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Rückkehr der alten Kfz-Kennzeichen: Heimatliebe an der Stoßstange

Geht es nach den Verkehrsministern, sollen die alten Autokennzeichen bald ihr Comeback auf den Straßen haben. Es wäre ein Sieg des Heimatgefühls über die kühle Rationalität der Verwaltungsreformen.

Von Carsten Heidböhmer

Früher war alles besser. Damals, sagen wir in den 70er Jahren, war vieles noch in Ordnung: Es gab keine Reaktorunglücke. Borussia Mönchengladbach spielte regelmäßig um die deutsche Meisterschaft. Im Fernsehen lief Hans Rosenthals "Dalli Dalli". Und man konnte am Autokennzeichen erkennen, wo jemand wohnt.

Lüdenscheider durften sich das Kennzeichen "LÜD" an ihr Auto schrauben, nicht wie heute "MK". Das steht für "Märkischer Kreis", die meisten Deutschen denken dabei eher an die Mark Brandenburg, nicht aber ans schöne Sauerland. Wer aus Clausthal-Zellerfeld kam, durfte das aller Welt mit dem Kennzeichen "CLZ" mitteilen, heute muss er dagegen Werbung für Sigmar Gabriels Heimatstadt Goslar fahren. Was selbst sozialdemokratisch gesinnte Clausthaler wenig begeistern dürfte.

73 Prozent der Bundesbürger wünschen alte Schilder

Doch damit könnte es bald vorbei sein. Die Verkehrsministerkonferenz hat auf Initiative der Länder Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern den Weg für die Wiedereinführung früherer Kfz-Schilder freigemacht. Dass es drei ostdeutsche Bundesländer sind, die sich für die alten Kennzeichen stark machen, ist verständlich: Anfang der 90er Jahre mussten aufgrund von Gebietsreformen viele Regionen der früheren DDR ihr Kennzeichen aufgeben. In Westdeutschland gab es die letzte Gebietsreform in den 70er Jahren. Doch auch dort spricht sich eine überwältigende Mehrheit für die Einführung der alten Kennzeichen aus. Laut einer Studie der "Initiative Kennzeichenliberalisierung" der Hochschule Heilbronn wünschen sich 73 Prozent der Bundesbürger die Rückkehr zu den früheren Schildern.

Doch die Sehnsucht nach der alten Zeit hat nicht nur ältere Bürger erfasst, wie man vermuten könnte. Auch die 16- bis 30-Jährigen sprechen sich mit großer Mehrheit für die Rückkehr aus - obwohl sie die alten Kennzeichen kaum noch miterlebt haben dürften. Ralf Bochert, Leiter des Projekts und Professor für Volkswirtschaft und Destinationsmanagement in Heilbronn, erklärt dieses Phänomen mit der lokalen Verortung der Menschen. "Das ist meine Stadt, die will ich auf meinem Kennzeichen haben" - so sähen das die Menschen quer durch alle Altersgruppen. Die Kreise bänden die Menschen emotional nicht und böten kein Heimatgefühl: "Ein Eckernvörder ist kein Rendsburger", sagte Bochert im Gespräch mit stern.de.

Ähnlich hatte auch Thüringens Verkehrsminister Christian Carius (CDU) das Vorhaben begründet: "Auto-Nummernschilder stehen für regionale Identität. Sie sind wie ein Stück lieb gewonnene Heimat in der Ferne." Sein sächsischer Amtskollege Sven Morlok (FDP) möchte den Bürgern die Möglichkeit geben, "ihre Heimatverbundenheit auch über das Kfz-Kennzeichen auszudrücken".

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"Nostalgische Kleinstaaterei"

Der Deutsche Landkreistag lehnt dagegen die Wiedereinführung alter Kennzeichen ab. Präsident Hans Jörg Duppré kritisierte das Vorhaben als "nostalgische Kleinstaaterei". Wenn zu den derzeit 383 Autokennzeichen mehr als 300 hinzukämen, bedeute das mehr Verwaltungsaufwand und Bürokratie, so Duppré. Eine allgemeine Rückkehr zu Alt-Kennzeichen könne zudem zu einem Chaos bei den Kfz-Kennzeichen und zu weiteren Auswüchsen führen. Auf Nachfrage mochte man beim Deutsche Landkreistag die Kosten der Umstellung jedoch nicht genau beziffern, es sei jedenfalls "nicht vergleichbar mit der Einführung von Hartz IV". Dennoch warnt man vor "Schnellschüssen" - und hofft auf Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU).

Denn damit die Bürger ihre liebgewonnenen alten Schilder beantragen können, müsste der Bund aktiv werden. Das Verkehrsministerium in Berlin spielt den Ball jedoch zu den Landkreisen zurück. Man wolle erst einmal abwarten, ob überhaupt das Interesse an einer Einführung der Altkennzeichen bestünde, sagte ein Ministeriumssprecher stern.de. Sollte dies der Fall sein, wäre man aber bereit, die Fahrzeugszulassungsverordnung entsprechend zu ändern.

So wird es sich also in den Kreisen entscheiden. Dass bei einer Umstellung hohe Kosten anfallen, bestreitet Ralf Bochert von der "Initiative Kennzeichenliberalisierung". Bei Neuzulassungen mache es keinen Unterschied, ob ein altes oder neues Kennzeichen ausgegeben werde.

Kein spezifisch deutsches Phänomen

Doch warum haben die deutschen einen so starken Drang, ihr Heimatgefühl über die Beschilderung der Stoßstange auszuleben? Liegt das an der Autofixierung, die den Deutschen gerne nachgesagt wird? Ein spezifisch deutsches Phänomen kann Bochert hier nicht erkennen. In anderen Ländern gebe es ähnliche Bestrebungen. So wurde das Kennzeichensystem in Schweden 1973 anonymisiert. Dort bedauerten inzwischen viele Menschen, dass man nicht mehr die Herkunft des Fahrers erkennen könne. Und auch in Frankreich regte sich Widerstand, als 2009 die Departement-Kennzeichnung durch eine zufällige Buchstaben-Zahlen-Kombination ersetzt wurde. Mit Erfolg: Nach Protesten erstritten die Bürger das Recht, dass jeder sein Departement zusätzlich mit einem Aufkleber auf dem Nummernschild angeben kann.

So wäre es doch eine nette Geste an die deutschen Bürger, die sich zuletzt gerne mal als Wutbürger gebärden, ihnen beim Autokennzeichen einen Wunsch zu erfüllen. Das löst zwar keine wirklichen Probleme, aber wie Ralf Bochert von der "Initiative Kennzeichenliberalisierung sagt: "Es ist eine nette Sache, mehr nicht."

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