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Wahltarife Wer gesund ist, kassiert


Die Krankenkassen bieten jetzt Wahltarife für alle an. Wer den Arzt meidet, kann bis zu 600 Euro im Jahr sparen. Was taugen die Angebote?
Von Elke Schulze

Jens Bergien bekommt von seiner Krankenkasse jedes Jahr Geld zurück. Bis zu 500 Euro waren es in den vergangenen Jahren. Abhängig davon, wie häufig er krank war und zum Arzt ging. Wie das geht? Der 38-jährige Bauingenieur hatte einen Wahltarif bei seiner Krankenkasse abgeschlossen.

Die mehr als 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten dürfen das künftig ebenfalls. Mit dem Start der Gesundheitsreform am 1. April bricht für Kassenmitglieder ein neues Zeitalter an: Sie haben die Wahl zwischen verschiedenen Tarifen. In der Autoversicherung ist es völlig normal, dass der Versicherte eine Police mit 150 oder 300 Euro Selbstbeteiligung abschließt, um seine Prämie zu mindern. Das aber galt in der Krankenversicherung bislang als unvorstellbar. Nun traut die Große Koalition den Versicherten beim Thema Gesundheit mehr Eigenverantwortlichkeit zu. Und das ist künftig möglich:

Selbstbehalte

: Wer bereit ist, einen Teil seiner Behandlungskosten selbst zu zahlen, bekommt dafür einen Bonus. Im Höchstfall sind das 600 Euro. Je nach Einkommen kann man aus mehreren Tarifen auswählen. Die DAK bietet gar zehn verschiedene dieser Selbstbehalttarife.

Rückerstattung: Wer das Risiko scheut, wählt besser einen Rückerstattungstarif. Die Kasse erstattet ihm dann bis zu einem Zwölftel seiner eingezahlten Beiträge, allerdings nur, wenn er es kerngesund durchs Jahr geschafft hat. Heißt: Wer ein Jahr lang auf Arztbesuche verzichtet, bekommt bei einem Monatsgehalt von 3000 Euro von seiner Kasse (Beitragssatz 14,5 Prozent) am Jahresende 435 Euro zurück. Das entspricht einer Beitragssatzsenkung von 1,2 Prozentpunkten. Ob Selbstbehalt oder Rückerstattung - bei allen Tarifen dürfen Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen in Anspruch genommen werden, ohne dass es den Bonus schmälert. Allerdings legt sich der Versicherte für drei Jahre fest und kann - auch im Fall einer Beitragserhöhung - weder den Tarif noch die Kasse wechseln. Ein klarer Nachteil, denn bei einzelnen Kassen drohen kräftige Beitragserhöhungen.

Kostenerstattung:

Hier wird der gesetzlich Versicherte über Nacht fast zum Privatpatienten. Er bezahlt seine Arztbesuche per Rechnung. Die Kasse erstattet dann den Betrag bis zur jeweiligen Höchstgrenze. Dafür zahlt der Versicherte einen Aufschlag auf seinen Beitragssatz. Und riskiert natürlich dennoch, dass er auf einem Teil der Kosten sitzen bleibt.

Auf den ersten Blick muten die Tarife reichlich kompliziert an und wirken durch die Vielfalt unübersichtlich, aber die Wahlmöglichkeiten erschöpfen sich schnell, weil man aufgrund des Einkommens nur bestimmte Tarife buchen darf. Jens Bergien liegt mit seinem Einkommen über der Höchstgrenze für die Beitragsbemessung. Damit ist er freiwilliges Mitglied der Techniker Krankenkasse, die solche Tarife bereits seit drei Jahren anbietet. Der Bauingenieur ist ein Paradekunde für die Wahltarife. Wenn in den kommenden Wochen und Monaten die Kassen in ihren Kundenzeitschriften die neuen Angebote bewerben, wenn die Versicherten übers Internet oder auf Informationsveranstaltungen in Betrieben angesprochen werden, wenden sie sich an Leute wie Bergien: jung, gesund, hohes Einkommen. Für sie ist der Anreiz, einen Wahltarif abzuschließen, am größten. Wer ohnehin häufig zum Arzt muss oder gar chronisch krank ist, hat nichts davon.

Idee kann sich als Bumerang erweisen

Das aber ist der größte Schwachpunkt der neuen Freiheit und ein Dilemma für die Kassen. Mit der Regelung wollte die Politik die Versicherten dazu bewegen, weniger Leistungen in Anspruch zu nehmen. Diese Idee aber kann sich als Bumerang erweisen. Gesundheitsökonom Jürgen Wasem erklärt, warum: "Versicherte, die ohnehin nicht zum Arzt gehen, schließen die Wahltarife ab, bekommen dafür Geld, das für die Kranken dann fehlt. An den Leistungen aber ändert sich nichts. Wir haben es mit einer schleichenden Entsolidarisierung zu tun." Auch der Vorstand der BIG-Direktkasse, Frank Neumann, kritisiert: "Der Arzt hat auch nach dieser Reform keinen Grund, präventiv tätig zu werden. Kosten werden nicht eingespart. Was Gesundheitsministerin Ulla Schmidt uns damit als gelebte Solidarität verkaufen will, empfinde ich als gelebte Schizophrenie." Verrückt, aber wahr: Für den einzelnen Versicherten bieten die Wahltarife zunächst enormes Sparpotenzial. Für die Gesamtheit der Versicherten erweisen sie sich vielleicht langfristig als Preistreiber.

Die meisten Kassen wollen die neuen Tarife trotzdem anbieten. Um im Wettbewerb mit den anderen bestehen zu können und um keine Versicherten zu verlieren. Norbert Klusen, Chef der Technikerkasse, sagt: "Nur so konnten viele der freiwillig Versicherten gehalten werden, die sonst in die Privatversicherung abgewandert wären." 22.000 seiner freiwillig Versicherten haben von den Wahltarifen schon Gebrauch gemacht. Auch Ingo Kailuweit, Chef der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH), sagt: "Wir nehmen den Wettbewerb mit den Privatkassen an."

Die Entsolidarisierung ist nicht das einzige Problem, das die Kassen mit der Reform haben. "Wir müssen jetzt Tarife kalkulieren", sagt Kailuweit. "Das ist für uns Neuland." Zwar verlangt das Bundesversicherungsamt in Bonn eine Plausibilitätsprüfung für jeden Tarif, aber wie soll das gehen, wenn keine Erfahrungswerte zugrunde gelegt werden können? Noch hat das Amt keinen einzigen Tarif genehmigt. Vergangene Woche lagen der Bonner Behörde erst rund zehn Anträge vor. Bevor der Bundespräsident das Reformgesetz nicht unterzeichnet hatte, wollte man wohl nicht tätig werden. So bieten die Kassen ihre Tarife noch unter Vorbehalt an.

Unklar ist, ob Versicherte künftig Tarife kombinieren können, so wie Jens Bergien seinen Selbstbehalt- und Rückerstattungstarif koppeln konnte. Damit könnte der Versicherte seinen Bonus auf bis zu 900 Euro steigern. Selbst das Versicherungsamt ist sich bei der Auslegung des Gesetzes unsicher. Die Lage ist verzwickt: Das Gesundheitsministerium hat mit der Reform mehr Wettbewerb in Aussicht gestellt, schafft aber nicht die Voraussetzungen dafür. BIG-Vorstand Neumann beschreibt: "Wie ein Esel bekommen wir die Mohrrübe vors Gesicht gehalten, wir rennen hinterher, erwischen sie aber nie." Trotzdem glaubt Gesundheitsexperte Wasem, dass sich die neuen Tarife schnell durchsetzen werden. Er hat die Situation in den Niederlanden analysiert, wo es seit einem Jahr Wahltarife gibt: 46 Prozent der Versicherten haben sich dort für so ein Angebot entschieden.

Kassen wollen Mitnahmeeffekte verhindern

Jedem Versicherten muss klar sein, dass er sich für drei Jahre bindet. Der Gesetzgeber will so verhindern, dass es zu Mitnahmeeffekten kommt, Behandlungen hinausgeschoben oder vorgezogen werden und der Versicherte "Tarif-Hopping" betreibt. Bevor man einen Tarif abschließt, sollte man sich genau überlegen, wie häufig man in der Vergangenheit krank war. Wer wegen einer Grippe oder einer Erkältung zum Hausarzt geht, zahlt etwa 50 bis 60 Euro. Wenn man aber einen Facharzt aufsucht und beispielsweise geröntgt wird, fallen schnell Kosten von über 1000 Euro an - der Selbstbehalt ist mit einem Arztbesuch ausgeschöpft. Tipp für die Versicherten: Es liegt in der Hand der Kassen, ob Leistungen, die von mitversicherten Angehörigen in Anspruch genommen werden, auf den Bonus angerechnet werden. Auf jeden Fall bei der Kasse nachfragen!

Wolfgang Schuldzinski von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen empfiehlt zu warten, bis mehrere Kassen mit ihren Angeboten auf dem Markt sind. Denn es kann durchaus sein, dass man mehr spart, wenn man zu einer günstigen Kasse wechselt, statt bei einer teuren Kasse einen Selbstbehalt- oder Erstattungstarif abzuschließen. Günstigste Kassen liegen mit ihren Beitragssätzen um zwei bis drei Prozentpunkte unter den teuren (siehe Tabelle).

Dieser Tipp gilt ebenso für den Tarif Kostenerstattung: Wenn die Kasse einen höheren Beitrag verlangt, lohnt es sich unter Umständen, in eine günstige Kasse zu wechseln und beispielsweise homöopathische Medikamente selbst zu bezahlen. Der Tarif Kostenerstattung ist eher ein Bonbon für die Ärzte, die nun zu einem höheren Satz abrechnen können, mehr Leistung bekommt der Versicherte dadurch nicht. Er wird nur behandelt wie ein privat Versicherter. Im Zweifel erspart er sich bestenfalls langes Herumsitzen im Wartezimmer.

Die bundesweit günstigsten Kassen

NameBeitragssatz in ProzentInternet
IKK-Direkt12www.ikk-direkt.de
BKK Dr. Oetker12,4www.bkk-oetker.de
BIG - Die Direktkrankenkasse12,5www.big-direkt.de
BKK R+V12,5www.bkk-ruv.de
G+H BKK12,6www.ghbkk.de
BKK FTE12,7www.bkkfte.de
Knappschaft12,7www.bundesknappschaft.de
Bertelsmann BKK12,7www.bertelsmann-bkk.de
BKK Gildemeister Seidensticker12,8www.bkkgilsei.de
BKK A.T.U.12,9www.bkk-atu.de
BKK Braun-Gilette12,9www.bkk-braun-gilette.de
BKK Firmus12,9www.bkk-firmus.de
IKK gesund plus12,9www.ikk.de
IKK Weser-Ems12,9www.ikk-weser-ems.de
Bahn-BKK13
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