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Google: Im Finderparadies

Wenn es darum geht, in den Milliarden Seiten im Internet etwas aufzustöbern, fragt jeder die Suchmaschine Google - was die nicht weiß, gibt es nicht im Netz. Begonnen hat die Erfolgsstory mit sechs Leuten in einer Küche.

Man muss nicht Nicole Kidman oder Robert De Niro heißen, um im Hotel Bel-Air behandelt zu werden wie ein Star - aber es hilft, auf ein paar Seiten im Internet erwähnt zu werden. Denn jeder, der in dem Hotel in Los Angeles absteigt, wird vor der Ankunft von einer Sekretärin digital durchleuchtet: Den ganzen Tag verfüttert die Dame Gästenamen an die Internet-Suchmaschine Google, um zu sehen, was sich über Neuankömmlinge herausfinden lässt. Yoga-Freunde bekommen ungefragt ein Zimmer in Richtung aufgehende Sonne, Tierliebhaber in vierbeiniger Begleitung einen silbernen Fressnapf für Wauwi. "Unsere Gäste wissen es zu schätzen, dass wir uns so viel Mühe geben", sagt die Hotelmanagerin Lisa Hagen - und bei Preisen von bis zu 3000 Dollar pro Nacht erwarten sie es wohl auch. Dennoch: eine Google-Suche? "Wir posaunen das natürlich nicht heraus", sagt Hagen. "Die Gäste wissen gar nicht, woher all diese Kleinigkeiten kommen - sie spüren sie einfach nur." Beschwert, sagt Hagen, habe sich jedenfalls noch keiner.

"Google" – inzwischen sogar ein eigenes Verb

Schließlich googelt die ganze Welt: Acht von zehn Suchanfragen im Netz landen auf einem Google-Rechner, weit über 300 Millionen am Tag. Sogar das Verb gibt es schon. Internetnutzer "googeln" Freunde, Nachbarn, Fremde, Nachrichten, Wer-wird-Millionär-Fragen, Krankheiten, Sonderangebote, Urlaubsziele, Hollywood-Stars, das Wetter und natürlich Sex. So etwas im Brockhaus, den Gelben Seiten oder dem Duden nachzuschlagen wäre früher viel zu lästig gewesen.

Aufregung wegen des Börsenstarts

Google ist einer der letzten verbliebenen Internet-Erfolge. Jetzt versetzt die Über-Suchmaschine auch die Finanzwelt in helle Aufregung: Spätestens Ende April 2004, schätzen Insider, wird das Unternehmen an die Börse gehen. Dann nämlich muss Google laut US-Vorschriften ohnehin seine Bilanzen offen legen, auch als Unternehmen in Privatbesitz. Ein Börsengang scheint da nur konsequent. Mitgründer Sergey Brin gibt sich betont gelassen. Der Börsengang, sagt er, sei "definitiv etwas, worüber wir nachdenken", aber Priorität habe er nicht: "Ich hoffe doch, dass wir der Welt einen größeren Dienst erweisen, als einfach nur die Wall Street zu beglücken."

Der Idealismus ist glaubwürdig. Als Brin und sein Freund Larry Page die Suchmaschine vor fünf Jahren gründeten, war ihnen Profit egal. "Die beiden verbrachten viel Zeit damit, darüber nachzudenken, wie sie kein Geld verdienen: Es durfte keine Werbebanner geben, keine Nutzer-Registrierung, keine Reklame-Mail", erinnert sich ein Mitarbeiter. Page und Brin versuchten ganz selbstlos, den Menschen das Internet leichter zugänglich zu machen.

Retter vor peinlichen Situationen

Das ist ihnen gelungen: "Man gibt ein, was man sucht - und sofort ist das Ergebnis da", schwärmt Petra Ullmann. Die 28-jährige Berlinerin jobbt bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und verlässt sich auf die Internet-Suchmaschine, um als Geisteswissenschaftlerin unter lauter Technikern und Ökonomen nicht unangenehm aufzufallen: "Google ist der diskrete Retter vor Peinlichkeiten, wenn ich mal wieder einen wichtigen Menschen aus Politik oder Wirtschaft nicht kenne", sagt sie.

Vor Google nannte man Suchmaschinen noch Suchmaschinen, weil sie suchten, anstatt zu finden. Was Hotbot, Fireball und die anderen WWW-Spürhunde anschleppten, stiftete oft mehr Verwirrung, als zu helfen. Wer "Mercedes" eingab, landete vielleicht beim Club der Benz-Liebhaber, einer Liste mit französischen Vornamen oder der Sängerin Mercedes Sosa - aber selten gleich bei www.mercedes-benz.com. Bis Google kam, diese schlichte Seite mit dem drolligen Namen, der sich von Googol ableitet, dem Begriff für eine Eins mit hundert Nullen.

"Googleplex": Googles Herz und Hirn

Allein in Deutschland zählt Google mehr als 40 Millionen Nutzer im Monat: 15 Millionen suchen bei Google.de, der Rest bei den Partnerseiten T-Online, AOL und Yahoo. Nirgendwo lässt sich besser beobachten, nach welchem Wissen die Welt gerade dürstet, als im "Googleplex", dem Hauptquartier der Firma im Silicon Valley südlich von San Francisco: vier beige-braune, doppelstöckige Gebäude, die sich neben dem Highway 101 über einen weitläufigen Industriepark verteilen. Gleich hinter der kalifornisch gebräunten, adretten Empfangsdame hängt eine elektronische Anzeigentafel, über die im Halbsekundentakt die neuesten Suchanfragen laufen - "bikini models", "horoscopos", "Das Böse im historischen Kontext", viel Englisch, etwas Spanisch, gelegentlich auch Deutsch oder Französisch.

Keine Frage, sagt der Engländer Danny Sullivan, Suchmaschinen-Experte und Betreiber der Website Searchenginewatch.com: "Google ist für viele gleichbedeutend geworden mit Nachschlagen im Internet. Die Leute kennen gar keine anderen Suchmaschinen mehr." Selbst wenn sie wissen, dass es noch andere gibt, machen sie sich selten die Mühe, sie zu besuchen.

Googeln für das Liebesleben

"Wenn Google etwas nicht findet, dann gibt es das im Netz auch nicht - und es wird Zeit, in die Bibliothek zu gehen", sagt Matt Sargent, ein 28 Jahre alter Doktorand in mittelalterlicher Geschichte an der Universität Berkeley. Sargents Studienfreundin Amelia Borrego, 23, verlässt sich selbst bei Seiten, die sie schon kennt, auf Google: Kurz neu suchen ist einfacher, als die Adresse zu speichern. Gern googelt Borrego ihre Ex-Freunde - und freut sich, wenn sie feststellt, dass die Kerle noch genau die gleichen Loser sind, denen sie den Laufpass gegeben hat. Umgekehrt ist es ihr eher peinlich: Bis vor kurzem, erzählt Borrego, förderte Google hartnäckig eine Poesie-Seite aus ihren Schulzeiten zutage. "Die Leute sollen nicht gleich über meine angsterfüllten Teenie-Gedichte stolpern." Matt Sargent hat schon öfter Damen gegoogelt, mit denen er verabredet war: "Man trifft sich mit einer Frau, der man noch nie begegnet ist, und hat trotzdem das Gefühl, sie schon ein bisschen zu kennen", erklärt er.

Wie funktioniert es?

Wie schaffen, immer genau das Richtige zu finden? Um zu gewichten, was die 30.000 Rechner im Dickicht von 3,3 Milliarden erfassten Internetseiten aufstöbern, verlässt sich die Suchmaschine auf ein höchst altmodisches Prinzip: Mundpropaganda. Wenn auf eine Website viele Querverweise von anderen Seiten zeigen, dann wird sie wohl von anderen als wichtig angesehen und muss etwas taugen, so die Google-Logik. Folglich rutscht die Seite in der Trefferliste nach oben.

Als Larry Page und Sergey Brin, beide Studenten an der Uni Stanford, im Sommer 1998 ihre Idee Investoren vorführten, regnete es Startkapital. Von Anfang an hatten die beiden Entwickler ihr Ziel klar vor Augen: "Wir wollen nicht einfach nur so groß werden wie andere Suchmaschinen", erklärte Brin, ein gebürtiger Moskauer, schon Anfang 1999. "Wir wollen so groß werden wie Yahoo und Amazon." Das klang kurios, denn Google bestand zu jener Zeit aus genau sechs Angestellten, die sich in der Küche eines gemieteten Reihenhauses in Menlo Park drängelten: dem "Google-Welthauptquartier", wie ein Pappschild neben der Klingel annoncierte.

Heute dagegen ist der Größenwahn Realität: Investmentbanker schätzen den Wert der Firma auf 15 bis 25 Milliarden Dollar - und das ist die Liga von Yahoo, Amazon und VW. Den Umsatz schätzen Analysten auf irgendwo zwischen 400 Millionen und einer Milliarde Dollar in diesem Jahr. Omid Kordestani, Googles Marketingchef, sagt dazu breit grinsend: "Nach allem, was ich weiß, liegen wir über all diesen Zahlen." Was er gern bestätigt, ist, dass Googles Geschäfte "hoch profitabel" sind, und zwar schon seit fast drei Jahren.

Zwei Geldquellen

Aus zwei Quellen sprudelt Googles Geld: Zum einen zahlen Partner wie T-Online, AOL und Yahoo dafür, ihren Kunden wohlsortierte Suchergebnisse präsentieren zu dürfen. Zum anderen ist Google eine der wenigen Firmen, die bewiesen haben, dass sich mit Werbung im Internet tatsächlich Geld verdienen lässt: Rechts neben den Suchergebnissen werden Links auf die Angebote zahlender Werbekunden präsentiert - und zwar passend zu den Suchbegriffen, die der Nutzer gerade eingegeben hat. Sie sind hinreichend von den Treffern getrennt, um nicht zu nerven, aber auffällig genug, um sie für Werbekunden attraktiv zu machen. "Anzeigen, die unsere Nutzer hilfreich finden", nennt Brin das. Mehr als 150.000 Firmen zahlen für solche Annoncen - und zwar nur dann, wenn tatsächlich jemand draufklickt.

Wo ist der Idealismus hin?

Bei so viel Geld gerät der Idealismus der Anfangstage leicht unter die Räder. Zwar ist allen Angestellten eine Liste mit "Google-Wahrheiten" bestens vertraut, deren Nummer sechs verkündet: "Es ist möglich, Geld zu verdienen, ohne Böses zu tun." Es gibt für alle Angestellten kostenlose Massagen am Arbeitsplatz, einen jährlichen Skiausflug in die Berge und die Erlaubnis, Hunde mit ins Büro zu bringen. Lava-Lampen und Sitzsäcke finden sich sogar in den Büros der Chefs; in der Kantine wirkt ein Meisterkoch, der früher für die Kultband "Grateful Dead" sorgte. Doch schon wirft etwa das Wirtschaftsmagazin "Fortune" dem Unternehmen seine lockeren Umgangsformen als chaotisch vor. Und Geschäftspartner beschweren sich, es sei schwierig, den richtigen Ansprechpartner zu finden, wenn alle bei Google den Titel "Projektmanager" hätten. Bewerber um einen der raren Jobs - 1500 Anfragen laufen täglich ein - klagen über zunehmende Arroganz des Unternehmens bei Einstellungsgesprächen. Datenschützer machen sich ebenfalls Sorgen: Google merkt sich sehr genau, wer im Internet was wie oft sucht. Die Webseite speichert auf dem Rechner des Benutzers eine kleine "Cookie"-Datei, die das unterstützt. Was mit diesen Daten geschieht und inwieweit sie für die Auswahl der Anzeigen auf den Seiten genutzt werden, ist unklar.

Die Qualität nimmt ab

Auch die Nutzer werden unzufrieden: Es mehren sich die Stimmen enttäuschter Fans, die klagen, ihre Lieblingssuchmaschine sei übermächtig geworden, vernachlässige kleine Seiten und werde immer öfter von Geschäftemachern vereinnahmt. Wer etwa "Steifftiere" eintippt, bekommt Hunderte von Auktions- und Händler-Homepages zu sehen - Steiff.de aber, die Seite des Puppenherstellers, erscheint nirgends. Mit so genannten Link-Farmen - etlichen Websites, die auf das eigene Angebot verweisen - versuchen Trickser, der Suchmaschine Popularität vorzutäuschen.

Unter der Leitung der deutschen Forschungschefin Monika Henzinger arbeitet Google gegen diese Methoden an, doch in dem Tauziehen gibt es keine Sieger: "Das Entscheidende ist, dass Suchmaschinen manipuliert werden können", sagt Marcel Machill, Journalistikprofessor an der Uni Leipzig und Autor einer Suchmaschinen-Studie für die Bertelsmann-Stiftung. Umso schlimmer findet Machill, dass zwei Drittel der Deutschen fast ausschließlich bei Google suchen.

Die Konkurrenz rüstet auf

Das kann sich schnell ändern, denn dem Dominator droht Konkurrenz: Yahoo kaufte erst die Suchmaschine Inktomi und anschließend den Anzeigen-Vermarkter Overture. Microsoft will eine von Grund auf eigene Suchmaschine entwickeln und in die nächste Version von Windows integrieren. "Hier geht's um Software, damit kennen wir uns aus", sagt Microsoft-Manager Christopher Payne. "Wir planen den Big Bang, in diesem Markt ist noch viel Platz." Selbst Amazon mischt mit: Auf seiner USWebsite bietet der Onlinehändler neuerdings die Möglichkeit, den gesamten Text vieler Bücher nach Suchbegriffen zu durchforsten.

Google-Gründer Brin ist sich der Herausforderung bewusst: "Viele Unternehmen fangen in so einer Situation an, Dummheiten zu machen und sich selbst zu zerstören", sagt er. "Das darf uns nicht passieren." Ideen sprießen auf dem Google-Gelände reichlich, Spielerei wird gefördert. Möglichkeiten zur Verbesserung gibt es jedenfalls noch genug, meint Brin: "Meine Idealvorstellung ist eine Suchmaschine, die man sich direkt ins Hirn stöpselt - und dann gehört einem das Wissen der Welt."

Schon jetzt halten manche Fans Google für allwissend. "Ist Google Gott?", fragte vor einer Weile die "New York Times", und einmal haben sie in der Google-Zentrale tatsächlich so getan, als ob: "Schauen Sie in die Mentalplex-Spirale", lautete eines Tages die Anweisung auf Google.com neben einer Wirbelgrafik, "und konzentrieren Sie sich auf das, was Sie suchen." Dann klicken und staunen, weil Google angeblich spüren konnte, wonach gesucht wurde, und die Ergebnisse präsentierte. Das war ein Aprilscherz, aber er funktionierte. "Es war verblüffend", erinnert sich Chefdesignerin Marissa Mayer, "etliche Leute glaubten tatsächlich, dass Google ihre Gedanken lesen kann."

Thomas Borchert/Karsten Lemm / print