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Ukraine-Krieg und seine Folgen Die Klimaziele wanken

Produktion Mercedes Sindelfingen
Produktion Mercedes Sindelfingen
© press-inform - das Pressebuero
Der Krieg in der Ukraine bringt nicht nur gewaltige Flüchtlingsströme und ein gewaltiges Leid für die Bevölkerung, sondern wirkt sich direkt auf die weltweite Wirtschaft aus. Das gilt nicht allein für die steigenden Energiepreise, sondern auch die langfristigen Klimaziele.

Nach Berechnungen der Analysten von Global Data könnte der Krieg in der Ukraine dafür sorgen, dass eine Wirtschaftsnation wie Deutschland ihr Ziel von 15 Millionen Elektrofahrzeugen auf den Straßen bis 2030 nicht erreichen könnte. Die steigende Zahl der elektrifizierten Autos auf den Straßen war ein wichtiges Element für die Erreichung des deutschen Ziels. Der Krieg in der Ukraine hat dazu geführt, dass der Preis für Nickel, Schlüsselkomponente für Batterien von Elektroautos, seit Ende 2021 um 18 Prozent auf über 24.000 US-Dollar pro Tonne gestiegen ist. Infolgedessen könnte Deutschland in den kommenden Jahren ein gedämpftes Wachstum bei Elektroautos erleben. Die Sanktionierung von russischem Nickel hat nicht nur Auswirkungen auf die Preise der Fahrzeuge und deren Lieferbarkeit, sondern die westlichen Wirtschaften werden dadurch auch länger auf russisches Öl und Gas angewiesen sein. Laut dem Mining Commodity Analyzer von Global Data war Russland im vergangenen Jahr mit einer Produktion von über 200.000 Tonnen der drittgrößte Produzent von Nickel.

"Geopolitische Probleme wie die Situation zwischen Russland und der Ukraine stören das feine Gleichgewicht der Lieferketten für Batteriemetalle. Ein in die Höhe schießender Nickelpreis hätte erhebliche Auswirkungen auf die klimapolitischen Ambitionen von Ländern auf der ganzen Welt und würde letztlich die Verbreitung von Elektroautos behindern", erklärt Daniel Clarke, Batterieexperte von Global Data, "die zusätzlichen Kosten werden sich irgendwo bemerkbar machen, entweder in den Gewinnen der Autohersteller oder in der Weitergabe an die Kunden. Jetzt ist ein kritischer Zeitpunkt für die Einführung von E-Fahrzeugen, da die fortgeschrittenen Volkswirtschaften den Prozess der Dekarbonisierung beschleunigen wollen."

Wenn Rohstoffe wie Nickel nicht mehr aus der Ukraine oder Russland genutzt werden, müssten andere Nationen wie zum Beispiel Indonesien oder die Philippinen eintreten. Das wiederum hätte nicht nur Auswirkungen auf die Preise, denn da die beiden Nationen deutlich weiter als Russland von der Autofertigung in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Italien entfernt sind, gäbe es auch einen Anstieg der Emissionen in den Lieferketten. Gerade in den vergangenen drei Jahren hatten sich die Autoherstellern bemüht, die Dekarbonisierung ihrer Lieferketten mit Hochdruck voranzutreiben. Zudem könnte dies indirekt zu einer größeren Abhängigkeit von China führen, da chinesische Unternehmen eine Schlüsselrolle bei den wichtigsten Nickelminen in diesen Ländern spielen.

Bis zum Jahre 2039 soll zum Beispiel Daimlers Neuwagenflotte CO2-neutral werden. "Auf lange Sicht soll sich die Wertschöpfungskette zum Wertschöpfungskreislauf entwickeln", so die Aussage von Daimler-Konzernvorstand Ola Källenius, die der Zulieferbranche in den letzten Monaten immer größere Sorgenfalten auf die Stirn treibt. "Bei der Umsetzung unseres langfristigen Ziels der Klimaneutralität setzen wir neben der konsequenten Elektrifizierung unserer Produktpalette auch in der Lieferkette an: Bereits für die nächste Fahrzeuggeneration unserer Produkt- und Technologiemarke EQ soll ein Teil der Batteriezellen zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energien produziert werden", erläutert Mercedes-Entwicklungs- und Einkaufsvorstand Markus Schäfer, "als erstes Ergebnis der Nachhaltigkeitspartnerschaft mit einem wichtigen Lieferanten von Lithium-Ionen-Batterien werden wir durch den Bezug CO2-neutral produzierter Batteriezellen deutlich über 30 Prozent am CO2-Fußabdruck der Gesamtbatterie künftiger Fahrzeugmodelle einsparen." Volvo, Premiummarke aus dem Geely-Konzern, will bis zum Jahre 2025 die CO2-Emissionen in der Lieferkette um mindestens ein Viertel reduzieren.

Nach Angaben des deutschen Umweltbundesamtes ist der Verkehrssektor für ein Fünftel der Gesamtemissionen zwischen Kiel und Garmisch-Partenkirchen verantwortlich. Zwei der wichtigsten Faktoren für die Einführung von Elektrofahrzeugen waren die zentrale Förderung und die sinkenden Batteriepreise. Angesichts der steigenden Batteriekosten und der Ungewissheit über die Höhe der zentralen Förderung ab 2023 besteht nach Ansicht der Analysten von Global Data die Gefahr, dass das Ziel verfehlt wird. "Nickel ist ein wichtiger Bestandteil bei der Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien", erklärt Mohit Prasad von Global Data, "Batterien sind die wichtigste Komponente von Elektrofahrzeugen. Die Ukraine-Russland-Krise hat zu dem höchsten Anstieg der Nickelpreise seit einem Jahrzehnt geführt."

Die Automobilhersteller in Europa und speziell in Deutschland sind bereits von der Krise betroffen. Volkswagen hat im vergangenen Jahr bereits ein Fünftel seiner Fahrzeuge in Deutschland mit einem Elektroantrieb verkauft. Die Produktion in zwei ostdeutschen Fabriken wurde nunmehr ausgesetzt, weil die Krise die Lieferung wichtiger Teile aus der Westukraine unterbrochen hat. Insbesondere fehlen dem Autohersteller aktuell Kabelstränge. Ganz ähnlich sieht es bei anderen deutschen Autoherstellern aus. Auch BMW musste seine Fertigung stoppen.

"Deutschland hat sich das Zwischenziel gesetzt, die Treibhausgasemissionen des Verkehrssektors bis 2030 um 48,1 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu senken. Das Wachstum des Marktes für Elektrofahrzeuge ist dafür wichtig", so Mohit Prasad weiter, "das Land hat bereits die Marke von einer Million Elektroautos auf den Straßen überschritten. Die Hälfte davon sind batteriebetriebene Elektrofahrzeuge, der Rest sind Plug-in-Hybriden. Um das Ziel von 15 Millionen Elektroautos bis 2030 zu erreichen, müsste der Markt mit einer durchschnittlichen Rate von 35 Prozent wachsen." Die Analysten befürchten, dass mit anhaltendem Krieg in der Ukraine sich die Beschaffung von Rohstoffen schwieriger und insbesondere teurer gestaltet. Mohit Prasad: "Dies könnte das vorläufige Ziel des Landes, die Treibhausgasemissionen aus dem Verkehrssektor bis 2030 zu reduzieren, beeinträchtigen."

Doch Probleme gibt es nicht allein in der europäischen Fertigung. Selbst in Spartanburg, im größten BMW-Werk der Welt, könnten die Bändern bald langsamer laufen als gewünscht. Auch die Fertigung in South Carolina hängt zu rund einem Drittel an Kabelsträngen aus der Ukraine und fertigt in den Baureihen BMW X3 / X5 zwei Plug-in-Hybriden. "Wir haben rund zehn Millionen US-Dollar in eine neue Batterie-Montagelinie investiert und die Fläche auf mehr als 8.000 Quadratmeter erweitert. Bei entsprechender Marktnachfrage könnten wir damit die Zahl der produzierten Batterien verdoppeln", erläutert Michael Nikolaides, Leiter Motoren und elektrische Antriebe, BMW Group. Mehr denn je soll es in den kommenden Jahren um eine bessere Energiebilanz der Fertigung gehen. Die Zulieferkette soll bis 2030 pro Fahrzeug 22 Prozent weniger CO2 produzieren, real 2,2 Tonnen CO2 entspricht. Innerhalb der Produktion gibt es im Vergleich zu 2019 bis 2025 40 Prozent und bis 2030 80 Prozent weniger CO2-Ausstoß.

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