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Mobiles Wohnen: Tiny House – die kleinen Häuschen haben auch eine negative Seite

Tiny Houses sind cool, sehen super aus und versprechen einen abenteuerlichen Lebensstil. Doch lösen sie auch das ein, was die Instagram-Posts ihrer Besitzer versprechen?

Für kleine und größere Fluchten ist ein Tiny House ideal. Doch ersetzt es auch eine Wohnung?

Für kleine und größere Fluchten ist ein Tiny House ideal. Doch ersetzt es auch eine Wohnung?

Getty Images

Tiny Houses – das ist vor allem eine Bewegung in den USA, Kanada, Australien und eingeschränkt auch in Großbritannien. In Deutschland ist es ein Thema in den sozialen Medien – und etwas zum Träumen. Das liegt nicht daran, dass die Einwohner Deutschlands grundsätzlich etwas gegen "Kleine Häuschen" auf Rädern haben. Es liegt an der Regelungsdichte. Ein Tiny House ist größer und vor allem schwerer als ein Wohnwagen. Mit einem halbwegs normalen Fahrzeug darf man bei uns so ein schweres Vehikel nicht bewegen. 

Und vielleicht ist das gut so. Denn die Lösung unser Wohnungsprobleme ist das Tiny House gewiss nicht. 

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Die polierte Oberfläche aus Aluminium erinnert an die legendären Trailer von Airstream.

Die polierte Oberfläche aus Aluminium erinnert an die legendären Trailer von Airstream.

Eine schlechte Kapitalanlage

Ein Tiny House ist etwas Eigenes und vermittelt so ein ganz anderes Gefühl als eine gemietete Wohnung. So das Versprechen. Tatsächlich ist es aber auch kein eigenes Haus. Genau genommen handelt es sich um einen stabil gebauten und massiven Wohnwagen – in einem Look, der sich wohltuend von dem Anblick auf einem Campingplatz abhebt.

Dennoch ist es ein Fahrzeug und besitzt eine ganz andere Lebenserwartung als ein Haus. Wenn bei einer Immobilie nach 20 bis 30 Jahren die ersten ernsthaften Reparaturen von Dach und Fenstern anstehen, dürfte das Leben eines Anhängers bereits zu Ende sein. Das investierte Geld löst sich in diesem Zeitraum auf, bei einem Gebäude bleibt der Wert weitgehend erhalten.

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Im Vergleich zu einer Wohnung in einem gefragten Ballungsraum wirkt ein Tiny House billig, aber tatsächlich ist eine größere Investition nötig. Vollausgestattet kostet so ein Häuschen minimal 50.000 Euro, größere Modelle, die mit Hightech vollgestopft sind, liegen über 100.000 Euro. Eine gewaltige Summe, die irgendwann komplett abgewohnt ist.

Während man eine erste kleine Wohnung mit etwas Glück und Geschick wieder verkaufen kann, um ein größeres Haus zu kaufen, ist der Wert des Tiny House dann gen Null gesunken. Wer das Häuschen auf dem Grundstück eines Verwandten abstellen kann, spart immerhin die Miete – aber angesichts des anzunehmenden Wertverlustes des Häuschens dürfte auch diese Rechnung am Ende nicht so attraktiv sein, wie vermutet.

Ein Tiny House mag also alles Mögliche sein, doch es ist kein Weg zu Immobilien-Eigentum und Altersvorsorge. Das kann auch kaum verwundern. Dem mobilen Häuschen fehlt es an einer weiteren zentralen Eigenschaft: Das Tiny House ist nicht mit Grundeigentum verbunden. Der Wertzuwachs von Immobilien hängt dagegen fast immer von der Lage des Grundstücks ab.

Megan Carras hat zahlreiche Besitzer von Tiny Houses gesprochen. Das ernüchternde Ergebnis der Wissenschaftlerin: Das rollende Häuschen ist nur ein Lebensabschnittspartner. Schon nach einem oder zwei Jahren schmieden die Bewohner meist bereits Pläne, wie sie in ein Haus mit Fundament umziehen können. Das Leben mit wenig Wohnraum führt zudem häufig zu psychologischen Problemen. Die "cleveren" Innenraumlösungen, die ganz viel auf engstem Raum unterbringen, erfordern eine hohe Disziplin und große gegenseitige Rücksicht der Beteiligten.

Wirklich ökologisch?

Mit der begrenzten Lebensdauer stellt sich auch die Frage nach der Nachhaltigkeit neu. "Klein gleich bescheiden gleich nachhaltig" lautet das Versprechen. Ein kleines Haus hinterlässt einen kleineren ökologischen Fußabdruck als ein großes. Auf den ersten Blick ist das richtig. Aber der höhere konstruktive Aufwand – der sich im Preis niederschlägt – und die niedrigere Lebenserwartung entkräften das Öko-Argument deutlich. Megan Carras konnte auch feststellen, dass die meisten Paare, die fest in einem Tiny House wohnten, in Wirklichkeit weitere Räume zur Verfügung hatten. Alles was nicht in die Behausung passte, landete dann bei den Eltern.

Häufig werden mobile Tiny Houses an Stellen aufgestellt, auf denen kein festes Gebäude errichtet werden darf. Das ist bei zeitlich begrenzter Nutzung meist kein Problem, bei dauerhaftem Wohnen aber sehr wohl. In den USA finanzieren Kommunen sich über eine Abgabe auf den Wohnraum – sie sind wenig begeistert, wenn diese Steuern über ein Tiny House umgangen werden sollen. Entsprechende restriktive Regelungen sind vielerorts inzwischen in Kraft.

Ist die Tiny-House-Bewegung also nur ein Hype? Nein, denn diese Einwände treffen nur zu, wenn die Besitzer wirklich im klassischen Sinn in ihrem Tiny House leben. Für andere Nutzungen gilt das so nicht. Wohlhabende Personen, die ein wunderschönes Grundstück besitzen, auf dem sie kein Haus errichten können, legen sich auf diese Weise eine Art von mobiler Jagd- oder Strandhütte zu. Auch moderne Nomaden, die daheim arbeiten können, und die Welt kennenlernen wollen, haben besondere Ansprüche. Sie ziehen ein paar Jahre mit dem klobigen Wohnwagen durch die Lande, das sind aber meist zeitlich begrenzte Lebensabschnitte. Hinzu kommen Personen, die an wechselnde Arbeitsorte ziehen und ein mobiles kleines Eigenheim dem Leben im Hotel vorziehen. Doch bei diesen Leuten ist das Tiny House im Grunde nur ein klassisches Wohnmobil.

Quellen: The Conversation / Los Angeles Times / The Atlantic

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