Er bekam böse Post von der NPD - und engagiert sich unbeeindruckt weiter: Der gebürtige Libanese Nader Khalil will für die CDU in den Bundestag. Ein Lehrstück über Migranten und Politik. Von Georg Fahrion

Keine Chance auf ein Bundestagsmandat: Nader Khalil (CDU) steht auf dem vorletzten Listenplatz© Georg Fahrion
Am vergangenen Samstag fand Nader Khalil, ein CDU-Bundestagskandidat aus Berlin-Neukölln, ein amtlich anmutendes Schreiben ohne Absender in seinem Briefkasten. Ein "Ausländer-Rückführungsbeauftragter" wollte den Politiker "mit den Einzelheiten Ihrer Heimreise" vertraut machen. Der Brief kam von der rechtsextremen NPD, die mit diesem perfiden PR-Trick ihre Wählerschaft mobilisieren wollte - CDU-Mann Nader Khalil ist aus dem Libanon eingewandert. "Erschreckend ist, dass dieser Brief an meine Privatadresse geschickt wurde", sagt er. "Aber ich bin schon zu lange in der Politik, um mich von so etwas einschüchtern zu lassen."
Es ist immer noch ungewöhnlich, wenn ein Einwanderer sich für die Christdemokraten engagiert, zumal, wenn er Muslim ist wie Khalil. Die Partei ist nicht gerade bekannt für ihre Offenheit gegenüber Migranten: Sie sammelte Unterschriften gegen die doppelte Staatsbürgerschaft und verwässerte das fortschrittliche Zuwanderungsgesetz, das die rot-grüne Bundesregierung auf den Weg bringen wollte. Die Direktkandidatur eines bekannten türkischstämmigen CDU-Politikers scheiterte 2002 am Widerstand der Basis in seinem nordrhein-westfälischen Wahlkreis. "Nach wie vor herrscht in Teilen der CDU keine große Begeisterung darüber, Migranten aufzustellen", sagt der Politikwissenschaftler Andreas Wüst von der Universität Mannheim, der das Wahlverhalten von Zuwanderern erforscht.
Khalil wurde aufgestellt - aber auf dem aussichtslosen Platz 13 der Berliner Landesliste. Im scheidenden Bundestag sitzt gerade mal eine CDU-Abgeordnete mit Migrationshintergrund. Dazu kommen zehn weitere bei der SPD, den Grünen und der Linkspartei. Das sind zwei Prozent der Volksvertreter, obwohl 18 Prozent der Menschen in Deutschland aus Einwandererfamilien stammen.
Rund ein Drittel von ihnen kann bei der kommenden Bundestagswahl abstimmen. Der Bundeswahlleiter beziffert die Zahl der Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund auf 5,6 Millionen, das sind knapp 9 Prozent aller potenziellen Wähler, mehr als je zuvor. Das politische Gewicht von Deutschen mit Migrationshintergrund wächst.
"Ich hatte immer vor, in dieser Gesellschaft aktiv zu sein, etwas zu verändern", sagt der Neuköllner Khalil. "Aber das kann man nur, wenn man ein Teil davon ist. Wenn man den Pass hat, kann man politisch partizipieren." Der 41-Jährige, groß und kräftig, begrüßt den Besucher mit klatschendem Handschlag, bietet Kaffee an. In dem Gesprächsraum im Neuköllner Deutsch-Arabischen Zentrum steht ein Flipchart, jemand hat "Väter?", "Jobcenter", "Überforderte Mütter" mit grünem Edding darauf geschrieben. Khalil arbeitet hier als Betreuer für straffällig gewordene Jugendliche.
Es sind auch die Erfahrungen aus seiner täglichen Arbeit, die ihn in die CDU geführt haben: "Das Wertesystem vieler Jugendlicher ist in Schieflage geraten. Väter, mit denen ich spreche, sagen mir, ihre Söhne hätten keinen Respekt." Die CDU allerdings setze die Familie an die erste Stelle; überdies habe sie in Neukölln mehrfach beantragt, die Polizei zu verstärken. Vor allem aber schätze er, dass seine Partei klare Linien ziehe. "Wir sollten Regeln setzen für das Zusammenleben. Wir sollten gemeinsame Werte schaffen. Ich persönlich habe diese Klarheit in der CDU gefunden."