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"Die Olympischen Spiele 2012 waren komplett verseucht"

Der kanadische Anwalt Richard H. McLaren half mit, den russischen Doping-Skandal aufzudecken. Selbst für einen Experten wie ihn ist der Umfang des Betruges viel schlimmer als erwartet, verrät er im stern-Interview.

Verrostete olympische Ringe in Russland

Verrostete olympische Ringe vor dem Forschungsinstitut für Sport in Moskau: Die russischen Doping-Methoden sind selbst für Experten schockierend

Der kanadische Anwalt und Doping-Experte Richard H. McLaren dachte, dass er die dunkle Seite der Sportwelt bereits kennen würde - bis er sich mit den Methoden des russischen Verbandes befassen musste. Trainer, Sportler, Funktionäre und sogar Mediziner - alle hätten mitgemacht, so McLaren im stern-Interview. Er fordert drastische Schritte, andernfalls fällt seine Prognose für die Zukunft ausgesprochen düster aus.

Herr McLaren, waren Sie überrascht von den Ergebnisse Ihrer Untersuchung zum Doping im russischen Sport?

Ja, völlig. Ich war ja bereits Teil einer Ermittlung, die 2007 die amerikanische Olympiasiegerin Marion Jones des Dopings überführte. Ich dachte also, dass ich die dunkle Seite des Sports kenne und mich nichts mehr schockieren würde. Das kann ich seit der Untersuchung gegen die russischen Sportverbände nicht mehr sagen.

Warum?

Der Umfang des Betruges ist gigantisch, viel schlimmer, als wir erwartet haben. Weil alle mitgemacht haben. Trainer, Sportler, Funktionäre und sogar Mediziner, die einen Eid geschworen haben, zu heilen. 

Ihr Bericht für die Welt-Anti-Doping Agentur umfasst über 300 Seiten. Welche sind die schlimmsten Betrügereien auf die Sie gestoßen sind?

Da gibt es eine ganze Menge. So setzten zum Beispiel Mitglieder des russischen Geheimdienstes Mitarbeiter eines Labors unter Druck, damit die positive Dopingtests von Topathleten vertuschten. Ein Labor zerstörte absichtlich über 1400 Dopingproben. Aber am schlimmsten war die Korruption.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Athleten wurden von ihren Trainern gezwungen, eine Art Schutzgeld zu zahlen. Die sorgten dann dafür, dass es keine offiziellen positiven Tests gab. 

Wie kam es zu Ihren Ermittlungen?

Der Auslöser unserer Untersuchung war eine Dokumentation über Doping in Russland den die deutsche ARD im Dezember 2014 gesendet hat. Ich war zu Beginn skeptisch und glaubte nur an Einzelfälle. Aber unsere Ermittler kamen sehr schnell zu demselben Ergebnis wie die ARD. 

Ist es legitim, die Vorgänge in Russland systematisches Doping zu nennen?

Ja, das kann man so sagen.

Kritiker werfen Ihnen aber vor, es mangele Ihnen an handfesten Beweisen. 

Richtig, wir haben keine Handbücher mit Anleitungen zum Doping gefunden. Diese Unterlagen gibt es vermutlich auch nicht.

Auf welche Belege stützen Sie sich dann?

Auf Aussagen, die wir von Whistleblowern bekommen haben. Wir sind absolut sicher, dass bei dem Umfang, den wir vorgefunden haben, es nicht nur ein paar Athleten oder Ärzte gewesen sein können. Das war zu perfekt und zu groß, irgendjemand muss das koordiniert haben. Mit großer Wahrscheinlichkeit war die russische Regierung in irgendeiner Form beteiligt.

Was fehlt noch, um diesen Zusammenhang endgültig zu belegen?

Wir brauchen mehr Informanten. Wir haben versucht, mit russischen Athleten zu reden. Nur wenige waren überhaupt dazu bereit. Und die mit denen wir sprachen, auch solche, die mit der ARD klar über Doping geredet hatten, zogen ihre Aussagen zurück oder dementierten.

Warum?

Wir sind uns ziemlich sicher, dass sie unter Druck gesetzt wurden.

Von wem?

Das können wir derzeit nicht eindeutig sagen.

Seit wann gibt es diese Form des Dopings in Russland?

Schon sehr, sehr lange. 

Aber seit vielen Jahren werden russische Sportler überdurchschnittlich häufig gedopt erwischt. Hätten man früher misstrauisch werden müssen?

Ja, vielleicht haben wir alle nicht richtig hingeschaut. Die Olympischen Spiele in London 2012 zum Beispiel waren so ein schönes Fest, dass wollte man sich nicht schlecht machen, indem man die Top-Leistungen in Frage stellte. 

Wie groß war das Ausmaß des Doping-Betruges in London?

Die Spiele waren komplett vergiftet. Betrügerische Athleten konnten starten und haben Medaillen gewonnen. Andere die fair und hart trainiert hatten, bekamen nichts. Für mich ist dieses Vorgehen ein schmerzhafter Angriff auf den Kern des Sports. Doping zerstört jeden Wettkampf.

War eine Methode besonders populär?

Interessanterweise hatte jeder Trainer sein eigenes kleines Dopingprogramm. Das Angebot war riesig. Was am Ende von allen genutzt wurde, waren EPO und anabole Steroide.

In Wahrheit wurde nur ein Bruchteil der Russen-Doper erwischt. Woran lag das?

Die Show der Russen war perfekt. Vieles passiert ja im Land selbst. Sie behaupteten, so viele Tests wie sonst niemand auf der Welt zu machen. Im Hintergrund investierten sie viel Geld in Vortests oder Bestechung und Manipulation in Labors. Aus der Ferne, konnte man glauben, Russland verhalte sich vorbildlich. Als wir nun die Chance bekamen, genauer hinzuschauen, sagen wir, dass alles ein gigantischer Betrug ist.

Ist Russland das einzige Land, das so skrupellos vorgeht?

Nein, sicher nicht. Wir haben viele Informationen, die auch in Richtung anderer Nationen weisen.

Welche sind das?

Das muss noch weiter untersucht werden. Aber Frankreich, Monaco, Singapur, Großbritannien und die USA sind sicher Länder, auf die man schauen sollte.

Und Deutschland?

Das hat ein sehr strenges Testsystem und ist sauber.

Hat Doping in den letzten Jahren zugenommen?

Nein, das glaube ich nicht, es war schon immer schlimm. Nur ist es uns bislang nicht gelungen, genug zu erwischen.

Bei Ihren Ermittlungen in Russland, begegnete Ihnen da irgendeine Art von Unrechtsbewusstsein?

Nein, überhaupt nicht. Fast alle waren der Meinung, man müsse dopen, weil die anderen es auch tun. Das ist natürlich Quatsch. 

Waren Trainer und Athleten gleichermaßen Täter?

Nicht immer. Es gab sogar Trainer, die ihre Schützlinge erpressten und sagten, dass wenn sie nicht mitmachen, nicht weiter gefördert würden. Oder nicht mehr mit den besten Trainern arbeiten können. Der Druck war enorm. 

Ihre Kommission fordert nun, dass Russland erklärt, man werde fortan den Anti-Doping-Regeln folgen. Ist es nicht naiv zu glaube, dadurch ändere sich etwas?

Ja, es ist in der Tat schwierig. Die Kultur des Einsatzes von illegalen Mitteln in Russland ist tief verankert. Die Gesundheit der Athleten ist nicht wichtig, nur die Medaille zählt. Das zu ändern, wird lange brauchen. Vor allem, weil es noch viele Trainer aus der Sowjet-Zeit gibt. Die geben ihre Ideen und Methoden an die nächsten Generationen weiter. 

Das klingt nicht sonderlich optimistisch.

Bin ich auch nicht. Wir brauchen drastische Schritte. Meine Meinung ist: Entweder sie ändern etwas - oder sie nehmen an den Spielen in Rio 2016 nicht teil. Das wäre ein Schock, der sie vielleicht zu Reformen zwingt.

Danach sieht es derzeit nicht aus. Die Reaktionen auf Ihren Bericht sind trotzig. Es heißt unter anderem: "Da waren drei Narren am Werk."

(lacht) Ja, das habe ich auch gehört. Wir haben die Beweise, sie sollen den Bericht lesen, der ist eindeutig. Die Russen wollten uns glauben machen, sie hätten sich geändert seit der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges. Unseren Bericht zeigt nun, dass es nicht so ist.

Interview: Alexandra Kraft
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