Automesse New York Die Alles-wird-gut-Show


In der US-Autokrise scheint das Schlimmste überstanden zu sein, die Verkäufe ziehen - außer bei Chrysler - wieder an. Auch die deutschen Hersteller können zulegen. Und selbst GM baut Autos, die ausverkauft sind.
Von Michael Specht

Auf Automessen zog unter den Detroits "Großen Drei" (Big Three) meist der Kleinste die dickste Show ab: Chrysler – und dies über Jahre. So ließ man 2008 eine ganze Herde Longhorn-Rinder durch die Innenstadt von Detroit treiben, nur einen Monster-Pick-up in Szene zu setzen. Auf der New York Auto Show fuhr voriges Jahr Chryslers Vize-Chef Jim Press in einem Fiat 500 seines neuen Partners auf die Bühne und scherzte: "Dieses Auto hat die Größe unseres Hemi-V8-Motors." Und heute? Wie im Januar in Detroit schmückt den Messestand die übliche veraltete Modellpalette. Wie in Detroit parken dazwischen zwei Fiat 500 und ein Lancia Delta, dem man das Chrysler-Emblem angepappt hat.

Ford setzt auf Hybrid und Elektro

Deutlich positiver präsentieren sich Ford und General Motors (GM). Ford, eine Firma, die in der Krise komplett auf Staats-Milliarden verzichteten und deren Aktienkurs sich danach fast verzehnfacht hat, setzt in europäischer Manier auf Kompaktautos, Hybrid- und Elektroantrieb. "42 Prozent der Amerikaner wollen als nächstes Auto einen Hybrid", sagt Ford-Chef Allan Mulally und ließ sogleich einen Lincoln MKZ auf die Bühne fahren. Die Limousine in Passat-Größe ist laut Ford "der sparsamste Hybrid seiner Klasse" und soll 50 Prozent weniger verbrauchen als ein vergleichbarer Benziner. Angegeben werden 41 mpg (miles per gallon), was 5,8 Liter pro 100 Kilometer entspricht. Schon im nächsten Jahr wird der Focus mit Elektroantrieb zu kaufen sein.

Ein bisschen früher legt General Motors den Schalter um. Der Chevrolet Volt, ein Elektrohybrid mit Range Extender, startet im Herbst. "Wir haben vorige Woche den ersten Vorserien-Volt vom Band rollen lassen", sagt GM-Vize-Chef Bob Lutz, "die endgültige Serienversion kommt im Herbst." In offizieller Mission wird Lutz den Eintritt von GM ins Elektrozeitalter nicht mehr erleben. Der 78-jährige geht am 1. Mai in Rente. Dann will er ein Buch schreiben. Titel: "Irrweg und Wende bei GM".

GM betreibt "Eifficient Dynamics"

Eine kleine Wende des schwer angeschlagenen US-Konzerns könnte der Chevrolet Cruze bringen. Die kleine Stufenlimousine basiert auf GMs globaler Kompakt-Plattform, aus der auch der Opel Astra abgeleitet ist. In China hat GM seit Markteinführung Mitte 2009 bereits über 125.000 Einheiten abgesetzt. In Australien ist der Cruze ausverkauft. In den USA geht der Wagen im Sommer in den Handel. Besonders rege Nachfrage verspricht sich Chevrolet vom Cruze Eco. Unter dessen Haube schlägt ein nur 1,4 Liter kleiner Turbovierzylinder – ihn nutzt auch Opel –, der den Cruze auf einen Verbrauch von 40 mpg (5,9 l/100 km) trimmen soll. GM-Marketing-Chef Jim Campbell erzählt bei der Cruze-Vorstellung gar etwas von "schließbaren Kühlerlamellen", vom "strömungsgünstigen Unterboden", von "Optimierungen im Windtunnel" und von "0,1 Millimeter dünneren Blechen bei gleicher Festigkeit". 100 Jahre hat sich bei GM niemand auch nur im Ansatz mit so etwas beschäftigt.

Aufgefrischte Mercedes R-Klasse

Die deutschen Autobauer, allesamt mit steigenden Verkaufszahlen auf dem US-Markt, legen ihren Schwerpunkt auf Modellpflege, Hybridantrieb und Dieselmotoren, fahren aber auch all jene Neuheiten auf die Bühne, die bereits auf europäischen Messen gezeigt wurden: BMW Fünfer, VW Touareg (natürlich auch als Hybrid), Porsche Cayenne (ebenfalls als Hybrid), Audi A8 und R8 Spyder. Mercedes rückt erstmals seine aufgefrischte R-Klasse ins Rampenlicht und nennt das Raumfahrzeug jetzt SUV-Tourer. Mit einer komplett neuen Front, der laut Vertriebsvorstand Dr. Joachim Schmidt "jetzt mehr Geländewagen-Gene" mitgegeben wurde, und einem erweiterten Motorenprogramm sollen neue Kunden in den Premium-Van gelockt werden. Die emotionale Seite von Mercedes über nahm in Ney York kurzer Hand AMG-Chef Volker Morhinweg, als er mit ein paar lauten Gasstößen in einer Rennversion des Flügeltürers auf die Bühne fuhr. Der SLS AMG GT3 wurde als Kundenfahrzeug für den Renneinsatz nach dem Reglement der FIA konzipiert und ist ab Herbst bestellbar. Auf die Piste darf der "beflügelte" Flügeltürer erst 2011.

Amerika beginnt, den Diesel zu lieben

Großes Engagement zeigen die deutschen Autohersteller auch weiterhin beim Dieselmotor. Der Werbeaufwand der vergangenen Jahre trägt Früchte. Mehr und mehr scheinen Amerikas Autofahrer von Leistung, Laufkultur und Effizienz des Diesels überzeugt zu sein. Erleichternd hinzu kommt der gesenkte Spritpreis. In den USA kostet Diesel etwa genauso viel wie Superbenzin, derzeit knapp unter drei Dollar die Gallone (3,78 Liter). Im Sommer 2008 betrug der Unterschied zum Teil einen Dollar. Jeder fünfte R-, ML- und GL-Kunden greift bei Mercedes zum Selbstzünder. Ins Programm aufgenommen haben die Stuttgarter auch wieder die E-Klasse als "BlueTec". Audi zählt beim Q7 knapp 47 Prozent und beim A3 TDI sogar 55 Prozent Dieselanteil. Audis Kompakter wurde vorigen Herbst gar zum "Green Car of the Year 2010" gewählt. BMW vermeldet 30 Prozent beim X5, allerdings nur zehn Prozent beim Dreier. Unter beiden Modelle steckt jeweils der dickste Diesel aus dem Münchener Programm, der Dreiliter-Biturbo. Um den Selbstzünder weiter zu pushen, gewährt BMW dem Dieselkunden sogar einen Rabatt von 4500 Dollar, "eco credit" genannt. Damit sinkt der Verkaufspreis unter dem des vergleichbaren Benziners. Den Diesel-Vogel allerdings schießt Volkswagen ab. Freute sich VW-Amerika-Chef Stefan Jacoby vergangenes Jahr noch beim Jetta Kombi – heißt in den USA "SportWagen" – über einen TDI-Anteil von 30 Prozent, so sind es jetzt bereits 90 Prozent. Verkehrte "Neue Welt". Damit übertreffen die diesel-euphorischen Amerikaner sogar die Deutschen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker