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VW muss profitabler werden: Streichquartett

Volkswagen muss profitabler werden. Auf den neuen Markenchef Herbert Diess warten große Aufgaben. Es gilt, die Gewinnmarge deutlich zu erhöhen und gleichzeitig größter Autobauer der Welt zu werden.

Der VFL Wolfsburg macht es vor und die Konzernmutter Volkswagen zieht nach. VW hat in den vergangenen Monaten teuer eingekauft. Zunächst wechselte das langjährige Daimler-Vorstandsmitglied Andreas Renschler von Mercedes zu Volkswagen. Der zweite Paukenschlag im Herbst 2014 war noch größer. Herbst Diess, bei BMW Entwicklungsvorstand mit großem Einfluss, wollte sich mit der Rolle der Nummer zwei im sich derzeit neu aufstellenden BMW-Konzern nicht abfinden. Als feststand, dass Harald Krüger ab Mai Norbert Reithofer als Vorstandschef des bayrischen Autobauers beerben würde, wechselte Diess ebenfalls zum größten europäischen Autohersteller. Doch die beiden imageträchtigen Zugänge von zwei der wichtigsten Hauptkonkurrenten sind nicht der Grund, weshalb Volkswagen die Hose nunmehr enger schnallen muss. Ab 2017 sollen jährlich zwischen drei und fünf Milliarden Euro eingespart werden.

VW muss profitabler werden: Streichquartett
Genfer Automobil Salon 2015: VW Touran R Line

Genfer Automobil Salon 2015: VW Touran R Line

"Future Tracks" heißt das finanzielle Fitnessprogramm in bestem Neudeutsch, auf das der allmächtige Konzernchef Martin Winterkorn selbst seine Führungsmannschaft eingeschworen hat. Um was geht es? Bei Volkswagen stimmen zwar Modellpalette und Verkaufsvolumina, doch der Ertrag pro Auto weit bleibt hinter dem der Konkurrenz zurück. Während BMW beständig um die zehn Prozent Hürde kämpft, Toyota im vergangenen Jahr rund 8,7 Prozent erreichte, waren es bei VW 6,3 Prozent. Diese Zahl reflektiert den gesamten Konzern, bei der Kernmarke VW sind es rund 2,1 Prozent. Alarmstufe rot am dümpelnden Mittellandkanal.

Das liegt zum Teil an den vergleichsweise teuren Produktionen in Deutschland und dem mächtigen Einfluss von IG Metall und dem Land Niedersachsen, die den Volkswagen-Konzern alles andere als leicht manövrierfähig machen. Ein weiterer gewichtiger Grund ist der Perfektionismus, den die Volkswagen-Verantwortlichen und hier allen voran Vorstandschef Martin Winterkorn in die Marke gebracht haben. Das spiegelt sich in der Qualität der Produkte wider, erschwert jedoch eine schnelle Entscheidungsfindung. Alle wichtigen Beschlüsse werden von Winterkorn persönlich abgenickt.

Volkswagen ist zumindest mit vielen seiner europäischen Modelle auf dem besten Weg ins Premiumsegment. Wer sich die aktuellen Generationen von Golf, Passat oder Touran anschaut, der weiß, dass der Wolfsburger Weg längst nicht mehr parallel zu dem der anderen Volumenmarken Ford, Opel, Peugeot oder der Konzernschwester Skoda verläuft. Volkswagen wollte und will mehr. Das hat seinen Preis, denn einen wertigen Innenraum mit Premiumcharme, moderne Doppelkupplungsgetriebe oder hoch effiziente Turbo-Direkteinspritzer gibt es nirgends zum Sparpreis. Trotzdem ist der Preisdruck durch die ebenfalls nach oben strebende Konkurrenz je nach regionalem Markt größer denn je und die Bäume wachsen auch in Südamerika und China längst nicht mehr in den Himmel. In den USA tun sich die Niedersachen ohnehin schwer. Einiges zu tun für Herbert Diess, der sich gerade bei den zahllosen Zulieferern von BMW in den vergangenen Jahren keine Freunde gemacht hat; drückte er deren Margen im Rahmen von Kostendämpfungsprogrammen doch auf ein Minimum. Nicht selten blieb dabei die Qualität der BMW-Modelle auf der Strecke.

Doch mit dem Schwitzkasten für die Zulieferer allein wird es nicht getan sein. Volkswagen wird sein Modellportfolio einer gründlichen Katharsis unterziehen müssen, denn die Zahl von Modellen, Karosserievarianten, Derivaten, Motor- und Getriebekombinationen ist in den vergangenen Jahren beinahe unüberschaubar geworden. Daher stehen derzeit zahllose Modelle und Varianten auf einem schmerzhaften Prüfstand. Fest steht, dass das in die Jahre gekommene Eos Cabriolet keinen Nachfolger bekommen wird. Auch für den VW Scirocco dürfte es eng werden, denn insbesondere in Europa blieb das kompakte Sportcoupé weit hinter seinen Erwartungen zurück und konnte allein in China ein paar tausend Kunden begeistern. Der Schulterschluss mit dem Scirocco aus den kantigen 70er Jahren floppte.

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Der VW Phaeton stand ebenfalls lange auf dem Prüfstand; ist die Luxuslimousine doch das betagteste Modell im europäischen VW-Modellprogramm. Doch der nie ernst genommene Konkurrent von BMW 7er, Mercedes S-Klasse und Audi A8 wird 2017 einen Nachfolger bekommen. Möglich gemacht wurde die Fortführung der erfolglosen Luxus-Geschichte durch die Entwicklungsarbeit, die man sich mit dem der nächsten Generation des Audi A8 (kommt 2016), dem Porsche Panamera (2017) und dem kommenden Bentley Flying Spur teilt. Die kommende Phaeton-Generation soll sich eine Klasse höher an Bentley und Rolls-Royce orientieren und ein völlig neues Volkswagen-Gefühl präsentieren. Aller Voraussicht nach wird es hier keine Version mit normalem Radstand mehr geben, sondern nur eine XL-Variante.

Schwer dürfte es auch für den in Mexiko produzierten Beetle und das Beetle Cabrio werden. Beide Modelle sind insbesondere in den USA echte Imageträger; doch die Verkaufszahlen sind dürftig und die Erträge winzig. Doch es sind nicht nur komplette Modellfamilien, die um ihre Zukunft bangen müssen. Es ist davon auszugehen, dass Volkswagen bei nahezu allen Modellen die Zahl der Varianten reduziert. So könnte es einem dreitürigen Polo ebenso ans Leder gehen, wie einzelnen Motor- und Getriebe-Kombinationen. Leistungsstärkere Modelle dürften mittelfristig nur noch mit Doppelkupplungsgetriebe zu bekommen sein. Das reduziert Entwicklungs- und Produktionskosten und ist zudem noch gut für Hybridisierung und Normverbräuche. Aktuell wirft der Kleinwagen VW Up ebenso wie seine Zwillinge Seat Mii und Skoda Citigo kaum Gewinne ab. Das soll sich bei der nächsten Generation ändern. Für Märkte in Asien und Südamerika soll es verwandte Billigbrüder geben, die allesamt deutlich unter 10.000 Euro kosten. Ebenfalls im Fokus: der Familienvan Sharan, der auch von einem verlängerten Touran ersetzt werden könnte.

Zudem sollen sich Modellvarianten leichter und kostengünstiger ableiten lassen. Das ist insbesondere wichtig, wenn man wie beim kommenden Tiguan neben der Normalversion einen Siebensitzer mit langem Radstand und ein Coupé nachlegen will. Es gibt viel zu tun für das neue Führungsteam bei Volkswagen. Schließlich müssen die Einsparungen auch auf die anderen Konzernmarken abgestimmt werden. Besonders Audi, Skoda und Seat teilen sich zahlreiche Module mit den VW-Modellen. Und deren Erträge sollen ebenfalls stimmen.

Press-Inform / pressinform

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