"Wer nicht dopt, fliegt raus"

23. Juni 2007, 10:38 Uhr

Er war einer der Ersten, die im Radsport auspackten. Jetzt legt Jesús Manzano nach, greift auch die Beichten der Telekom-Fahrer an. Der Spanier spricht von Lügen und Erpressung - und belastet einen Favoriten der Tour de France schwer.

"Doping ist ein Krebs, der wuchert. Und alle wissen es": Jesus Manzano©

Señor Manzano, Sie haben vor drei Jahren mit Ihrer umfassenden Dopingbeichte den Radsport erschüttert und die Polizei auf die Spur des spanischen Dopingarztes Eufemiano Fuentes gebracht. In Deutschland gaben vor wenigen Wochen ehemalige Telekom-Fahrer wie Erik Zabel und Rolf Aldag lediglich den Missbrauch des Blutdopingmittels Erythropoietin, Epo, zu. Glauben Sie, dass die Deutschen die ganze Wahrheit gesagt haben?

Nein, sie haben bestimmt nicht alles zugegeben. Sie hätten weitere Geständnisse ablegen und auch mehr Details liefern können. Hätten klar die Dopingzyklen benennen müssen, die sie durchgemacht haben.

Rolf Aldag, heute Sportdirektor bei T-Mobile, sagt, Doping sei für ihn eine ganz intime Angelegenheit gewesen. Er wisse nichts über andere Fahrer aus dem Team Telekom. Ist Doping im Radsport tatsächlich Privatsache?

Das ist eine Riesenlüge. Da lügt Rolf Aldag. Aldag lebt weiter vom Radsport. Er ist ja Direktor, er muss seine Einnahmequelle sichern. Wenn Aldag richtig auspackt, dann stellt er sich gegen Tausende von Radfahrern. Das ist ihm bewusst. Also spricht er von einer sehr persönlichen Sache. Das klingt nach einer Ausnahme, aber es gibt keine Ausnahmen im Radsport. Festina, Liberty Seguros, Phonak, mein ehemaliges Team Kelme und nun Telekom und T-Mobile - alles Teams, in denen gedopt wurde. Doping ist eben nicht die Privatangelegenheit von ein paar Leuten. Es ist ein Krebs, der wuchert. Und alle wissen es.

Wie offen wird in Radteams das Thema Doping behandelt?

Schauen Sie! (Manzano zeigt auf eines der beiden Betten in der Hotelsuite) Wir fahren eine Tour, die Etappe ist vorbei, hier schlafe ich, mein Teamkollege schläft direkt nebenan. Irgendwann abends klopft es an der Tür, bum, bum, bum. Hallo, ich bin Yolanda Fuentes (Schwester von Eufemiano Fuentes, die Red.), ich komme, um dir Kortison zu spritzen. Der Kollege, der danebenliegt, kriegt alles mit, er sieht, was sie mir injiziert. Und ich sehe, was sie ihm gibt. Mitten in der Nacht plötzlich wieder: bum, bum, bum. Ich bin’s, der Arzt, ich will dir ein Testosteronpflaster aufkleben. Beim nächsten Rennen liegt ein anderer Kollege neben einem. Dann geht das Spiel von vorne los: Bum, bum, bum, hallo, hier kommt die Gutenachtspritze. Jeder Fahrer weiß, was läuft. Also: Aldag soll den Leuten nicht so einen Quatsch erzählen.

Spricht man auch in großer Runde darüber?

Na klar. Du bist morgens im Teambus, ziehst dich um, und der Arzt sagt, ich werde dir dies und jenes geben. Und alle neun Fahrer sind dabei. Oder während der Tour de France 2003. Da gab es eine Krankenschwester, die dem Team Kelme von Hotel zu Hotel hinterherfuhr. Von den Fahrern wurde sie Paloma Blanca genannt...

...die weiße Taube...

...sie bekam 27 000 Euro, jeder Fahrer zahlte ihr aus eigener Tasche 3000 Euro für Epo, Testosteron und anderes Zeug.

Gibt es einen Erfahrungsaustausch unter den Fahrern, verrät man seine Dopingtricks?

Ja, und das sogar unter ärztlicher Anleitung. Ich kann mich an ein Rennen erinnern, da rief der Doktor abends: Alle Fahrer in Zimmer 215! Das heißt, im Zimmer 215 waren wir vielleicht fünf Fahrer. Jene Fahrer, die Insulin gespritzt bekommen hatten. Der Arzt wollte hören, wie es jedem Einzelnen mit dem Insulin ergangen ist und was man beim nächsten Mal besser machen könnte. Ich weiß von Fahrern, dass es in ihren Teams ähnlich war. Warum soll es ausgerechnet bei Telekom und später bei T-Mobile anders gewesen sein?

Haben die Fahrer denn nicht die Möglichkeit zu sagen: Ich will kein Doping, ich mache nicht mehr mit.

Nein, der Druck ist gewaltig. Die Teamchefs erpressen die Fahrer.

Womit?

Wenn du zum Arzt sagst, du willst kein Hundehämoglobin, dann meldet der Arzt das dem Teamchef, und der sagt dir dann: Du willst das Hämoglobin nicht? Macht nichts, dann wird dein Vertrag nicht erneuert. Niemand hat mir eine Pistole an den Kopf gesetzt und gesagt: Wenn du diese Pille nicht schluckst, erschieße ich dich. Nein, so nicht. Aber man hat mir gesagt, wenn ich nicht mitmache, werde ich nächstes Jahr rausgeschmissen.

Verlangten alle Teamchefs, die Sie erlebt haben, dass Sie dopen?

Klar. Denn wenn du dich nicht dopst, hältst du eine Rundfahrt nicht durch. Du kannst noch so gut sein. Man kann einfach keine Etappen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 45 km/h fahren.

Wer alles im Team wusste vom Doping?

Der Manager wusste es, der Direktor wusste es, der Trainer wusste es, die Ärzte wussten es, die Fahrer sowieso. Bei Kelme wussten es alle – bis hin zum Sponsor.

T-Mobile-Direktor Rolf Aldag und Bjarne Riis, Chef des dänischen CSC-Rennstalls, haben in ihrer aktiven Zeit gedopt. Heute geben sie sich als Vorkämpfer einer Anti-Doping- Bewegung. Sind sie glaubwürdig?

Man sollte Aldag und Riis rauswerfen. Im Radsport braucht man neue Leute mit einer neuen Mentalität. Wir müssen bei null anfangen. Das geht nicht mit den Sündern von gestern.

Jan Ullrich schweigt bis heute eisern. Was wissen Sie über seine Verwicklung in den Fuentes-Skandal?

Ich weiß, dass er Kunde von Fuentes war. Fuentes hatte einen Masseur, der bei Kelme arbeitete. Er hieß Francisco Javier Fernández Rojo, wir nannten ihn El Rubio, den Blonden. Einmal, es war 2000 oder 2001, guckten wir Radrennen im Fernsehen, wir hatten gerade eine Trainingspause. El Rubio sagte: Schaut mal, da ist Jan Ullrich, der wird von Eufemiano geführt. Wenn der Bursche ein bisschen auf sich aufpasst, gewinnt er dieses Jahr die Tour de France.

Sind Sie Ullrich auch mal in der Praxis von Fuentes begegnet?

Nein, aber viele andere Berühmte habe ich gesehen. Marco Pantani zum Beispiel. Bevor man in die Praxis kam, musste man sich telefonisch anmelden. Gegenüber der Praxis war ein Café, dort habe ich gewartet. Von da aus habe ich beobachtet, wer alles ein- und ausging. Irgendwann kam dann ein Anruf auf meinem Handy, und dann durfte ich hoch zu Fuentes.

Wen haben Sie außer Radprofis gesehen?

Leichtathleten und Fußballer.

Lesen Sie auch
Sport
Sport-Liveticker
Fußball-Bundesliga - live Fußball-Bundesliga - <i>live</i> Die Jagd nach der Schale Zum Liveticker