
KOMMENTARE (10 von 33)
 
Administrator (16.11.2009, 15:09 Uhr)
@keule380
Ihr Kommentar wurde gelöscht. Bitte bleiben Sie doch sachlich und verzichten auf unangebrachte Beleidgungen!

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
ganzbaf (15.11.2009, 12:20 Uhr)
Wer zu viel hat...

dem muß genommen werden. Richtig Doppel-Mister. Gerade wenn es Armut an anderer Stelle gibt.
Robin Hood hatte recht... ;-)

Ein vielleicht "unpopuläre" doch überaus "mutige", "unausweichliche", "notwendige" und der modernen Globalisisierung geschuldete Grundaufgabe unserer Gesellschaft an die Politiker.

Vermögenssteuern und Sonderabgaben für Banken und Reiche muß eben der Öffentlichkeit nur "gut vermittelt" werden.. Ne ;-D

Zudem unser soziales und strikt eigentumsverpflichtendes Grundgesetz dies in Art. 14/15 von uns allen verlangt
JosefG (15.11.2009, 11:40 Uhr)
'unpopuläre' Vermögenssteuer
Die Vermögenssteuer-Aktivisten Gabriel, Steinbrück und Simonis verloren ihr Amt als Ministerpräsident, die SPD die Mehrheit im Bundestag und die Schröder- Regierung war kaltgestellt und musste aufgeben. Ist ja auch schon sooo lange her.

Selbst der dümmste Esel stolpert nicht zweimal über den selben Stein.
rebegtar (15.11.2009, 11:16 Uhr)
Links?
"Links" ist diese Partei doch nur bei denen die gerne weiter dieses ach so praktische System der scheinbaren Alternative haben wollen. Und wenn die Medien jetzt fast unisono und kritiklos die Wandlung des Saulus zum Paulus quasi über Nacht verkünden, dann sollte doch eigentlich jedem klar sein für wen die SPD wirklich steht.
Scooter-63 (15.11.2009, 11:09 Uhr)
Vermögenssteuer ist links ? ?
Wahrscheinlich werden jetzt einige Wohlhabende in Panik vor solch "linker" Politik ihr Geld in die Schweiz verschieben. Dummerweise gibt es dann ein böses Erwachen : in der Schweiz gibt es die Vermögenssteuer seit Jahrzehnten, und sie hat bisher noch keinen Millionär aus dem schönen Alpenland vertrieben. Und das die Schweiz politisch "links", "kommunistisch" oder sozialistisch" ist, das wäre mir neu.
fmies (15.11.2009, 10:46 Uhr)
Also doch nach links und mit den Linken!
Vor den Bundestagswahlen vor rd. 6 Wochen wurde tausendmal in alle Mikrophone und Kameras von der SPD "mit den Linken nicht" geschrien!
Wenn man den Parteitag der SPD in den letzten Tagen genau beobachtet hat, geht die SPD genau in diese Richtung. Den Anfang durfte aus parteitaktischen Gründen Brandenburg machen. Was hat Parteitaktik eigentlich mit dem Wohle des Landes oder Wählers zu tun?
Die Begründung von Frau Drohsel, Jusos, zur Vermögenssteuer sagt eigentlich alles über die Verantwortung der Parteien für das Volk aus:
"Wir sind jetzt in der Opposition, deshalb können wir einfach mal fordern und deshalb wollen wir die Vermögenssteuer jetzt einfach mal fordern und einführen"!
Bei diesem Beschluß konnte sich die neugewählte Parteispitze der SPD
gegen das kleine "Häuflein" der Jusos nicht durchsetzten und knickte ein.
Jetzt geht es also in die Richtung die Linken noch zu überholen. Das wird sicherlich schwer wenn man sich das Wahlprogramm der Linken für die Landtagswahl im Main 2010 ansieht

ganzbaf (15.11.2009, 09:32 Uhr)
Es geht auch nicht um die....

"Arbeiterklasse"...
Sondern um die Arbeitnehmerklasse.
(Und Werktätige allgemein.)
Die werden nämlich zur Zeit vollverarscht.
Die müssen die Zins-und Realgewinne der Unternehmer erwirtschaften UND noch das Gros an Sozialausgaben stemmen :-((
ganzbaf (15.11.2009, 09:27 Uhr)
Die ewigen Mitteschwätzer...

wie Gunni - immer noch nichts gelernt ;-?

Die SPD geht von Links BIS Mitte.
Und die gesellschaftliche Mitte ist politisch (eher) links! ;-)

...Wie diverse Meinungsmehrheiten zu brisanten politischen Einzelthemen wie z.B. Vermögenssteuer, Mindestlohn, Afghanistan oder Atomkraft beweisen.

Die meisten SPD-Verluste enstanden zudem durch die Millionen Nichtwähler und Wahlverweiger, die keine HartzIV-SPD und Große Koalition mehr wollten.

Nach rechts hin - Richtung CDU/CSU und FDP - wurde dagegegen wenig bis nichts verloren. Die haben ja sogar zusammen weniger Realstimmen bekommen, als 2005...! ;-P
Salzsteuer (15.11.2009, 09:21 Uhr)
Das Programm...
der alten SPD ( vor Schröder ), also der regierungsfähigen SPD vertritt doch nur noch die Linkspartei.
Was die SPD sich jetzt an die Spitze gewählt hat sind doch alles Menschen ohne eigene Meinung und ohne Rückgrat. Der Karriere zuliebe würden diese Leute ebenso das Programm jeder anderen Partei verkünden.
Und die soll wählen ???
Wann gibt es in Deutschland wieder wählbare Politiker ???
Nursery (15.11.2009, 09:02 Uhr)
Kein Neubeginn
Das war kein Neubeginn in Dresden.Hier wurden klar Konfliktstoff ausgesparrt um die NRW nicht zu belasten.Aber das ist für die die Partei keine Lösung! Wenn Politiker aus der zweiten Reihe so wichtige Ämter erkungeln ist es an der Zeit das Parteibuch abzugeben.Ich wünsche der Partei alles Gute aber große Zweifel sind nach diesem verpatzten Anfang vertan worden.Noch immer begreifen sie den enst der Lage nicht.
MEHR ZUM ARTIKEL
SPD-Parteitag Steinmeier liefert Kampfansage an Schwarz-Gelb

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier hat Union und FDP vorgeworfen, Klientelpolitik zu betreiben. Bei den Vorstandswahlen der SPD ist die frühere DGB-Vize Engelen-Kefer durchgefallen.

SPD-Parteivorsitz Kennen Sie Sigmar Gabriel?

Sigmar Gabriel hat nach einer unorthodoxen Parteikarriere den SPD-Vorsitz vor Augen. Kennen Sie die Höhen und Tiefen dieses Mannes? Und wissen Sie auch, wie er einst zum Ministerpräsident aufstieg? Machen Sie den Wissenstest.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2013)
Hoffen oder handeln?