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Expansion der Fernbuslinien: Deutschland fährt auf Busse ab

Geiz ist geil: Schnäppchenpreise machen den Bus zum beliebten Verkehrsmittel. Die Bahn versucht dagegen zu halten, aber bedroht wird die Busbranche von der eigenen Sparsamkeit.

Von Gernot Kramper

Inzwischen prägen Fernbusse das Bild vieler Straßen.

Inzwischen prägen Fernbusse das Bild vieler Straßen.

Neulich in der Bahn: Mit einem Freund ging es von Hamburg nach Berlin und zurück im ICE, eine schöne Fahrt für etwa 360 Euro für zwei Personen - ohne Bahncard. Gegenüber saß eine Frau. Sie fuhr von Flensburg in die Hauptstadt - auch im ICE - für weniger als 40 Euro. Wie kam es dazu? "Eigentlich wollte ich mit dem Fernbus fahren. Das sollte 29 Euro kosten, da poppte die Werbung der Bahn auf mit diesem Sonderkontingent."

Die Deutsche Bahn kämpft mit allen Mitteln um Kunden. Lange Zeit hat die Bahn die Herausforderung einfach ignoriert. Jetzt werden auf beliebten Fernbusstrecken wie zwischen Hamburg und Berlin Regionalzüge eingesetzt, die sich mit Schnäppchenpreisen den Bussen entgegenstellen. Mit dem IRE kostet eine Strecke Hamburg-Berlin nur 19,90 Euro und verläuft garantiert ohne Stau.

Für 20 Euro von Hamburg nach Berlin

Das hört sich günstig an, reicht aber nicht zur Preisführerschaft. Eine Bekante trumpft auf: Sie hätte ein Angebot für 9,90 Euro, um mit dem Bus von Nürnberg nach Hamburg zu fahren. Da kann die Bahn nicht mehr mit. Mit rechten Dingen geht es bei der Buskalkulation nicht zu. Im Moment kämpfen alle Buslinien um Marktanteile und setzen dabei gnadenlos zu. In Ländern mit einem etablierten Busmarkt sind die Tickets deutlich teurer. In Deutschland müssten die Schnäppchen-Tickets mindestens doppelt so teuer sein, damit die Linien profitabel fahren könnten. Doch bis sich der Markt bereinigt hat, kann man Deutschland zu Dumpingpreisen bereisen. Nicht jeder Anbieter wird das durchhalten, aber auch für die Deutsche Bahn ist das eine mörderische Entwicklung. Sie hat im ersten Halbjahr 50 Millionen Umsatz an die Busgesellschaften verloren. Außerdem verrücken die neuen Angebote die Preisschwellen im Kopf. Auch wer gar keinen Bus benutzt, weiß genau, dass man für 29 Euro jederzeit die ganze Republik durchqueren kann. Gefühlt ist das jetzt ein günstiger Preis. An diesem inneren Preiskompass misst jeder nun den regulären Bahnpreis - von Hamburg nach München beträgt er 149 Euro. Auch treue Kunden empfinded die Bahn als sehr teuer.

Noch ist Deutschlands Busmarkt in Goldgräberstimmung. Eine Analyse des Buchungsportals www.fahrtenfuchs.de zeigt, dass die Zahl der Verbindungen stark steigt. Seit Jahresbeginn wurden über 100 neue Fernbuslinien angemeldet. Das Angebot ist so auf insgesamt 230 Linien anwachsen. In einem Monat werden damit 30.000 Verbindungen angeboten. Es gab Gerüchte, dass der ADAC sein Engagement beenden würde. Das Gegenteil ist geschehen: Die Firma ADAC-Postbus verdoppelte das Fernbusangebot mit fünf neuen Linien. In der Sommerzeit zeigte sich auch die Flexibilität des Busnetzes, die Zahl der Verbindungen am Wochenende stieg um bis zu 30 Prozent.

Das Fernbusnetz erreicht inzwischen auch ländliche Regionen. Fernbushauptstadt ist und bleibt Berlin. Gefolgt von Frankfurt am Main und Hamburg. "Doch von dem Netzausbau profitieren nicht nur die großen deutschen Metropolen. Auch in mittelgroßen Städten wie Karlsruhe, Nürnberg oder Hannover ist die Zahl der Fernbusverbindungen in den letzten Monaten nochmals stark angestiegen. Dort fahren mittlerweile fast genauso viele Fernbusse ab wie in Köln oder München", sagt Fahrten-Fuchs Geschäftsführer Julian Hauck. Weil Busse kaum eigene Infrastruktur benötigen, können sie sich leichter den Kundenwünschen anpassen, als die Bahn mit ihrem Schienennetz. In der Hauptreisesaison werden im Sommer sogar kleine Ortschaften im Harz, an der Nordsee und im Voralpenland angefahren. Im Winter werden Transfers in die Skiregionen erwartet.

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Nur ein Engpass bedroht den Erfolg der Branche: Es gibt keine Busfahrer mehr. Der Bundesverband schätzt, dass in den nächsten Jahren etwa 10.000 Fahrer fehlen werden. Die Branche leistet sich mörderische Preisschlachten, für die Ausbildung ist aber kein Geld da. Eine Lösung ist kaum in Sicht. Die mittelständischen Busunternehmer, die für die Linie als Subunternehmer arbeiten, tun sich schwer mit einem modernen Recruiting. Auch wollen sie nur ungern die Kosten von bis zu 15.000 Euro für einen entsprechenden Führerschein übernehmen. Das Einkommen der Busfahrer ist wiederum nicht so verlockend, dass Interessenten die Ausbildung aus eigener Tasche bezahlen können.

Das Linienbusgeschäft ist für routinierte Fahrer unattraktiver als ein Job in der geselligen Reisebus- und Ausflugsbranche. Dort fahren Senioren, die am Ende der Fahrt immer üppige Trinkgelder in den Sammelkorb werfen. Soviel Großzügigkeit gibt es bei den sparsamen Kunden im Linienverkehr nicht.

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