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Radioaktivität verdoppelt Unglücks-Reaktor von Tschernobyl: Forscher fürchten "unkontrollierten Ausstoß von nuklearer Energie"

Tschernobyl: Vor 35 Jahren explodierte der Atomreaktor – Impressionen des Gedenkens im Video
Sehen Sie im Video: Vor 35 Jahren explodierte der Atomreaktor – Gedenken an Tschernobyl.




Slawutytsch, Ukraine: Gedenken an Tschernobyl. Vor 35 Jahren explodierte der Atomreaktor. Tausende Menschen wurden verstrahlt. Viele verloren ihre Heimat. Die Gegend ist bis heute belastet.
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Der Unglücks-Reaktor von Tschernobyl gibt keine Ruhe: Wissenschaftlern zufolge nimmt die Radioaktivität in den Trümmern wieder zu – mit ungewissen Folgen. Ursache könnte ausgerechnet die neue, gigantische Schutzhülle sein.

Die Fachleute hatten schon länger befürchtet, dass die Atomkatastrophe von Tschernobyl noch lange nicht beendet ist – und neue Messungen scheinen sie zu bestätigen. Denn die Kernspaltung in der AKW-Ruine von Tschernobyl nimmt wieder zu. Sensoren würden eine steigende Zahl von Neutronen in einem unzugänglichen Raum registrieren, heißt es in einem Bericht des für Reaktorsicherheit zuständigen Instituts (ISPNPP) in Kiew. Neutronen sind Teile des Atomkerns, mit deren Hilfe sich Kernspaltung initiieren lässt. Die Zunahme sei zwar gering, aber ein Zeichen für den Atomzerfall. Die ukrainischen Forscher versuchen nun herauszufinden, wie gefährlich die Kernspaltung werden wird.

Die Explosion von Block 4 des Atomkraftwerks im Norden der Ukraine hat sich Ende April zum 35. Mal gejährt. Zusammen mit der Katastrophe in Fukushima gilt das Unglück in der damaligen Sowjetunion als schwerster Atomunfall der Geschichte. Zwischen 90.000 und 150.000 Menschen sind direkt oder an den Folgen der nuklearen Verseuchung ums Leben gekommen. Die Gegend rund um den bei einem fehlgeschlagenen Test zerborstenen Reaktor ist mittlerweile für Touristen wieder geöffnet, aber noch auf Jahrhunderte unbewohnbar. Seit 2017 schließt eine gigantische Schutzhülle den mehrfach notdürftig errichteten Sarkophag über der Ruine.

Derzeit gebe es viele Unsicherheiten über den Zustand im Inneren des havarierten Blocks, zitiert das Wissenschaftsmagazin "Science" den ISPNPP-Forscher Maxim Saveliev. Selbst einen "neuen Unfall" will er nicht ausschließen. Vermutlich aber hätten die Verantwortlichen noch ein paar Jahre Zeit, der Bedrohung Herr zu werden. Saveliev weist daraufhin, dass die Erkenntnisse auch für Japan interessant werden dürften, da in Fukushima irgendwann die "gleiche Gefahr droht."

Alles zerschmolzen zu einem Klumpen namens Corium

Was genau passiert inmitten der Trümmerreste? Bei der Kernschmelze am 26. April 1986 hat sich durch die Hitze, den Zerfallsprozessen und den Materialen das so genannte Corium gebildet. Im Fall von Tschernobyl sind das lavaartige Keramiken, Schlacken und Metalle, die sich in Wechselwirkung mit dem Beton durch die Gebäudestruktur gefressen haben. Sehr vereinfacht gesagt. In dieser Masse, die sich durch die Witterung und Selbstzerfall teilweise auflöst, sind immer noch 95 Prozent des ursprünglichen Reaktorbrennstoffs gebunden: rund 170 Tonnen Uran.

Das Element im Corium erzeugt weiter starke Strahlung. Die wiederum zerstört die Keramikstruktur und setzt mehr Radioaktivität frei. In den ersten Jahrzehnten nach dem Unglück ist durch die hastig errichtete Decke des Sarkophags regelmäßig Regenwasser in den zerstörten Reaktorraum gedrungen, das den Neutronenausstoß und damit die Kettenreaktion zumindest verlangsamt hat. Doch seitdem die neue Schutzhülle die Ruine vollständig abschirmt, fehlt mit dem Regen diese Art von Moderator. Zwar wird im Inneren eine Neutronen-absorbierende Salzlösung versprüht, doch die dringt nicht in alle Bereiche des Gebäudes vor.

Radioaktivität hat sich verdoppelt

Seit die Schutzhülle vor rund vier Jahren fertiggestellt wurde, hat sich die gefährliche Strahlung in einigen der Räumen fast verdoppelt, so die ukrainischen Wissenschaftler. Trotz zahlreicher Modelrechnungen ist noch unklar, was genau in den Urankernen in den Trümmern vorgeht. Deshalb fürchten die Forscher, dass sich die Kernspaltung beschleunigt und irgendwann exponentiell zunimmt, was "zu einem unkontrollierten Ausstoß von nuklearer Energie führen könnte", wie ISPNPP-Forscher Saveliev sagte. Zwar sei er sicher, dass sich ein Unfall wie 1986 nicht wiederholen werde, aber auch kleine Explosionen könnten die alte "klapprige Schutzhülle" zerstören. Dann wäre der neue Sarkophag voll mit radioaktivem Staub und auf ewig verseucht.

Quellen: DPA, "Science", "Popular Mechanics", "LPB-BW"


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