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22. September 2007, 13:14 Uhr

Die Gazoviki, das Geld und die Gier

Die Methoden sind dubios, die Partner halbseiden. Die Manager des Gazprom-Konzerns überziehen Europa mit einem Netz von Tarnfirmen - auch zum eigenen Vorteil? Von Hans-Martin Tillack

Der Stoff, aus dem die Profite sind: Gasquelle im sibirischen Nowij Urengoj nahe des Polarkreises, eine der Gazprom-Förderstätten© Jochen Luebke/ DDP

Dies ist die Geschichte einer Invasion. Eines gewaltigen Feldzugs, von langer Hand geplant. Der Generalstab sitzt weit im Osten, in Moskau, der Hauptstadt Russlands. Das Zielgebiet ist Deutschland - und das restliche Westeuropa. Es geht bei dieser Invasion um Gas. Aber mehr noch um eine große Menge Geld. Um sehr viel Geld für sehr wenige. Und zwar für Menschen, die größten Wert darauf legen, nicht bekannt zu werden. Es ist die Geschichte von Gazprom, dem russischen Gasriesen. 180 Milliarden Euro beträgt sein Börsenwert, gut doppelt so viel wie der von Siemens. Gazprom ist der größte Konzern Europas - und zugleich der am schwersten zu durchschauende. Verschleierung scheint Geschäftsprinzip zu sein.

Für Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) war es eine "Ehrensache", für 250.000 Euro jährlich einen Posten im Aktionärsausschuss der Gazprom-Tochter Nord Stream anzunehmen. Dies sei, sagt Schröder, im Interesse "unseres Landes und Europas". In der Geschichte dieser Invasion wimmelt es jedenfalls von alten Stasi-Leuten und halbseidenen Figuren. Es geht um Briefkastenfirmen, die nicht einmal einen Briefkasten haben, um ineinander verschachtelte Firmen und Unterfirmen, die vor allem eins bewirken: Sie verbergen Geldflüsse. Gazoviki werden die Gazprom-Manager in Russland genannt. Viele von ihnen kommen vom KGB oder aus dem sonstigen Freundeskreis des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Weil sie wegen der staatlich verordneten Niedrigpreise im eigenen Land nur Verluste machen, müssen die Gazoviki ran an die europäischen Endverbraucher. "Downstream" nennen das Insider. "Im Downstream kann man größere Gewinne erzielen", sagt der Energieexperte Andreas Heinrich.

Gazprom- Invasion gibt Rätsel auf

Die Invasoren sind bereits weit vorangekommen. Gazprom-Gas hat einen Marktanteil von mehr als 40 Prozent, auf 60 Prozent kann der Wert in den nächsten Jahren steigen. Andere Staaten, wie Finnland, sind sogar zu 100 Prozent von den Lieferungen abhängig. In der Berliner Markgrafenstraße haben die Gazoviki ihren ersten Brückenkopf etabliert. Hier residiert die deutsche Tochter Gazprom Germania. Mit Eon und BASF sitzen auch die beiden wichtigsten Partner des Staatskonzerns in Deutschland. Gemeinsam mit Gazprom bauen sie eine sechs Milliarden Euro teure Pipeline durch die Ostsee, 2010 soll sie fertig sein. Unter dem ehemaligen DDR-Gasfunktionär Hans-Joachim Gornig hat Gazprom Germania für die Moskauer Bosse ein verzweigtes Netz von Beteiligungen in ganz Europa aufgebaut. Zur Imagepflege investiert Gazprom Germania Riesensummen, bis zu 125 Millionen Euro für den Bundesligisten Schalke 04 etwa. Wenn Gerüchte über einen Einstieg bei RWE oder Ruhrgas auftauchen, schrillen in Deutschland die Alarmglocken. Nicht ohne Grund. "Es ist sehr schwer, eine Firma zu finden, die nicht auf unserer Watchlist steht", sagt Gazprom-Vize Alexander Medwedjew.

Alte Freunde, dick im Geschäft: Altkanzler Gerhard Schröder und Russlands Präsident Wladimir Putin auf der Hannover-Messe© Jochen Luebke/ DDP

Einige Beteiligungen haben nur wenig mit dem Kerngeschäft zu tun - wie die Mini-Tochter ZMB Mobil im brandenburgischen Möthlow. Sie betreibt mit sieben Mitarbeitern eine Kfz-Werkstatt, die auch Autos von Benzin auf Gas umrüstet. Aber warum investiert Gazprom sechsstellige Euro-Beträge ausgerechnet in einem 194- Einwohner-Dorf, zwischen freilaufenden Hühnern und verfallenden LPG-Ställen? Schon der sichtbare Teil der Gazprom- Invasion gibt Rätsel auf, aber auch ein weniger sichtbarer. Archbishop Makarios III Avenue 199 im zypriotischen Limassol: Kein Firmenschild und kein Briefkasten verraten es, aber hier verbirgt sich eine zentrale Schaltstelle im mysteriösen Geflecht der Gazprom-Firmen. In dem unauffälligen dreistöckigen Gebäude mit Ziegeldach sitzt die Centrex Group Holding. Sie besitzt 100 Prozent der 2003 gegründeten Wiener Centrex- Gruppe, die seit 2006 österreichische Kunden mit russischem Erdgas beliefert. Für 2007 erwartet Centrex bereits einen Gas-Umsatz von 265 Millionen Euro.

Abenteuerliche Konstruktionen erlauben es, Geld zu verstecken

Man habe "enge persönliche Beziehungen zu Führungskräften von Gazprom", sagte ein Centrex-Manager im August 2005 Kartellexperten der EU-Kommission. Centrex steht sogar an der Spitze des Gazprom- Vormarsches in Westeuropa - nur dass die beiden Unternehmen die Liaison nicht immer offen zugeben. Zwischen die Gazprom-Zentrale und das operative Centrex-Geschäft in Wien schalteten die russischen Manager zahlreiche weitere Gesellschaften - via Limassol, Liechtenstein, Nikosia und Amsterdam. Erst ganz am Ende führt die Spur nach Moskau (siehe Grafik Seite 183). Aber warum? Was die Gazoviki in Zypern oder Liechtenstein an Steuern sparen, geht für die kaskadenartige Struktur wieder drauf. "Da verrauchen Kosten sinnlos", sagt der Wirtschaftskriminalist Helmut Görling. "Wenn eine Gesellschaftsstruktur zu kompliziert wird, ist das erklärungsbedürftig. Wenn man die Notwendigkeit nicht erkennen kann, wird es verdächtig. Die Liechtensteiner IDF etwa wurde nur 16 Tage, bevor sie Centrex kaufte, gegründet - unter bemerkenswerten Umständen. Als IDF-Gründer trat zunächst die Zürcher Multina AG auf, vollständig im Besitz eines Schweizer Anwalts namens Hans Baumgartner. Nachdem die Konzession erteilt war, kaufte eine zypriotische Firma namens Siritia Ventures Limited alle Aktien.

Siritia hat in Nikosia zwar eine Adresse am Sitz einer Anwaltskanzlei, viel mehr aber auch nicht. Die offizielle Siritia-Mutter Rubin wiederum ist an der angegebenen Adresse in Moskau nicht auffindbar. Noch 2005 führte die Gazprombank sie offiziell als Tochter auf. Eine Firma dieses Namens sei ihr nicht bekannt, verkündete die Bank jetzt auf Anfrage des stern. Auf welchem Weg Gazprom dann die Töchter in Zypern und Wien kontrolliert, bleibt rätselhaft. Solch abenteuerliche Konstruktionen machen es fast unmöglich, den Weg des Geldes zu verfolgen. Sie erlauben es, Geld zu verstecken - zum Beispiel vor den westlichen Gazprom-Teilhabern, die seit Jahren über die undurchsichtige Geschäftspolitik des Konzerns klagen. Auch Eon hält 6,4 Prozent der Gazprom-Aktien. "Wenn ich Aktionär wäre, würde ich fragen, was auf diesen Stufen abfließt, bevor der Gewinn oben ankommt", sagt Wirtschaftskriminalist Görling. "Die Konzernzentrale hat ja Durchgriff auf die verschiedenen Kaskaden und kann da jederzeit einen Berater reinschieben." In der Tat scheinen im Centrex-Geflecht beträchtliche Summen zu versickern - zum Beispiel Millionen Euro allein für "Beratungskosten". So im Mai 2005 für ein "Consultancy Agreement" mit einem Ex- Mitarbeiter des großen britischen Centrica- Konzerns, für dessen Kauf sich Gazprom kurz darauf interessierte. Centrex sagt, alle Aufträge an Dienstleister seien "lückenlos" dokumentiert und "geprüft".

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Ausgabe 38/2007

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