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28. August 2009, 15:49 Uhr

Ohne Faxen für Sachsen

In Sachsen gibt's wenig SPD, dafür viel NPD und die CDU kann sich eigentlich nur selbst besiegen. An deren Spitze tritt der höfliche Sorbe Stanislaw Tillich bei der Landtagswahl an. Ein Porträt. Von Niels Kruse, Sächsische Schweiz

Sachsen, Stanislaw Tillich, CDU, Pirna

Der Sachse, sein Plakat und der Kollege von der CSU: Stanislaw Tillich (r.) und Horst Seehofer in Chemnitz© Matthias Hiekel/DPA

Der Ministerpräsident zieht aus seiner Anzugtasche eines dieser schmalen Portemonnaies, in die die Scheine nur längs gefaltet hineinpassen. Zehn Euro hält er dem Fischverkäufer entgegen, doch der winkt ab: "Herr Tillich, der Räucher-Aal geht natürlich auf Kosten des Hauses", sagt er. Und weil der sächsische Regierungschef schon einmal da steht, bekommt er zum Fisch den Sound der Straße dazu: "Wenn Sie mich fragen, dann sollte der Staat jedem Arbeitslosen einen Besen in die Hand drücken", tönt es aus dem Verkäufermund. Der Landesvater lächelt bemüht, verabschiedet sich, beißt in den Fisch und sagt: "Schmeckt etwas sauer."

Es ist Superwahljahr, und die Sachsen müssen zweimal innerhalb des nächsten Monats an die Urne, am Sonntag wegen der Landtagswahl, vier Wochen später wegen der Bundestagswahl. Es ist die Zeit, sich volksnah zu geben: hier Hände schütteln und plaudern, dort Kinder streicheln und mit Rentnerinnen flirten. Es ist nicht die Zeit des Stanislaw Tillich, 50, Maschinenbauingenieur, Christdemokrat und seit Mai 2008 Ministerpräsident des Freistaats Sachsen.

Warmer Blick, freundliches Lächeln, offenes Hemd

Seit Anfang August tourt der Regierungschef in einem grün beklebten Bus durch das Land. Ein Schriftzug mit seinem Namen ist darauf zu sehen, daneben sein Konterfei: warmer Blick, freundliches Lächeln, offenes Hemd. Neulich war er damit in Plauen, es war ein Reinfall: Der Ministerpräsident dachte, es sei ein gelungener Willkommensgruß, den Vogtländern zu ihrem neuen Autokennzeichen mit dem Buchstaben "V" zu gratulieren. Leider wollten die Bewohner genau das nicht, sondern ihr geliebtes "PL" behalten. Tillich wurde ausgepfiffen.

An diesen Mittwoch ist er in Pirna, dem Tor zur Sächsischen Schweiz. Und auch dieser Tag beginnt nur mäßig herzlich. Es ist schwül, auf dem Wahlkampfprogramm stehen "lockere Gespräche mit Passanten und Händlern". Doch das mit den lockeren Gesprächen ist so eine Sache: Der erste Smalltalk bei einer Friseurin dauert keine Minute, genauso schnell endet die nächste Plauderei beim Bäcker auf dem benachbarten Markt. Im Uhrenladen Weise in der Schuhgasse dreht ihm eine Kundin demonstrativ den Rücken zu, und aus der Parfümerie nebenan wird Tillich samt Begleitung prompt wieder rausgeworfen, weil die Inhaberin nicht geschminkt sei, wie sie behauptet.

Wer ist dieser Mann?

Nein, Tillich ist keiner dieser windschnittigen Politikertypen, die mit großer Geste auf die Menschen zugehen und ihnen anhand von knackigen Parolen verkaufen, dass alles besser werde, wenn man sie nur wähle. Andererseits: Ein Zuhörer, der mit ernster Miene die Sorgen seines Volkes aufsaugt und anschließend zur Chefsache erklärt, ist er auch nicht gerade. Und doch mögen ihn die Sachsen. Auf einer Beliebtheitsskala von minus fünf bis plus fünf bekommt er die ansehnliche Note 2,2. Fragt sich: Wie passt das zusammen? Wer ist dieser Mann?

Zunächst einmal einer, der das Musterland des Ostens in einer Zeit übernommen hat, die nicht gerade rosig ist. Die Wirtschaftskrise hinterlässt auch in Sachsen ihre Spuren, die Arbeitslosigkeit steigt, die viel gepriesene Hightech-Industrie verliert Aufträge. Tillich regiert mit ruhiger Hand, pragmatisch aber weitgehend visionslos. Viele erinnert er deshalb an Angela Merkel, was nicht nur nett gemeint ist.

"Stanislaw Tillich - der Sachse"

Glaubt man der Botschaft auf den CDU-Werbeflächen, dann ist Tillich vor allem eines: ein Sachse. "Stanislaw Tillich - der Sachse", so steht es geschrieben, weiß auf grau. Die Wahlkampfstrategen mussten sich viel Hohn und Spott für diesen vermeintlich schlichtesten aller denkbaren Slogans anhören. Aber: Was woanders eine nicht weiter erwähnenswerte Nichtigkeit wäre, die Herkunft des Regierungschefs, zieht im Süden durchaus.

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