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5. Juli 2008, 08:24 Uhr

Mensch, Beck

Kurt Beck? Abhaken, der Nächste bitte! So sehen es - fast - alle. Doch der SPD-Chef kämpft. Um sein Amt und seine Würde. Trotzig, verbittert und alleingelassen. Von einem, der auszog, Kanzler zu werden, und dabei seinen Halt verlor. Von Jens König

Je schlechter es seiner Partei geht, desto rastloser tourt Kurt Beck durchs Land. In Zwickau feiert er mit den Genossen und deren Nachwuchs 145 Jahre SPD© Michael Trippel

Der Mann ist fertig, erledigt, politisch tot. Kanzlerkandidat? Wird sowieso Steinmeier. SPD-Chef? Bleibt er höchstens noch bis zum Herbst. Retter der Sozialdemokratie? Wer auch immer diese Rolle einmal übernehmen wird, eines steht heute schon fest: Dieser Räuber Hotzenplotz aus der Mainzer Provinz, der komische Anzüge trägt und komische Reden hält, rettet niemanden mehr, nicht einmal sich selbst.

In Berlin reden die Bescheidwisser an fast jeder Ecke so. Politikprofis, Journalisten, Meinungsforscher, führende Genossen - die meisten von ihnen haben ihr endgültiges Urteil über den SPD-Vorsitzenden gefällt: Dieser Pfälzer kann es nicht, er ist führungsschwach, ideenlos, ohne jede Autorität, ein Witz. Wer Kurt Beck in diesen Wochen durch die Hauptstadt begleitet, ist mit einer politischen Leiche unterwegs.

Man muss von Berlin schon ziemlich weit weg fahren, in eine völlig andere Welt, um Lebenszeichen von Kurt Beck zu vernehmen. Nach Bad Neuenahr zum Beispiel, in die bekannte Bäderstadt, nördliches Rheinland-Pfalz. Hier im Kurpark ist an diesem Freitagabend im Juni die Hölle los. 60-jährige Damen tanzen auf den Tischen. Peter Kraus, der beim betagten Publikum als Rock'n'Roll-Legende durchgeht, singt "Kitty Cat". Die Sendung heißt "Fröhlicher Weinberg", der SWR überträgt live, die Einschaltquote ist trotz Fußball-EM sensationell hoch. "Geht's Ihnen gut?", fragt der Moderator nach der wilden Kraus-Nummer. "Jaaaaa!", kreischt das Publikum.

Beck liebt den deutschen Schlager

Kurt Beck stößt einen spitzen Schrei aus, seine linke Faust fliegt durch die Luft. Er springt von seiner Holzbank neben der Bühne auf. Beck liebt den deutschen Schlager, und der deutsche Schlager liebt ihn. Der Moderator hechtet von der Bühne direkt zu ihm auf die Holzbank. "Sie machen einen tollen Job", flötet Beck ins Mikro. Der Moderator revanchiert sich: "Herr Ministerpräsident, Sie sind der einzige Gast, der dreimal in meiner Sendung war. Sie sind mein Glücksbringer. In diesem Jahr kann nichts mehr schiefgehen."

Beck - ein Glücksbringer. Hallo? Der Mann hat schlechtere Imagewerte als George Bush. In seiner Heimat glauben sie aber, ihren "Kurt" besser zu kennen. Im Weinberg darf Beck die nächste Sängerin präsentieren. "Sie ist eine tolle Unterhaltungskünstlerin", sagt er. Er senkt seine Stimme. "Sie ist die Grande Dame des deutschen Schlagers." Stimme wieder nach oben. "Meine Damen und Herren: Ingrid Peters!" Dann betritt Ingrid Peters die Bühne und singt ein Abba-Medley. Kurt Beck pfeift fröhlich die Melodien. Seine Frau Roswitha neben ihm singt alle Lieder mit.

Beck johlt beim deutschen Schlager im Fröhlichen Weinberg mit (mit Ehefrau Rosi)© Michael Trippel

Wo Beck sich auskennt, da fühlt er sich wohl. Ist ganz bei sich, freundlich, locker, souverän. In Bad Neuenahr feiern sie Rheinland-Pfalz-Tag, das Familienfest des Landes. Am Ende der drei Tage werden 250.000 Besucher dort gewesen sein, und fast alle werden sie zu Hause erzählen können, der Herr Beck, "unser Kurt", habe sie persönlich mit Handschlag begrüßt.

Im Kurort ist ein Stand an den nächsten gereiht, Weinstand, Wurststand, Polizeiorchesterstand, ein schier endloses Meer rheinland-pfälzischer Lebensart. Beck lässt nichts aus, klopft hier auf die Schulter, probiert dort einen Wein. "Schön, dass ihr dabei seid", sagt er überall. Der Ministerpräsident durchstreift sein Land, Marktstand für Marktstand, geschlagene zehn Stunden lang, dabei legt er 20 Kilometer zu Fuß zurück.

Beck kann "med de Leut"

Das ganze Getöse um SPD-Krise und Kanzlerkandidatur verstellt doch ein wenig den Blick auf diesen Pfälzer. Kurt Beck ist ein Menschenfreund. Er kann "med de Leut", wie sie bei ihm zu Hause sagen. Er kommt ja selbst aus kleinen Verhältnissen. 1949 in Bad Bergzabern in der Südpfalz geboren, Vater Maurer, Mutter Hausfrau. Acht Klassen Volksschule, anschließend Ausbildung zum Elektromechaniker. Höhere Schule, Abitur? War nicht dran zu denken, es gab ja nicht mal Geld für Klassenfahrten. Als er den Realschulabschluss nachholte, war er bereits 23 Jahre alt.

In der Beck-Welt zählen noch Anstand und Pflichtgefühl. Als ihm bei einem Empfang in Bad Neuenahr ein paar junge Leute aus Labach in der Südwestpfalz erzählen, dass in ihrem Dorf nur einmal am Tag der Bus fährt, verspricht der Herr Ministerpräsident sich zu kümmern. Sie sollen ihm schreiben und ihn daran erinnern. "Den Brief schickt ihr einfach an: Kurt Beck, Mainz. Kommt an."

Kurt Beck, Berlin - unter dieser Adresse kommt nichts an. Weil er hier einfach nicht zu Hause ist. Hier ist er als SPD-Vorsitzender im Dienst. Willy-Brandt-Haus, 5. Etage, Zimmer 5.2. Becks Büro in der Parteizentrale liegt genau an der Spitze des Hauses, das aussieht wie der Bug eines Schiffes. Hier oben beim Kapitän ist es totenstill. Als wäre die gesamte Mannschaft schon von Bord gegangen.

Es ist der Montag nach dem Rheinland-Pfalz-Tag. Verabredet ist ein Gespräch über Mainz und Berlin, über die heile Welt dort und die fremde Welt hier, darüber, wo Deutschlands Herz schlägt - in der Provinz, in Rheinland-Pfalz, oder im Zentrum, in der Hauptstadt. Fragt man Beck, warum er sich in Bad Neuenahr wohler fühle als in Berlin, antwortet er: "Niemand verlangt dort von mir, dass ich ein anderer Mensch sein soll." Wird das in Berlin von Ihnen verlangt? "Ich lese ständig, dass ich mich ändern und verbiegen soll."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 27/2008

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