Genfer Autosalon Letzte Ausfahrt Klimaschutz


Auf dem Genfer Autosalon präsentiert die Autoindustrie ihre neuen Modelle. Die in die Defensive geratene deutsche Autoindustrie will die "Vielfalt CO2-freundlicher Modelle zeigen". Doch die Klimawandel-Debatte hat die Branche auf dem falschen Fuß erwischt.

Auf dem Genfer Autosalon geben dieses Jahr nicht die Zylinder, sondern Klimaschützer den Takt vor: Die Klimaschutz-Debatte schlägt sich auch auf den traditionellen Beginn des Autmobiljahres nieder. Viele Hersteller nutzen die erste große europäische Fahrzeugmesse in diesem Jahr, um Neuheiten zu präsentieren, die mit alternativen Antriebskonzepten und sparsameren Motoren auf die immer lauter werdenden Forderungen nach einer Kehrtwende in der Modellpolitik reagieren.

Die in die Defensive geratene deutsche Autoindustrie will auf der Leistungsschau in Genf die "Vielfalt CO2-freundlicher Modelle zeigen", wie der Verband der Automobilindustrie (VDA) ankündigte. Unter den in Genf vorgestellten Neufahrzeugen werden dem VDA zufolge auch eine Reihe deutscher Pkw mit Verbrauchswerten von vier bis sechs Litern sein, wie der Mercedes C 220 BlueTec, der BMW 520d, der VW Passat Blue Motion, der Mini One, der Opel Corsa und der Ford Fiesta. "Das beweist, dass wir nicht erst heute mit der Entwicklung klimafreundlicher Pkw beginnen und dass wir nicht ausschließlich im Premiumsegment vertreten sind und die Antworten auf die Herausforderungen des Klimaschutzes nicht nur im Kleinwagensegment geben", sagte VDA-Präsident Bernd Gottschalk. Die deutschen Automobilhersteller können nach Gottschalks Worten heute schon auf eine bessere CO2-Bilanz ihrer Pkw-Flotten verweisen als ihre Konkurrenten aus Asien. "Wir gehen deshalb voller Selbstbewusstsein nach Genf", sagte Gottschalk.

Gottschalk kritisiert Künast

Scharf kritisierte er die Grünen-Politikerin Renate Künast, die zum Kauf von Toyota-Autos aufgerufen hatte. Derartige Aufrufe seien Ausdruck einer Geisteshaltung, für die die Beschäftigten in der deutschen Automobilindustrie, die mit ihren Produkten Patent- und Exportweltmeister sei und jeden siebten Arbeitsplatz in Deutschland sichere, kein Verständnis hätten. "Dieser Aufruf sichert vielleicht Arbeitsplätze in Japan, aber nicht in Deutschland. Das ist verantwortungslos und skandalös", sagte Gottschalk.

Mercedes stellt in Genf erstmals die "Bluetec"-Abgasreinigungstechnik in Kombination mit einem sparsamen Vierzylindermotor vor. Bei einer Leistung von 170 PS benötigt die Vision C 220 Bluetec laut Mercedes 5,5 Liter Diesel pro 100 Kilometer und soll einen Weg aufzeigen, wie die ab 2015 europaweit für alle Neufahrzeuge weiter verschärfte Abgasnorm Euro-6 erfüllt werden kann. "Der moderne Vierzylinder-Diesel mit Bluetec-Abgasreinigung ist ein Musterbeispiel für zukunftssichere Spitzentechnologie", erklärte DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche vor Beginn der Messe. Ford stellt die dritte Generation seines Mittelklassewagens Mondeo vor. BMW präsentiert die neue 5er Reiher sowie die 1er Reihe. Toyota wird eine Weiterentwicklung seines Hybrid-Modells Prius zeigen. Das Hybridfahrzeug verbindet einen Verbrennungs- und einen Elektromotor und hat sich vor allem in den USA als wahrer Verkaufsrenner entpuppt. Mit Spannung wird auch der Auftritt des chinesischen Unternehmens Brilliance erwartet, das seinen ersten für Europa zugeschnittenen Wagen, den BS 6, vorführt. Insgesamt sind allein im Fahrzeugbereich nach Angaben der Messeleitung rund 80 Welt- und Europapremieren angekündigt, zudem gibt es jede Menge Neuheiten bei Zubehör und Ausrüstungen.

Ökodebatte erwischt die Industrie kalt

Auch wenn Hersteller und Veranstalter noch schnell versuchen, dem Genfer Automobilsalon einen grünen Anstrich zu verpassen: Die Ökodebatte hat sie kalt erwischt. "Öko" sind die wenigsten neuen Autos auf der Show. Schein und Sein klaffen auch in den Messehallen der Genfer Palexpo weit auseinander. Warum sollte es dort auch anders sein als im realen Leben vor den Toren? Feinstaubrichtlinie und Klimakatastrophe bestimmen zwar seit Wochen in ungewohnter Heftigkeit die öffentliche Diskussion. Und man könnte fast vergessen, dass Kraftwerksschlote, Zentralheizungen und Kettenraucher mehr Staubpartikel und CO2 emittieren als die ganze Autoflotte zusammen. Das Auto gilt als Umweltsau. Otto Autofahrer ist entrüstet, gibt sich in Meinungsumfragen brav in der Wolle grün gefärbt - und fährt mit dem SUV zum Zigaretten holen, sobald der Mann von Infratest den Telefonhörer wieder aufgelegt hat.

Billige Polemik? Zwei Nachrichten vom gleichen Tag: Jeder vierte Autofahrer könnte sich den Kauf eines Hybrid-Autos vorstellen, zitiert die Automobilwoche online eine Untersuchung des Reifenherstellers Continental. Und vermeldet einen Bildschirmhöhe weiter oben die Zulassungszahlen für den Februar 2007 und deren Botschaft: "Bei einem rückläufigen Markt sind lediglich die Segmente der Sportwagen und der Geländewagen gewachsen." Da verwundert es nicht, dass auch in Genf nur wenig neue Autos stehen werden, deren Motor und Konzept nicht auf konventionellen Techniken beruht. Und die nicht auf Spaß und Kraft sondern auf ein ruhiges Gewissen getrimmt sind.

Mehr Power und mehr Spaß

Die Tour de Salon ist also wie alle Jahre wieder vor allem eine Tour de Lust & Leidenschaft. Bei Audi zum Beispiel wird der A5 stehen: "Der vielleicht schönste Audi, der je gebaut wurde", ist vorab zu lesen. Und das kein halbes Jahr nach der Präsentation des R8. Sei's drum: Bildschön ist das Coupé aus Ingolstadt in der Tat. Und kräftig. Schon der Einstiegsmotor hat 170 PS. Und auch das zweite Highlight am Audistand ist nicht gerade ein Sparschwein: Ein Q7 mit V8-Diesel und 326 PS. So wie Audi halten es die meisten Hersteller: Mehr Power und mehr Spaß. Wenn man sie effizienter gewinnen kann - um so besser. Bei BMW stehen die überarbeiteten Versionen der 1er- und 5er-Baureihe im Mittelpunkt. Die immerhin sollen - nun mit Direkteinspritzung statt Saugmotor - bis zu zwölf Prozent Benzin weniger verbrauchen. Obwohl die Leistung von 258 auf 272 PS gewachsen ist. Weltpremiere feiert in Genf die C-Klasse von Mercedes-Benz - mit der sportlichsten Optik, die es je in der Mittelklasse für eine Limousine mit dem Stern gegeben hat. Wo immer die Schwaben den bei ihrem Neuen nun auch montieren. Selbst der Mondeo, von Ford einst als eher langweiliges Welt-Auto entworfen, ist mittlerweile so aufregend geworden, dass es für eine Nebenrolle in einem James-Bond-Film gereicht hat.

Die Luxusmarken wie Aston Martin mit dem Vantage Roadster (V8, 385 PS), Jaguar mit der Studie C-XF (V8, ca. 400 PS), Lamborghini, Rolls Royce (mit dem offenen Drophead), Maserati (GranTurismo, V8, 405 PS) verweigern sich den CO2-Grenzwerten der EU in der erwarteten Konsequenz ohnehin gleich ganz. Und selbst Toyota, asiatische Lichtgestalt in der momentanen Klima-Diskussion, setzt in Genf mehr auf Kraft denn auf Öko: Der neue IS-F der Toyota-Luxusmarke Lexus ist ein wunderbares Auto geworden - nur eben mit einem 400 PS starken V8 unter der Haube statt einem Hybrid.

Amerikaner treten das Gaspedal durch

Vor allem die Amerikaner treten das Gaspedal durch. Doge lässt die Viper nun mit V10-Motor und 600 PS auf die Schweiz los und schickt für die schmaleren Geldbeutel noch die 172 PS starke Roadsterstudie Demon hinterher. Mehr Power auch anderswo. Alfa Romeo zeigt den bildschönen Supersportwagen 8c in der Serienversion - und verpasst dem Spider wenigstens einen Dieselmotor. Nissan hat den 350Z überarbeitet und gibt ihm nun 313 PS mit auf den Weg. Selbst die "Kleinen" machen durch die Bank weg mit. Opel präsentiert den Corsa als Kraftzwerg mit dem Kürzel OPC am Heck. Fiat lässt beim Grande Punto den Abarth wieder aufleben. Bei Peugeot warten der offene 207 CC und der 207 RC. Daihatsu verpasst dem Cuore nun 70 PS. Der neue Renault Twingo hat auch einen starken Turbo-Benziner in der Bestellliste. Toyota zeigt den Yaris als "TS"-Version. Und selbst die Kleinstwagen-Ikone Smart schickt mit der Brabus-Version des Fortwo einen Powerfloh nach Genf.

Auch der zweite Trend richtet sich mehr aus am realen Kaufverhalten der Kunden denn an deren ökologischem Gewissen. Der SUV-Markt boomt weiter. Citroen und Peugeot bringen auf gleicher, vom neuen Mitsubishi Outlander stammenden Plattform ihre SUV C-Crosser und 4007 heraus. Volvo will mit dem XC60 gegen den X3 aus München antreten. Land Rover zeigt die zweite Auflage des Freelander und BMW den überarbeiteten X5. Nicht zu vergessen der Porsche Cayenne. Der hat zwar jetzt auch Benzindirekteinspritzer als Motoren - mutiert dadurch aber auch nicht gerade zu einem Verbrauchswunder. Andersrum geht's übrigens auch, wie Suzuki zeigt. Die Japaner haben eine Stufenheck-Variante ihres SUV SX4 mitgebracht. In dieser Aufzählung nimmt sich der neue Fiat Bravo fast schon erfrischend normal aus. So wie es auch Hyundais FD, der Mazda2, der Skoda Fabia, der neue Auris von Toyota oder der Kia cee´d Kombi tun. Obwohl: Auch die Koreaner sticht gelegentlich der Hafer, wie Kia mit der Cabrio-Studie des cee'd zeigt.

Saab setzt auf Ethanol

Ein bisschen Öko immerhin findet sich dann doch in Genf - und nicht nur als unverbindliche Studie. Bei VW zum Beispiel. Oder Saab. Die Wolfsburger zeigen neben dem (in Mexiko gebauten) Golf Variant auch den Passat BlueMotion, der mit 5,1 Liter Diesel auf einen CO2-Ausstoß von 136 Gramm pro Kilometer kommt - und so fast schon den EU-Wert erreicht. Die Schweden dagegen setzen gleich auf Ethanol aus nachwachsenden Rohstoffen. Die Autos mit der Aufschrift "BioPower" sind zwar mittlerweile fast schon alte Bekannte auf den Messeständen von Saab. Aber unter der Motorhaube entwickeln sich die Dinge schon weiter. Diesmal steckt in der 9-5-Studie ein 2-Liter-Turbo-Aggregat, das es mit dem grünen Treibstoff auf 300 PS und ein Drehmoment von 400 Nm bringt.

Jürgen Wolff/Press-Inform mit AP

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