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Ehec-Erreger: Russland verbietet West-Gemüse

Russland hat auf die Ausbreitung des Ehec-Erregers mit einem Importverbot für Gemüse aus der EU reagiert. Einreisende werden auf Ehec-Symptome untersucht.

Russland macht die Grenzen für EU-Gemüse dicht: Wegen der Gefahr durch den Darmkeim Ehec hat das größte Land der Erde ein Importverbot für Gemüse aus den insgesamt 27 Länder der Europäischen Union verhängt. Der Schritt löste bei der EU-Kommission in Brüssel am Donnerstag scharfen Protest aus.

Das Einfuhrverbot sei "unverhältnismäßig", kritisierte ein Sprecher. Doch Russlands Agrarministerium und sogar das wegen der politischen Brisanz auf den Plan gerufene Außenministerium versicherten, es gehe hier nur um den Verbraucherschutz. Beobachter sprachen hingegen von einer Machtdemonstration des größten Landes der Erde, das mit dem Schritt seine Stärke als Wirtschaftsnation beweisen wolle. Das Einfuhrverbot für frisches Gemüse hatte zunächst nur für Deutschland und Spanien gegolten. Grund für die Verschärfung sei jedoch die andauernde Ausbreitung des Darmkeims, sagte Russlands oberster Amtsarzt Gennadi Onischtschenko nach Angaben der Agentur Interfax.

Wegen des gefährlichen Darmbakteriums überprüft Russland auch Reisende aus der EU und vor allem aus Deutschland auf mögliche Symptome. Seit dem 28. Mai seien an Grenzübergängen und Flughäfen insgesamt rund 46.000 Menschen kontrolliert worden, teilte die Verbraucherschutzbehörde am Donnerstag in Moskau mit. Bislang habe es aber noch keine Verdachtsfälle gegeben.

"Testergebnisse der zuständigen Behörden haben gezeigt, dass Gurken nicht für Infektionen mit Darmbakterien EHEC verantwortlich sind", schrieb die EU-Kommission. Sie erinnerte daran, dass die Seuche auf ein eng umrissenes Gebiet in Norddeutschland begrenzt sei. Die EU-Kommission hat eine Gesundheitswarnung vor spanischen Gurken aufgehoben. Tests in Deutschland hätten ergeben, dass es sich bei auf einigen Gurken gefundenen Bakterien nicht um den Auslöser der schweren Erkrankungen handle, teilte die Kommission am Mittwochabend in Brüssel mit. Auch Tests der spanischen Behörden seien negativ ausgefallen. Das Institut für Risikobewertung (BfR) in Berlin hatte zuvor mitgeteilt, dass die Erreger auf verdächtigen, aus Spanien stammenden Gurken nicht mit dem für den derzeitigen Ausbruch verantwortlichen Keimtyp übereinstimmten.

Die Regierung in Madrid erklärte, die Aufhebung der Warnung sei ein "sehr wichtiger Schritt, um so schnell wie möglich wieder Normalität im spanischen Landwirtschaftssektor herzustellen". Das Gesundheitsministerium betonte erneut, rechtliche Schritte gegen die Hamburger Gesundheitsbehörde zu prüfen, die spanische Gurken für die Erkrankungen verantwortlich gemacht hatte. Der spanische Verband der Obst- und Gemüseproduzenten und -exporteure schätzt, dass die Negativschlagzeilen über Ehec pro Woche einen Verlust von 200 Millionen Euro verursachten. Die EU hatte ihre Warnung vor spanischen Gurken am vergangenen Donnerstag ausgesprochen.

Zahl der Fälle steigt rasant

Die Ehec-Welle breitet sich unterdessen wieder aus. Innerhalb eines Tages stieg die Zahl der gemeldeten Infektionen und Verdachtsfälle bundesweit von rund 1500 auf 2000. Niedersachsen meldete zudem einen weiteren Todesfall. Bereits am Sonntag war dort eine 84 Jahre alte Patientin an der schweren Ehec-Komplikation HUS gestorben. Damit sind bundesweit 17 Todesfälle registriert, 15 davon waren Frauen.

Vor allem in Norddeutschland stieg die gemeldete Zahl der bestätigten Erkrankungen und der Verdachtsfälle sprunghaft an. Niedersachsen meldete am Mittwoch 344 Verdachtsfälle, das sind 80 mehr als am Vortag. "Wir verzeichnen wieder einen deutlichen Anstieg der Erkrankungsfälle durch Ehec und HUS", sagte auch Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD). Dort gebe es 668 Ehec-Fälle oder Verdachtsfälle, 119 mehr als am Vortag.

Schleswig-Holstein meldete einen Anstieg um rund 100 Fälle auf 458 bestätigte Ehec-Infektionen. Sorge bereitet den Ärzten dort ein starker Anstieg neurologischer Komplikationen. "Wir haben Patienten, die überhaupt keinen Durchfall haben, aber schwere neurologische Symptome", schilderte der Kieler Klinikdirektor Prof. Ulrich Kunzendorf. Ein Beispiel sind epileptische Anfälle.

"Erste Hinweise auf Mensch-zu-Mensch-Übertragung"

Bei der Suche nach der Quelle des gefährlichen Erregers tappen die Experten derweil völlig im Dunkeln. Es gebe keinen Anlass für Entwarnung, unterstrich der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, bei einer Sondersitzung des Bundestags-Verbraucherausschusses in Berlin. Die Quelle sei unbekannt, und es sei nicht auszuschließen, dass sie weiter zu Infektionen führe. Erst in einigen Tagen werde sich zeigen, ob die Warnungen vor rohem Gemüse die Infektionen gebremst haben.

Unklar ist auch, ob bzw. wie leicht eine Übertragung von Mensch zu Mensch möglich ist. Wenn man normale Hygieneregeln einhalte, sei eine Übertragung sehr unwahrscheinlich, meinte Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks. "Sehr viel wahrscheinlicher ist wirklich die Primärinfektion über ein Lebensmittel, das man zu sich nimmt." RKI-Präsident Burger mahnte dagegen insbesondere bei der Pflege erkrankter Angehöriger zu strikter Hygiene. Das gelte auch für Krankenhauspersonal. Mittlerweile gebe es "erste Hinweise, dass eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung erfolgen kann".

Aufruf zum Blutspenden

Auch im Ausland breitet sich der Keim weiter aus: In Tschechien gibt es einen ersten nachgewiesenen Ehec-Fall. Eine amerikanische Touristin sei definitiv an dem Erregertyp O104 erkrankt, teilte das nationale Referenzlabor in Prag mit. Die EU-Kommission nannte zudem folgende Ehec-Zahlen: Schweden 41 (davon 15 HUS), Dänemark 14 (davon 6 HUS), Frankreich 6 Ehec-Fälle, Großbritannien 3 Fälle (davon 2 HUS), Niederlande 7 (davon 3 HUS) und Österreich 2 Ehec-Fälle. In den meisten Fällen handele es sich um Menschen, die kurz zuvor in Deutschland gewesen seien.

Angesichts des hohen Bedarfs an Blutkonserven und Blutplasma wegen der zahlreichen schweren Ehec-Erkrankungen haben Experten zum Blutspenden aufgerufen. "Wir haben zwar eine gut organisierte, länderübergreifende Versorgung mit Blutkonserven, aber wir sollten nicht vergessen, dass die Urlaubssaison unmittelbar bevorsteht, in der erfahrungsgemäß durch ein erhöhtes Unfallgeschehen auch wieder mehr Blutkonserven benötigt werden", erklärte der Sprecher des Landesverbandes der Ersatzkassen in Mecklenburg-Vorpommern.

Verläuft die Ehec-Erkrankung schwer, muss eine Blutwäsche eingesetzt werden. Auch Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks riefen zum Blutspenden auf - und spendeten gleich selbst.

mad/DPA/AFP / DPA

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