8. August 2012, 13:22 Uhr

Hier spielt die Musik

Ein gewisser Herr Reim glaubt, er werde in Ostdeutschland wie Michael Jackson verehrt. Aber wer war eigentlich dieser Jackson? Und wieso ist der Westen so unmusikalisch? Ein Soundcheck. Von Holger Witzel

 
Kraftclub, Reim, Puhdys, Silly, Beethoven, Michael Jackson, Tocotronic, Rosenstolz, Jackson, Michael, Rammstein, Silbermond, M.I.A., Kolumne, Witzel, Holger, Schnauze, Wessi

Rotzige Ironie: Kraftclub-Sänger Felix Kummer©

Drei seltsame Ost-West-Geschichten treiben mich um: Zum einen soll der ehemalige Leipziger Gewandhausorganist Matthias Eisenberg sein Publikum bei Konzerten in der westdeutschen Provinz mit Improvisationen über das DDR-Kinderlied "Kam ein kleiner Teddybär" veralbern. Dort - so berichten glaubwürdige Ohrenzeugen - hält man das für ein barockes Thema.

Zum anderen hat nun auch die westdeutsche Illustrierte stern mit der "Chemnitzer Band" Kraftklub "Im Osten was Neues" entdeckt, obwohl deren Musiker seit Monaten in allen Charts, aller Munde und - wie sie verstörten West-Journalisten hartnäckig diktieren - aus Karl-Marx-Stadt sind.

Schließlich muss ich in der "Zeit" auch noch von einem abgehalfterten Schlagersänger aus Korbach in Hessen lesen, dessen Namen ich vorher nie gehört habe, aber der sich vor ostdeutschem Publikum angeblich "wie Michael Jackson" vorkommt. Mal davon abgesehen, dass man über Tote nichts Schlechtes sagen soll: Wie passt das zusammen?

"Bin ein Verlierer, Baby"

Musikalisch sicher nicht. Und doch - böse Mensche kennen keine Lieder – verschmerzen ostdeutsche Ohren offenbar auch größenwahnsinnige Schlagerlocken wie diesen Reim, solange Bands wie Kraftklub erklärtermaßen bleiben und Leute wie Matthias Eisenberg zurückkommen.

Bevor er in den Achtziger Jahren plötzlich aus der DDR verschwand, lockten seine Orgelstunden sogar uns - seinerzeit eher räudigem Punk verfallen - ins Gewandhaus. "Eisi" war und ist ein großer Improvisator, der es nach seiner Flucht bemerkenswert lange als Organist auf Sylt aushielt, aber inzwischen selbstverständlich wieder in Sachsen lebt. Die jungen Männer von Kraftklub haben neben rotziger Ironie eine ähnliche Erdung und wollen erst gar nicht nach Berlin oder Hamburg – es sei denn, um den "Scheiß-Indie"-Typen von Tocotronic oder den Sternen die Mädchen wegzunehmen. "Bin ein Verlierer, Baby - original Ostler", grölen sie von oben herab. Genauso gut könnten sie "Kam ein kleiner Teddybär" jodeln. In Delmenhorst würden ihre Fans trotzdem toben.

Ob Kraftklub, Rosenstolz oder Rammstein – welche erfolgreiche Band mit seltsam deutschen Namen kam in den letzten 20 Jahren eigentlich nicht aus dem Osten? Je nach Geschmack kann man auch Silbermond, M.I.A. oder die Prinzen mitzählen. Polarkreis 18, Tokio Hotel oder Clueso, über den die "Süddeutsche Zeitung" staunt, dass er "immer noch" in Erfurt lebt - für die Journalistin eine "Frechheit, die Provokationen vieler Rockstars übertrifft". .

"Ihr wisst nichts von uns"

In Wahrheit kehrte der Sänger aus Köln zurück, weil ihm dort zu viel "Ego im Raum" war. Ähnliche Erfahrungen verarbeitete der Rapper C-Rebell-um zu seinem Song "Irrtum" und beantwortet darin dümmliche Fragen nach seiner Herkunft mit dem Kehrreim: "Ihr wisst gar nichts von uns, wisst Ihr - und wollt wissen wie wir sind."

Wie alle Künstler wollen natürlich auch Ostdeutsche nicht nur für ihren Geburtsort gemocht werden, zur Not auch im Westen. Aber ist es wirklich Zufall, dass ebenso die neuen Stars in Malerei oder Schauspielkunst fast alle bei "Ernst Busch" in Berlin oder an der Leipziger Grafikhochschule studiert haben und massenhaft westdeutsche Trittbrettfahrer anziehen? Sind es entfesselte Kräfte? Im Westen nichts Neues? Oder warum sonst schielen selbst bei regional paritätisch besetzten Sängerwettstreiten wie dem "Bundesvision Song Contest" alle ängstlich nach Osten?

Das letzte Mal trat eine Sängerin aus Hamburg gleich für Thüringen an, weil das mehr Erfolg versprach. Der Kandidat aus Niedersachsen sang eine Liebeserklärung an Frankfurt/Oder und holte sich dafür Verstärkung bei der alten FDJ-Hauskapelle Silly. Die Auferstehung von musikalischen Dinosauriern scheint ein weiteres Phänomen ostdeutscher Kultur zu sein, das sich nun auch Leute wie dieser Reim zunutze machen wollen. Wie sonst ist es möglich, dass Bands wie die Puhdys heute mehr Fans zu haben scheinen als zu DDR-Zeiten? Oder liegt es einfach daran, was inzwischen aus den - auch im Osten verehrten - westdeutschen Rockern geworden ist?

"Staatstragende Weichspüler-Heinis"

Udo Lindenberg reitet immer noch auf seiner Schalmaienfreundschaft mit Honecker und irgendeiner Minderjährigen aus Ost-Berlin herum. Für recycelte Hits wie "Cello" braucht er - "komm, pack das Ding doch noch einmal aus" - einen ostdeutschen Altenpfleger wie Clueso. Heinz Rudolf Kunze supported in Talkshows seinen "Freund" Christian Wulff. Dabei wünscht man sich nicht mal einen Feind, der einen mit Worten wie "bürgerlich schlicht" in Schutz nimmt. BAP spielt weitgehend schamlos zum Bundespresseball auf. Und natürlich lässt auch Matthias "Jacko" Reim das schlimmste aller Lieder nicht aus, mit dem sich schon der westdeutsche Jugoslawe Maffay vom Bio-Bio-Schleimer zum Schmuserocker emanzipierte.

Wenn irgendwo "Über sieben Brücken musst du gehen" aus Lautsprechern tropft - vielleicht noch zu kitschigen Bildern vom Herbst 1989 - bekomme selbst ich eine Gänsehaut. Allerdings vom Schütteln, nicht gerührt. Die "Gruppe" Karat, wie DDR-Kultur-Funktionäre statt "Band" gern volkseigentümelten, wurde "schon damals vom Rest der Musikszene des kleinen Landes als staatstragende Weichspüler-Heinis taxiert", so der Leipziger Musikkritiker Jörg Augsburg ebenso treffend wie ausdrücklich "nur" zur Erklärung "für die Wessis" unter seinen Lesern.

"Falsch, wenn wir gelobt werden"

Dieser überwiegend peinlichen, sogenannten "Ost-Rock-Ära" sind sich bei aller späten Geburtsgnade auch die coolen Säue von Kraftklub bewusst: "Es wäre natürlich schön, wenn man die Puhdys und Karat aus dem Gedächtnis löschen könnte", sagt Schlagzeuger Till Brummer. Das kostet ihn sicher einige Fans unter den Eltern seiner Fans. Aber darauf - und das ist der Unterschied zu PR-beratenen Westkollegen oder etwa den Prinzen, die vor 20 Jahren noch jedermanns Liebling sein wollten - ist inzwischen eben geschissen. Der Ton ist rauer geworden, selbstbewusster. Vorkämpfer wie Rammstein gähnen nur noch, wenn Westjournalisten über sie von der "ästhetischen Rache des Ostens" schreiben.

"Aus dem Osten", so Keyboarder Christian "Flake" Lorenz im Interview mit dem Musikmagazin, "Rolling Stone" "haben wir die Mentalität mitgenommen, etwas falsch gemacht zu haben, wenn wir von der Presse gelobt werden, weil man damit quasi staatlich anerkannt, also tot ist. Das gilt auch heute noch ein bisschen. Solange Medien wie stern oder Spiegel uns hassen, ist die Welt in Ordnung."

"Verdammt, ich lieb Dich"

Anerkannt tot wie Michael Jackson? Wie Kraftklub im stern? Wie "Verdammt, ich lieb Dich" in einem Chemnitzer Autohaus? Vermutlich ist dieser Reim nichts weiter als die ästhetische Rache des Westens. Deshalb muss sich niemand Sorgen um die Musik machen: Bach, Schumann, Schütz, Händel oder Telemann; Richard Wagner nicht zu vergessen, bevor er rüber machte - kein Popstar der Ewigkeit stammte aus dem heutigen Westen. Und wenn jetzt jemand Mozart ruft oder gar den irrtümlich in Bonn geborenen Holländer Beethoven nennt, kann man sich darauf auch nur einen Reim machen - und der geht so: Schnauze, Wessi!

Von Holger Witzel
 
 
Schnauze, Wessi!

stern-Reporter Holger Witzel, 43, schreibt über die ewigen deutsch-deutschen Missverständnisse. Seine satirischen Beiträge gibt es jetzt auch als Buch

WEITERE ARTIKEL DER KOLUMNE
MEHR ZUM ARTIKEL
Eigentlich geht es ihm gut Matthias Reim dementiert Gerüchte um Herz-Operation

Mit einem "Verdacht auf einen Herzschaden" hat sich Matthias Reim in einer Herzklinik untersuchen lassen. Operiert wurde er aber nicht, beteuert der Sänger und dementiert so einen Bericht der "Bild"-Zeitung. Zwei Konzerttermine in naher Zukunft müssten nicht abgesagt werden.

Rammstein Totentanz zur blauen Stunde

Vor dem Konzert in Berlin boten die Brachialrocker von Rammstein ihren Fans ein ganz besonderes Spektakel: Sie ließen sich medienwirksam zu Grabe tragen.

Rosenstolz im stern "Wir haben zu spät die Notbremse gezogen"

Das Duo Rosenstolz gehörte zu den Superstars der deutschen Popmusik - bis Sänger Peter Plate 2009 vor Erschöpfung zusammenbrach. Im stern-Interview spricht Plate gemeinsam mit Sängerin Anna R. erstmals über die dunkelste Zeit seines Lebens und das Comeback der Band.

Comeback von Rosenstolz Zurück im Leben - und in den Charts

Vor drei Jahren war plötzlich Schluss - Zusammenbruch auf der Bühne, Burn-out, die völlige Erschöpfung - Sänger Peter Plate konnte nicht mehr und eine von Deutschlands erfolgreichsten Popgruppen war einfach weg vom Bühnenrand. Jetzt sind Rosenstolz zurück, zumindest fast.

Udo Lindenberg privat Verkleidung statt Fotos und "Udogramme"

Die Sehnsucht nach einem ganz normalen Spaziergang durch die Stadt kann Udo Lindenberg nur selten stillen - immer stehen die Fans Schlange. Also greift der Panikrocker hin und wieder zu einem alten Trick.

Ein offener Brief von Udo Lindenberg Schluss mit dem ganzen Nazischeiß!

Jetzt redet Udo Lindenberg Klartext: über Nazis, über Feigheit, über Untätigkeit. Ein Appell für Menschlichkeit und Toleranz - gegen den Nazi-Aufmarsch in Hamburg.