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Umstrittene Quarantänen: Das Coronavirus stürzt die Kreuzfahrtbranche ins Chaos: "Maßnahmen wie im 14. Jahrhundert"

Tagelang irrte die "Westerdam" wegen der Angst vor dem Coronavirus durch asiatische Gewässe und durfte nirgendwo anlegen. Zeitgleich steht die "Diamond Princess" in Yokohama seit zwei Wochen im Hafen. Das Krisenmanagement rund um die Kreuzfahrtschiffe sorgt teilweise für heftige Kritik.

"MS Westerdam"

Selfie mit "MS Westerdam": Zwei Frauen am Strand von Sihanoukville – im Hintergrund das Kreuzfahrschiff

Auf Kreuzfahrtschiffen geht die Angst vor dem neuartigen Coronavirus dieser Tage besonders geballt um. Die sehr unterschiedlichen und teilweise hilflos wirkenden Maßnahmen von der Quarantäne bis zur Evakuierung sorgen sowohl bei Passagieren als auch bei Fachleuten teilweise für Verwunderung und Ärger.

So sind Passagiere des Kreuzfahrtschiffs "Westerdam" in Kambodscha an Land gegangen, obwohl zuvor in Malaysia eine 83-jährige mitreisende Amerikanerin nach Angaben der dortigen Gesundheitsbehörde positiv getestet und ins Krankenhaus gebracht worden war. Nach der Entdeckung der Infektion der Seniorin sind zwar der Reederei zufolge bislang keine Symptome der Covid-19 genannten Lungenkrankheit aufgetreten. Allerdings gibt es eine Inkubationszeit von bis zu 14 Tagen, bis sich Symptome zeigen, und Infizierte können dann auch schon ansteckend sein. 

"MS Westerdam": Odyssee in asiatischen Gewässern

Unter den insgesamt 2257 Menschen an Bord – 1455 Fahrgäste und 802 Besatzungsmitglieder – waren laut Reederei 57 Deutsche. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur sind noch einige an Bord der "Westerdam", während andere bereits die Heimreise angetreten haben. Die Gäste, die bereits nach Hause gereist seien, würden von ihren örtlichen Gesundheitsbehörden kontaktiert, teilte die Holland America Line mit. Die US-Passagierin Christina Kerby schrieb bei Twitter, die Reisenden, die im Hotel in Pnomh Penh seien, würden getestet.

Am Donnerstagabend hatte das aus Hongkong kommende Schiff nach einer regelrechten Odyssee in Sihanoukville angelegt. Zuvor hatte es wegen der Angst vor einer Einschleppung des Virus mehrere asiatische Häfen in Thailand, Taiwan, Japan, Guam und auf den Philippinen nicht anlaufen dürfen. Erst Kambodscha stimmte dem schließlich zu. Die noch fast 1000 an Bord verbliebenen Passagiere sollen ebenfalls getestet werden – bei den bisher bekannten Ergebnissen war kein neuer Fall dabei, wie der aus Mainz stammende Passagier Markus König der DPA am Montag schilderte. Eine Durchsage des Kapitäns habe sie darüber informiert. Die Proben würden mit einem Hubschrauber nach Phnom Penh geflogen, dann müssten sie auf das Ergebnis warten. König rechnet damit, dass sich der Heimflug um einige Tage verzögern könnte.

Die Bundesregierung prüft, ob deutsche Bürger auf der "Westerdam" und der seit zwei Wochen im Hafen von Yokohama stehenden "Diamond Princess" Hilfe bei der Rückkehr in ihre Heimat brauchen. Ziel sei es, dass alle Passagiere, die das wünschten, möglichst bald nach Deutschland zurückkehren können, teilt ein Sprecher des Auswärtigen Amts auf Nachfrage bezüglich eventueller Rückholmaßnahmen mit. Diesbezüglich stehe man auch im Kontakt mit den europäischen Partnern. "Wenn die Rückkehrer deutschen Boden betreten, findet ein normales Verfahren statt", so ein Sprecher des Bundesministeriums für Gesundheit. "Die Gesundheitsbehörden vor Ort kümmern sich um die Quarantänebedingungen." Demnach wird überlegt, Rückkehrer nicht zentral unterzubringen, sondern eine Quarantäne im häuslichen Umfeld vorzunehmen.

Währenddessen holten die USA nach der Verbreitung des Virus auf der "Diamond Princess" Hunderte – nicht infizierte – Landsleute von Bord des Kreuzfahrtschiffes aus Japan ab. Zwei gecharterte Flugzeuge hoben am Montag vom Tokioter Flughafen Haneda ab. Bislang sind 355 Fälle des Erregers unter den Menschen von Bord bestätigt. Unter ihnen sind auch zwei Deutsche. Von den rund 400 US-Passagieren waren 44 positiv getestet worden. Die Infizierten wurden in örtliche Krankenhäuser gebracht.

Die USA ließen ihre Landsleute in der Nacht mit Fahrzeugen des japanischen Militärs aus dem Hafengelände in Yokohama holen. Die Fahrer trugen dabei Schutzanzüge. Die Betroffenen sollen 14 Tage auf US-Militärstützpunkten in Kalifornien und in Texas in Quarantäne. Wer auf dem Flug Symptome entwickeln sollte, werde noch im Flugzeug von anderen getrennt und in den USA in spezielle Einrichtungen gebracht, sagte der Direktor des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten in den USA, Anthony Fauci, dem TV-Sender CBS.

Bei den erschöpften Passagieren sorgten diese Maßnahmen der Regierung allerdings für Unmut. Wie der Nachrichtensender CNN berichtet, seien viele von ihnen durch die plötzliche Planänderung in ihrer Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in den Alltag zurückgeworfen worden. Denn ursprünglich hatte die ohnehin umstrittene Quarantäne an Bord des Schiffes am 19. Februar sukzessive enden sollen – und bis Samstag schienen die USA mit diesem Zeitplan einverstanden.

"Von der Tragödie zur Komödie zur Farce"

Schon von dieser Lösung hätten sich die meisten Passagiere laut CNN nicht begeistert gezeigt, mit der Aussicht, anschließend endlich ganz normal nach Hause zu fliegen, hätten sie den Plan aber letztlich akzeptiert. Doch dann hätten alle Amerikaner an Bord am Samstagnachmittag eine E-Mail von der US-Botschaft in Tokio erhalten. Inhalt: die geänderten Evakuierungspläne inklusive der neuerlichen zweiwöchigen Quarantäne in der Heimat.

Die seltsame Pointe der Maßnahme: Die japanische Regierung hat erst begonnen, jeden an Bord auf das Virus zu testen – angefangen bei den Passagieren über 80 Jahren, gefolgt von denen über 70 – und so weiter, bevor ab dem 19. Februar nach und nach alle Reisenden von Bord gelassen werden sollen. Nur: Die vorher evakuierten Amerikaner sollen in diesen Prozess nicht einbezogen werden.

"Von der Tragödie zur Komödie zur Farce", bezeichnet Matthew Smith, US-amerikanischer Passagier an Bord der "Diamond Princess", den Ablauf bei Twitter: "Die US-Regierung will uns ohne Tests von Bord nehmen und uns mit einem Haufen anderer ungetesteter Leute zurück in die USA fliegen, um uns dann zwei weitere Woche in Quarantäne zu stecken? Wie genau ergibt das irgendeinen Sinn?"

Zwei asiatische Männer mit Mundschutz

Wer den Evakuierungsflug in die Vereinigten Staaten nicht nehmen wolle, müsse zwei weitere Wochen in Japan verbringen, heißt es in dem CNN-Bericht weiter, da die US-Regierung die Quarantäne der "Diamond Princess" nicht als Beweis ansieht, dass jemand wirklich virusfrei sei. "Es ist wie eine Gefängnisstrafe für etwas, das ich nicht getan habe", so eine Passagierin aus Utah gegenüber dem Nachrichtensender. "Sie halten uns ohne jeglichen Grund als Geiseln."

Im Chaos rund um die "Diamond Princess" wird die heikle Lage rund den Umgang mit Covid-19 auf Kreuzfahrtschiffen besonders deutlich. Ein Grund für den Ärger der betroffenen Reisenden ist die Tatsache, dass Experten die Entscheidung der japanischen Regierung, die Menschen an Bord unter Quarantäne zu stellen, ohnehin in Frage gestellt hatten.

"Ich verstehe nicht, warum sie auf einem Schiff gehalten werden müssen", sagte Professor Peter Hotez vom Baylor College in Texas. Es würden "Maßnahmen wie im 14. Jahrhundert" angewendet auf "Individuen mit übertragbaren Krankheiten", so der angesehene Mediziner weiter.

Coronavirus: Quarantäne-Maßnahmen umstritten

Die plötzliche Planänderung wird von manchen Beobachtern darauf zurückgeführt, dass Washington womöglich das Vertrauen in die Effektivität der japanischen Maßnahmen verloren habe: Berichten zufolge seien demnach rund 1000 Crewmitglieder nicht unter Quarantäne gehalten worden und hätten stattdessen ohne Masken zusammengegessen und nebeneinander gearbeitet.

Am Sonntag bestätigen die Regierungen von Kanada und Hongkong ihre eigenen Evakuierungspläne, die zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden sollen und die unterschiedlichen Herangehensweisen einzelner Länder abermals demonstrieren – ebenso wie die unterschiedlichen Reaktionen darauf. Denn eine kanadische Passagierin gratulierte daraufhin bei CNN den Amerikanern dafür, dass sie das Schiff endlich verlassen dürfen: "Eure Regierung unterstützt euch, unsere nicht."

In einer noch schlechteren Ausgangslage als die Kanadier oder US-Amerikaner oder andere Passagiere wird aber bis zum Schluss die Besatzung des Schiffes bleiben: Ihnen wurde vom Arbeitgeber mitgeteilt, dass sie sich ebenfalls einer 14-tägigen Quarantäne stellen müssen – sobald alle Passagiere das Schiff verlassen haben.

Unterdessen hat das japanische Gesundheitsministerium 99 weitere Corona-Fälle an Bord der "Diamond Princess" bestätigt. Außerhalb Chinas ist das Kreuzfahrtschiff damit weltweit der Ort mit den meisten bekannten Infektionen.

Quellen: n-tv, ARDCNNCBS, DPA

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