"Der vielleicht wichtigste Politiker der Welt hat nichts vor"

20. Juni 2013, 11:05 Uhr

Er ist wieder abgeflogen - und die Presse geht nicht gerade zimperlich mit dem US-Präsidenten um. Eine Zeitung findet Barack Obamas Auftritt in Berlin sogar "peinlich".

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Historische Kulisse schön und gut - aber inhaltlich sollte es auch passen. So ungefähr sehen viele Journalisten den Auftritt Barack Obamas©

Die Bilder für die internationale Presse waren schön und zeugten von Harmonie: Ein entspannter US-Präsident, der mit Kanzlerin Angela Merkel plaudert und sich vor seiner Rede am Brandenburger Tor wegen der Berliner Sommerhitze das Jackett auszieht. Für Berlin war Barack Obamas Besuch ein außenpolitisches Großereignis. Mitglieder der Bundesregierung bezeichneten den Auftritt des US-Präsidenten vor historischer Kulisse angetan als "große Rede" und "großen Wurf". Einen Tag nach der "Obamania" ist das Presseecho nicht besonders positiv - weder in Deutschland noch in anderen Ländern Europas.

"Berliner Zeitung"

"Barack Obama ist ja kein verdruckster Typ, der es nicht schafft, die Menschen für das zu begeistern, was er will. Das macht diesen Auftritt so besonders peinlich. Wenn er wollte, denkt doch jeder, der ihn erlebt oder seine hinreißende Autobiografie gelesen hat, dann könnte er. Und zwar so! Also will er nicht. Der vielleicht wichtigste Politiker der Welt hat nichts vor. Das ist eine schreckliche Nachricht."

"Kölner Stadt-Anzeiger"

"Der US-Präsident hat den Erwartungen entsprochen. "Genügsamkeit ist nicht das Wesen großer Nationen", sagte Obama, bevor er über Abrüstung sprach, zum Kampf aufrief gegen Intoleranz, für Religionsfreiheit, gegen den Klimawandel, gegen Terrorismus - auch wenn dafür leider ein paar Daten von Bürgern bei den Geheimdiensten landen müssen. Denn: Es gehe nicht darum, einen Einzelnen zu bespitzeln, sondern die Sicherheit des Einzelnen zu garantieren. Ein schöner Satz, der Alles und Nichts bedeuten kann - wie viele Sätze dieses Präsidenten."

"Frankfurter Rundschau"

"Freilich ist jede vernichtete oder abgebaute Atomwaffe ein Gewinn für die Menschheit, jede einzelne. Aber wenn es um Krieg geht, und der wird Obama zufolge heutzutage gegen den Terrorismus geführt, dann ist das Thema eben nicht die Massenvernichtungswaffe, sondern sozusagen ihr militärisches Gegenteil. Es geht um die gezielte Tötung einzelner oder weniger Menschen mittels ferngesteuerter Drohnen. Das passiert fern jeder rechtsstaatlichen Grundlage, denn der Schritt von der polizeilichen Bekämpfung von Verbrechen hin zur militärischen 'Kriegsführung' geht einher mit einer grundsätzlichen Entrechtlichung der soldatischen Täter und der Opfer sowieso."

"Stuttgarter Zeitung"

"Im Chor der Ernüchterung über Barack Obama fehlt oft eine Prise Selbstkritik. Ist er wirklich daran schuld, dass ihm blauäugige Europäer viel zu früh den Nobelpreis verliehen haben? Weniger Obama-Blues und Nostalgie, dafür das Eingeständnis, dass Deutschland für seine weltpolitische Rolle selbst verantwortlich ist, das wäre der beste und ehrlichste Beitrag der Bundesrepublik für das deutsch-amerikanische Verhältnis."

"De Telegraaf", Niederlande

"Von dem Mann, der bei seinem Antritt Hoffnung und Veränderung predigte, durfte die Welt in diesem Stadium seiner zweiten Amtszeit mehr erwarten. So nobel das Streben nach dem Abbau von Atomwaffen auch ist, es wäre besser gewesen, wenn Obama - immerhin Präsident der derzeit einzigen Supermacht - eine aktivere Rolle bei dringenderen Themen im internationalen Kräftespiel übernommen hätte. Wie beispielsweise die Suche nach Frieden im Nahen Osten oder die Förderung der Demokratie in Gegenden der Welt, wo sie noch längst kein Gemeingut ist."

"Der Kurier", Österreich

"Die USA sind unter ihm kaum besser, ja, nicht einmal ehrlicher geworden. Dafür verspotten ihn Anhänger des hier gehassten Vorgängers George W. Bush als "All Lips" ("dicke Lippe", "Großmaul"). Obamas zweite Berlin-Rede war rhetorisch wieder gut, gibt denen aber recht: Als Hauptinhalt Atomwaffen zu reduzieren, klingt zwar nett, ist aber weder "historisch" noch relevant. Klar, die alten Gegensätze, an deren heißestem Schnittpunkt Berlin lag, sind Geschichte. Heute sind es andere. Doch Lösungen für die Konflikte zeigte Obama nicht einmal perspektivisch auf."

"De Standaard", Belgien

"Obamas Berliner Vorschläge bleiben weit zurück hinter der Vision einer atomwaffenfreien Welt in seiner Prager Rede (2009). Manch einer stellt enttäuscht fest, dass seine jetzigen Angebote keinen großen Durchbruch bedeuten, dass sie keine unilaterale Friedensgeste darstellen, sondern im Rahmen der gegenseitigen Abschreckung bleiben. Doch selbst diese Vorschläge Obamas sind vermutlich politisch das maximal Machbare. Die Republikaner im Kongress lehnen sie rund heraus ab. Und die ersten russischen Reaktionen sind ebenso wenig ermutigend."

"Independent", Großbritannien

"Als John F. Kennedy vor einem halben Jahrhundert in Berlin den Satz "Ich bin ein Berliner" sprach, hat er unabsichtlich einen Maßstab für alle folgenden US-Präsidenten gesetzt. Barack Obama fühlte sich bei seinem Besuch am Mittwoch klar in der Pflicht, etwas Besonderes zu bieten. Die Begrüßung war herzlich. Doch die Reaktion auf sein Angebot nach weiterer atomarer Abrüstung war lauwarm. Es hatte den Anschein, als gehöre dieser Vorschlag zu einem anderen Zeitalter. Glücklicherweise steht das Brandenburger Tor nicht mehr an der Grenze zwischen Freiheit und Unterdrückung. Deshalb könnten US-Präsidenten nun beim Besuch in Berlin auch aus dem Schatten der Rede JFKs heraustreten."

"Luxemburger Wort"

"Rhetorisch hat der US-Präsident die Erwartungen nicht enttäuscht. Zwar war die Ansprache weniger emotional als jene seines Amtsvorgängers John F. Kennedy vor 50 Jahren mit dem berühmt gewordenen Ausspruch "Ich bin ein Berliner". Doch ähnlich wie Kennedy besitzt Obama einen untrüglichen Sinn für Inszenierung. So geriet die rhetorisch ausgefeilte Rede zu einem wahren Rundumschlag. (...) Auffallend dabei: Die EU war die große Abwesende. So kann man darin implizit die Aufforderung an Deutschland heraushören, auch weltpolitisch Verantwortung zu übernehmen. Im Alleingang ist dies undenkbar. Wird Obamas Aufruf also verpuffen wie seine Rede in Kairo 2009 oder Geschichte machen? Dies hängt wiederum davon ab, wie Berlin und Europa insgesamt die Rede aufnehmen und reagieren, aber auch davon, ob Obama Worten Taten folgen lässt."

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