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7. August 2009, 13:57 Uhr

320 Millionen Euro für drei Minuten

Berlin bekommt eine Kanzler-U-Bahn. Von Samstag an wird sie unter dem Regierungsviertel fahren. Die Geschichte dieses Verkehrsmittels ist skurril: Die U55 ist die kürzeste U-Bahn Deutschlands, kostete 320 Millionen Euro, die Bauzeit dauerte dreizehn Jahre - und ständig wurde über das Bähnlein gespottet.

Berlin, U-Bahn, U55

Ein Waggon der neuen U55 wird mit einem Kran auf die unterirdischen Gleise gehievt© Fabrizio Bensch/Reuters

Mit der "Kanzler-U-Bahn" geht es nun auch unter dem Brandenburger Tor hindurch. Von diesem Samstag an gibt es für Berliner und Touristen einen unterirdischen Weg durch das Regierungsviertel. Als neue Linie U55 pendelt ein Schienenshuttle auf Deutschlands kürzester U-Bahn-Strecke zwischen dem Hauptbahnhof und dem Pariser Platz. Den Steuerzahler kostete diese Drei-Minuten-Fahrt 320 Millionen Euro und starke Nerven. Insgesamt dauerte der U-Bahn-Bau 13 lange Jahre. Und rechnen dürfte sich die Linie erst, wenn sie für weitere 433 Millionen Euro bis zum Alexanderplatz verlängert wird - 2017 soll es soweit sein.

Doch erst einmal feiert Berlin seine 1,8 Kilometer lange U-Bahn. Zu sehen gibt es drei moderne Stationen, die mehr sein wollen als reine Haltepunkte. Der Bahnhof Brandenburger Tor ist als Infopunkt in das Gedenkstättenkonzept Berliner Mauer eingebunden. Am Kiosk lassen sich Hörbücher zur Mauer ausleihen, Computer bieten Zugang zu Internetseiten voller Stadtgeschichte. Große Bildtafeln hinter dem Gleisen zeigen, welcher Wandel sich an diesem Ort vollzogen hat. Vor 20 Jahren verlief am Brandenburger Tor der Todesstreifen. Heute flanieren Touristen auf dem neuerbauten Pariser Platz, der vom Hotel Adlon, der Akademie der Künste, Botschaften und Banken gesäumt wird.

Spötter nennen sie "Stummellinie"

Die Spötter sind dennoch nicht verstummt. "Stummellinie" nennen sie die U55 abschätzig. Denn noch haben die kurzen, teuren Tunnelröhren keine Verbindung zum restlichen U-Bahnnetz. Für Verkehrsexperten ist die Mini-Strecke sogar einmalig in Europa und erinnert sie an einen Schildbürgerstreich. Berlin ist wohl die einzige Stadt, die U-Bahn-Waggons von einem Lastkran mit Stahlseilen in die Unterwelt hieven muss.

Doch es gibt sie nun einmal, die Kanzler-U-Bahn. Ihre Planung fiel in die Berlin-Euphorie der frühen Nachwendezeit, in der Architekten auch den riesigen gläsernen Hauptbahnhof entwarfen. Zur Jahrtausendwende hat Berlin, in der Realität angekommen, den U-Bahn- Bau aus Geldnot gestoppt. Doch der Bund als Hauptfinanzier drückte die Fertigstellung mit einem Ultimatum durch: entweder die Hauptstadt zahlt Millionen Euro Bundesgelder zurück - oder die U-Bahn fährt.

Verschrecktes Weiterbuddeln

Berlin buddelte verschreckt weiter. An weniger prominenter Stelle, vermutet der kritische Berliner Fahrgastverband IGEB, wären die Arbeiten irgendwann trotzdem eingestellt worden. Vor dem Reichstag aber liefen Abgeordnete und ihre Wähler jeden Tag am verriegelten "Geisterbahnhof" Bundestag vorbei, der zuletzt nur für Opernaufführungen geöffnet wurde. Kanzler-U-Bahn galt vielen Berlinern ohnehin als Spottname. Welcher Kanzler samt Chauffeur und Dienstwagen würde wohl mit der U-Bahn zur Arbeit fahren?

Es bleibt die Hoffnung auf Berliner und Touristen. 17 Meter müssen sie nun zum U-Bahnhof Brandenburger Tor hinabsteigen. Die Station, in Weiß- und Anthrazittönen gehalten, ist eine der am tiefsten gelegenen Berlins. Gebaut wurde hier im Eismantel, um das Grundwasser in den Griff zu bekommen - und die Linie rechtzeitig zur Fußball- Weltmeisterschaft 2006 zu eröffnen. Das Grundwasser machte trotzdem Ärger, der Bau verzögerte sich erheblich. Nun pendelt die U55 immerhin zur Leichtathletik-WM, die am 15. August beginnt.

Verkehrstechnisch hat Berlin inzwischen ein ganz anderes Problem. Die S-Bahn fährt nach einem Notfahrplan, da sie viele Züge nach Sicherheitsmängeln in die Werkstatt schicken muss. Die U-Bahn ist zum beliebtesten Verkehrsmittel der Stadt geworden. Von daher könnte der Zeitpunkt für die Eröffnung der neuen Mini-Strecke kaum besser sein.

Ulrike von Leszcynski/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 28)
 
Sawadee (08.08.2009, 11:08 Uhr)
Kein Geld da
Ich denke,Berlin ist in Finanznöten.Jeden Tag liest man,daß unsere Hauptstadt kein Geld mehr hat,immer mehr öffentliche Einrichtungen geschlossen werden müssen und dann ist plötzlich wieder genug Geld vorhanden,um den Regierenden ein solch überflüssiges Spielzeug zu spendieren.Deutschland verkommt immer mehr zu einem Schildbürgerstaat !!!!!!
pitiplatsch (08.08.2009, 05:28 Uhr)
Und da regt
sich noch jemand über die Schmid auf ??
manneberlin (08.08.2009, 03:25 Uhr)
Sind noch...
... dümmere Kommentare als diese hier versammelten möglich oder auch nur denkbar?
Fakten, aber auch Zukunftsperspektiven interessieren heute ja niemand mehr.
oppenwehe (08.08.2009, 01:29 Uhr)
@mrp66
Ich bin - wie Du - Arbeitnehmer. Soll ich auf allen Knien zum Bundestag robben, nur weil ich für Politiker arbeite? Weißt Du eigentlich, was der Lückenschluss des Berliner S-Bahn-Ringes gekostet hat?
MRP66 (08.08.2009, 01:18 Uhr)
Warum also der Ärger?
Weil man Dafür 320 Millionen rausgeschmissen hat!!!
.
.
Habt Ihr überhaupt noch eine Relation zu Geld?
oppenwehe (08.08.2009, 01:04 Uhr)
@ alle
Ich arbeite im Bundestag - zusammen mit 6.500 Kollegen. Für uns erleichtert diese Strecke die Fahrt zum Arbeitsplatz sehr. Und was die Touristen angeht: Direkt vom Hauptbahnhof zum Brandenburger Tor, statt über Friedrichstraße? Ist doch perfekt! Warum also der Ärger?
LaoLu (08.08.2009, 00:23 Uhr)
Und Wowereit kriegt dafür Prügel, ja?
Kann mal bitte jemand nachrechnen, was 2009 minus 13 ergibt?
Und da war Baubeginn!
Die Entscheidung, die Milliönchen unter der Erde zu versenken, ist Jahre vorher gefallen.
.
Aber ein bunter, schwuler Bürgermeister eignet sich ja viel besser zum Draufhauen als ein honoriger Konservativer wie der ehrenwerte Herr Diepgen...
serigala (07.08.2009, 21:42 Uhr)
Kanzler-Bähnle
Ich bestehe als Hesse darauf, dass ALLE U-Bahn Wagen diese "Linie" nach hess. Städten benannt werden. Wir Hessen finanzieren doch über den Finanzausgleich der Länder diese "Regenbogenstadt", damit "Wowi" schön feiern kann (macht ja auch mehr Spass, als Geld zu verdienen).
cologne237 (07.08.2009, 18:41 Uhr)
@tepes
Sorry, ich wollte auch nicht schrechlich, sondern hässlich schreiben.
(Peter Fox / Guten Morgen Berlin, Du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau )
Da ist bunt und schwul doch besser.
PS. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen. Gruß an Wowereit. :-)
Medley (07.08.2009, 17:57 Uhr)
Nein, kein verschwendetes Geld,wenn
man die U55 über die Ebertstraße bis zum Potzdamer Platz verlängerte. Dann hätte man nämlich vom Hauptbahnhof aus anschließend eine prima U- und S-Bahnverbindung in die ganzer Stadt hinein.
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