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Darmkeim Ehec: "Die Lage ist ausgesprochen ernst"

In einem EU-Gutachten gehen Experten davon aus, dass die Zahl der Ehec-Infektionen ansteigt. Die Infektionsquelle des gefährlichen Darmkeims ist noch aktiv. Weitere Todesfälle werden befürchtet.

Der Ehec-Erreger hat in Norddeutschland am Wochenende erneut Todesopfer gefordert, doch Ärzte befürchten, dass es nicht die letzten waren. Mindestens zehn Menschen fielen bis Sonntag in Deutschland dem gefährlichen Darmkeim zum Opfer. "Wir werden weitere Menschen verlieren", sagte Jörg Debatin, Vorstandschef des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE), am Sonntag. "Wir müssen uns alle darauf einstellen, dass wir auch jüngere Menschen verlieren. Die Lage ist ausgesprochen ernst."

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) hält wegen der anhaltenden Erkrankungswelle durch den Darmkeim Ehec an der Warnung vor dem Verzehr für rohe Gurken, Blattsalate und ungekochte Tomaten fest. Aigner sagte "Bild am Sonntag": "Solange es den Experten in Deutschland und Spanien nicht gelungen ist, die Quelle des Erregers zweifelsfrei zu benennen, haben die allgemeinen Warnhinweise für Gemüse weiterhin Bestand."

Nicht nur die Zahl der Opfer steigt, auch die der Krankheits- und Verdachtsfälle. Nach offizieller Schätzung ist der Höhepunkt noch nicht erreicht. Wo die Ursache liegt, ist weiter unklar. Mehr als die Hälfte der Bundesbürger verzichtet auf rohe Tomaten, Gurken und Salat. Betroffene Bauern beklagen Riesenschäden. Deutsche Erzeugerverbände meldeten unterdessen nach Labortests ihre Ware sei "Ehec-frei".

Am Samstag wurden vier neue Todesfälle bekannt: In einem Krankenhaus in Schleswig-Holstein starb am Samstag zunächst eine 84 Jahre alte Frau an der schweren Komplikation HUS, später eine 86-Jährige. HUS steht für hämolytisch-urämisches Syndrom. Im Hamburger Uniklinikum Eppendorf (UKE) starb daran in der Nacht zu Samstag eine 87-jährige Frau. Eine 38 Jahre alte Frau aus Schleswig-Holstein war bereits am Donnerstagabend in einem Kieler Krankenhaus am HUS gestorben. Bundesweit schweben mehrere Menschen weiter in Lebensgefahr.

Deutschlandweit wurden mittlerweile mehr als 1000 bestätigte und Ehec-Verdachtsfälle registriert. Normalerweise gibt es im ganzen Jahr um die 900 gemeldete Infektionen mit den Bakterien. Von den neun Toten waren acht Opfer Frauen. Bislang stammen alle Todesopfer aus Norddeutschland.

Größter Ausbruch in Deutschland

Der momentane Ausbruch ist der europäischen Gesundheitsbehörde zufolge einer der größten seiner Art weltweit und der größte jemals in Deutschland. In einem Gefahren-Gutachten geht das Europäische Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention in Stockholm (EDCD) davon aus, dass "die Quelle der Infektionen noch aktiv ist", da die Zahl der Erkrankten weiter steige. Überdies seien die Vorfälle außergewöhnlich, da hauptsächlich Erwachsene an HUS erkrankten.

Allein in Niedersachsen wurden bis Samstag 141 bestätigte Erkrankungen, 48 Ehec-Verdachtsfälle und 42 HUS-Fälle registriert. "Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl der Schwererkrankten noch weiter steigt", sagte der Sprecher des Sozialministeriums. Wegen Überlastungen verlegen Hamburger Kliniken Erkrankte derzeit nach Niedersachsen. In Hamburg liegt die Zahl bei etwa 400 Patienten.

Am Hamburger UKE setzen die Mediziner inzwischen auf eine neue Behandlung. Sechs Ehec-Infizierte mit Komplikationen bekämen einen speziellen Antikörper, sagte der Mediziner Rolf Stahl. Der Antikörper Eculizumab soll gegen das akute Nierenversagen bei HUS wirken, wie das "Hamburger Abendblatt" berichtete. Ärzte und Wissenschaftler aus Heidelberg, Montreal und Paris stellten im Fachblatt "New England Journal of Medicine" die erfolgreiche Behandlung von drei Kleinkindern mit diesem Antikörper vor.

Höhepunkt der Welle noch nicht erreicht

Auch nach Einschätzung von Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) ist der Höhepunkt der Krankheitswelle noch nicht erreicht. Denn die Dauer zwischen der Ansteckung und dem Ausbruch der Krankheit - die sogenannte Inkubationszeit - beträgt bei Ehec bis zu zehn Tage. Garg geht außerdem davon aus, dass es außer den identifizierten spanischen Salatgurken vom Hamburger Großmarkt noch weitere Ansteckungsquellen geben müsse.

Unterdessen sind Gurken aus einer mit Ehec-belasteten Charge auch nach Tschechien gelangt. Einem Sprecher der stchechischen Lebensmittelinspektion zufolge, ist dort eine Sendung von Bio-Salatgurken aus Spanien betroffen, die "im Laufe der vergangenen Tage" nach Tschechien geliefert worden sei. Bis zu 120 Bio-Salatgurken seien bereits an Geschäfte ausgeliefert worden und könnten auch schon an Endkunden verkauft worden sein, bestätigte die Lebensmittelinspektion. Ein Test der bedenklichen Gurken stehe aber noch aus.

Deutsche meiden Rohkost

Mehr als jeder zweite Bundesbürger verzichtet jetzt auf ungekochte Tomaten, rohe Gurken und Salat. 58 Prozent gaben in einer Umfrage im Auftrag der "Bild am Sonntag" an, auf diese Rohkost zu verzichten. 41 Prozent würden dagegen weiterhin rohes Gemüse essen. Das Institut Emnid hatte 500 Menschen ab 14 Jahren repräsentativ befragt.

Deutschlands Bauern klagen über starke Absatzeinbrüche. Der Vizechef des schleswig-holsteinischen Bauernverbands, Hans-Peter Witt, sieht "irrsinnige Schäden". Salat sei praktisch nicht zu verkaufen, sogar bei Erdbeeren sei der Verkauf mancherorts um 50 Prozent zurückgegangen. Dies sei für viele Bauern existenzgefährdend.

Angesichts wachsender Skepsis der Verbraucher durch die Ehec-Krise gehen die deutschen Obst- und Gemüseproduzenten in die Offensive. Große Erzeuger haben Stichproben ihrer Produkte testen lassen und meldeten nach entsprechenden Laborbefunden ihr Obst und Gemüse als "Ehec-frei".

Auch im Ausland verbreitet sich der Erreger. Schweden hatte 25 nachgewiesene Ehec-Erkrankungen, Dänemark sieben, Großbritannien drei, Österreich zwei und die Niederlande eine.

lea/DPA/Reuters / DPA / Reuters

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