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Ende des Ersten Weltkriegs: Wie die Rebellion von Matrosen und Soldaten den Untergang des Kaiserreiches besiegelte

Mit Jubel und schwenkenden Mützen zogen die Soldaten 1914 in diesen Krieg. Vier Jahre später war die Welt eine andere: Wilhelm II dankte ab, sein Kaiserreich ging unter. Die Weimarer Republik erholte sich nie von der Hypothek des Kriegsendes

Das Ende: In der Kraterlandschaft von Vauxaillon ergeben sich die deutschen Soldaten.

Das Ende: In der Kraterlandschaft von Vauxaillon ergeben sich die deutschen Soldaten.

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Der Erste Weltkrieg wird in Großbritannien immer noch "The Great War" genannt, nicht der verheerendere Zweite Weltkrieg. Er gilt als die "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts. Denn das neue Jahrhundert wurde von den Folgen dieses Krieges überschattet. Aus seinen Trümmern erhoben sich zwei Personen, die die Zivilisation später bis in die Grundfesten erschütterten: Hitler und Stalin.

Frohen Mutes in die Katastrophe

Im Jahr 1914, als der Krieg begann, ahnte niemand etwas von diesen Folgen. Man wusste nicht, dass der Erste Weltkrieg die Welt der Herrscherhäuser des 19. Jahrhunderts und die Vormachtstellung des Adels zertrümmern würde. Man dachte an einen Feldzug mit glorreichen Schlachten, die natürlich Verluste mit sich bringen würden, aber doch begrenzte Opfer in einer absehbaren Zeit fordern würden. Mützen schwenkend zogen die Soldaten in den Krieg. Die Deutschen mit absurden Pickelhauben im kaiserlichen Retrolook, die Franzosen in knallbunten Uniformen in den Nationalfarben.

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Die Industrie des Tötens

Dann brachte der Krieg das Abschlachten im industriellen Maßstab nach Europa. Er brachte den Graben- und den Gaskrieg. Der Schneid der klassischen Sturmangriffe wurde im Feuer der Maschinengewehre zerstört. In jedem beteiligten Land hinterließ er eine "Lost Generation". Eine Generation von Verlorenen, aus denen sich in Deutschland die Mitstreiter Adolf Hitlers rekrutierten.

Offen gibt der britische Kriegspremier David Lloyd George später zu, wie ahnungslos die politische Klasse gewesen sei. "Die Nationen schlitterten über den Rand in den brodelnden Hexenkessel des Krieges, ohne eine Spur von Besorgnis oder Bestürzung", so seine Memoiren. Der Kriegspremier sieht die Schuld für den Krieg bei der Politik: "Die Welt war im Juli 1914 außergewöhnlich glücklos im Hinblick auf die Qualität ihrer Staatsmänner in diesem schrecklichen Notfall."

Eine verlorene Generation blieb zurück

Dieser Krieg traumatisierte einen ganzen Kontinent. Da die Regimenter ihre Soldaten damals in einer Region rekrutierten, gab es in Großbritannien Gegenden, in denen mehrere Jahrgänge der männlichen Schüler im Höllenofen der Sommeschlachten verschwanden. In der Literatur und Erinnerungen stößt man bis in die 60er Jahre auf die tiefe Trauer der wenigen Überlebenden.

Der Erste Weltkrieg wurde 1914 durch die Ermordung des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand ausgelöst, vier Jahre später endete er. Kurz vorher triumphierten Deutschland und seine Verbündeten, die sogenannten Mittelmächte, noch einmal. 1917 unterzeichnete das revolutionäre Russland einen Waffenstillstand. Damit war der Zwei-Frontenkrieg zu Ende. Die Mittelmächte konnten sich auf den Westen konzentrieren. Der Waffenstillstand im Osten sollte es ihnen ermöglichen, große Truppenmenge dort abzuziehen und an die Westfront zu werfen. Es schien, als könnten die Mittelmächte doch noch den Krieg zu gewinnen.

Scheitern der letzten Offensive

Doch es blieb ihnen nur ein kleines Zeitfenster. US-Präsident Woodrow Wilson hatte Deutschland offiziell den Krieg erklärt. Die deutsche Heeresleitung wollte und musste eine Entscheidung schnell herbeiführen, bevor die ausgeruhten USA große Truppenkontingente nach Europa schaffen konnte.

Eine letzte schnelle Offensive sollte die Entscheidung erzwingen. Im Frühjahr 1918 traten die Deutschen mit einer Reihe von Offensiv-Operationen gegen die französischen und britischen Truppen an. Operation Michael hieß die größte dieser Offensiven. Sie trieb die Alliierten durch die Trümmerfelder der Sommeschlacht von 1916 zurück, bis kurz vor Paris. Dort wo die Deutschen schon 1914 standen.

Die Soldaten konnten und wollten nicht mehr

Aber dann waren die deutschen Kräfte erschöpft. Trotz der Erfolge gelang es ihnen nicht, das "Loch" in die gegnerische Front zu schlagen, von dem die deutsche Oberste Heeresleitung geträumt hatte. Die Truppe war erschöpft – die Soldaten konnten und wollten größtenteils nicht mehr. Ganze Truppenteile saßen Befehle aus. Kampfeswillige Einheiten wurden von der Masse der Soldaten als Streikbrecher und Kriegsverlängerer beschimpft. Die französischen und britischen Truppen hielten stand, sie warteten auf die Verstärkung der USA. Am 8. August 1918 begann ihre Hundert-Tage-Offensive - einer Reihe entscheidender Gegenangriffe, die die Deutschen zurücktrieben. Im Herbst 1918 waren Deutschland und seine Verbündeten erschöpft. Die Armeen waren ausgeblutet besiegt. In der Heimat begannen die hungrigen Bürger zu rebellieren.

Dennoch wollte die deutsche Kriegsmarinemarine am 24. Oktober in See stechen, um gegen die Briten zu kämpfen. Das war eine ganz und gar aussichtslose Aktion. Eine reine Geste, nach dem Motto: "Mit wehenden Fahnen untergehen". So wollte die Admiralität die "Ehre" wahren. Doch die Matrosen wollten für diese Ehre nicht den sicheren Tod gehen. Sie starteten eine Meuterei. In Kiel begannen die Unruhen, am 7. November rebellierten viele der großen Häfen gegen die deutsche Regierung. Die Truppe an der Front gehorchte nicht mehr, ganze Einheiten ließen sich gefangen nehmen und nun entglitt auch die Heimat der Führung. Die Revolution, die die deutsche Führung mit der Absicht Russland zu schwächen, gefördert hatte, war in Deutschland angekommen. Die Verbündeten erkannten die Ausweglosigkeit. Österreich-Ungarn unterzeichnete am 3. November den Waffenstillstand. Die Türkei hatte das Gleiche am 30. Oktober getan, Bulgarien hatte schon am 30. September aufgegeben.

Schließlich wandte sich Berlin mit einem Waffenstillstandsantrag an die Vereinigten Staaten, der am 11. November 1918 unterzeichnet wurde, um den Krieg zu beenden. Am 28. Juni 1919 unterzeichneten Großbritannien, die USA, Frankreich, Italien und Japan mit Deutschland den Vertrag von Versailles. Mit dem Vertrag wurden enorme finanzielle, territoriale und politische Zugeständnisse von Deutschland erzwungen, einschließlich des Verzichts auf den Kaiser und ungeheuren Reparationszahlungen. Sie enthielt auch eine Bestimmung, die verlangte, dass "Deutschland die Verantwortung Deutschlands und seiner Verbündeten für die Entstehung aller Verluste und Schäden" während des Krieges übernimmt. Dazu wurde Deutschland nur ein kleines Heer ohne moderne Bewaffnung zugestanden.

Generäle stahlen sich aus der Verantwortung

In Deutschland schaffte die Generalität ein Propagandakunststück. Sie allein war verantwortlich für die Art und Weise wie der Krieg geführt und verloren wurde. Die Verantwortung dafür trug sie nicht, sie wurde den Politikern zugeschoben, die nach dem Zusammenbruch das Schlimmste verhindern wollten. Daraus entstand die "Dolchstoßlegende", demnach sollte die Truppe im "Felde unbesiegt" gewesen sein, nur die Revolte von Kommunisten und Anarchisten soll sie um den Sieg gebracht haben. Nichts war falscher als diese These und doch vergiftete sie das Leben in der kurzlebigen Weimarer Republik.