Schweinegrippe Arme Länder müssen um Impfstoff bangen


Im Kampf gegen die sich immer rasanter verbreitende Schweinegrippe hat ein Wettlauf um den knappen Impfstoff begonnen. Anders als Deutschland haben mehrere Industriestaaten bereits Mittel bestellt.

Die Bundesländer haben am Freitag 50 Millionen Impfdosen zur Abwehr der Schweinegrippe bestellt. Sie reichen wegen der notwendigen Doppelimpfung für 25 Millionen Menschen, also etwa 30 Prozent der Bevölkerung. "Mit der heutigen Bestellung werden die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Beschluss der Gesundheitsminister Deutschlands zügig umgesetzt", sagte Thüringens Sozialministerin Christine Lieberknecht (CDU), die zurzeit die Gesundheitsministerkonferenz leitet. Die Kosten belaufen sich auf rund 700 Millionen Euro. Sie werden später pro Impfung von den Krankenkassen gezahlt.

Die deutschen Behörden reagierten "mit Augenmaß auf die Grippe", sagt der Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV), Peter Wutzler. Denn Tatsache sei, "dass sich das Virus sehr schnell ausbreitet, aber in der krankmachenden Wirkung zu vernachlässigen ist". Dass nun zwischen den Ländern ein Wettstreit um den Impfstoff entfacht worden sei, sei "sehr ungünstig". Denn genug davon werde es ohnehin nicht geben.

Nach Angaben der WHO hat die Schweinegrippe mittlerweile nahezu die gesamte Welt erreicht. Inzwischen seien 160 der 193 WHO-Mitgliedstaaten von dem Virus H1N1 betroffen, "wir nähern uns einer hundertprozentigen Verbreitung", sagte ein WHO-Sprecher am Freitag in Genf. Die Zahl der Todesopfer weltweit liege rund vier Monate nach dem ersten Auftreten der Schweinegrippe bei fast 800.

Impfstoff reicht nur für 450 Millionen Menschen

Wegen der schnellen Verbreitung des Virus erwartet die WHO, dass praktisch jeder Mensch auf der Welt in irgendeiner Form betroffen sein wird. Zum Beispiel auch dadurch, dass Erkrankte auf der Arbeit ausfallen und die Kollegen daher mehr arbeiten müssen. Beim Impfstoff seien die Produktionskapazitäten "leider unzureichend für 6,8 Milliarden Menschen", sagt WHO-Chefin Margaret Chan. Auch wenn die Prognosen der Pharmakonzerne optimistischer sind, schätzt ihre Organisation, dass maximal 900 Millionen Dosen pro Jahr hergestellt werden können - genug für gerade mal 450 Millionen Menschen.

Die WHO empfiehlt deshalb, neben Risikogruppen primär die Beschäftigten im Gesundheitssektor und im öffentlichen Dienst zu impfen, um die Versorgung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Genaue Vorgaben macht die Organisation zwar nicht, sie fordert aber, "unter den Ländern ein Gleichgewicht beim Zugang zu Impfstoffen" anzustreben.

Doch viele Regierungen sehen sich unter Handlungsdruck - auch weil in einigen Ländern die Grippe schon wesentlich stärker zuschlägt als in Deutschland, wo nach neuesten Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) bisher 2844 Fälle gemeldet worden sind. So ist Großbritannien mit einer Verdopplung von 50.000 auf 100.000 Fälle in einer Woche und 31 Toten das am stärksten betroffene Land in Europa. Englands höchster Gesundheitsbeamter, Liam Donaldson, rechnet im schlimmsten Fall gar mit 65.000 Todesopfern. Die Regierung in London will deshalb alle Bürger impfen lassen. Sie hat 132 Millionen Impfdosen bestellt.

Dieselbe Strategie verfolgt Australien. Auch dort ist die Lage mit 38 Toten schon deutlich brisanter als in Deutschland. In den USA mit fast 300 Toten zeichnet sich eine ähnliche Vorgehensweise ab. Aus der Reihe fällt Frankreich: Dort gibt es bisher kein einziges Totesopfer. Trotzdem hat Paris bereits 94 Millionen Impfdosen für drei Viertel der Bevölkerung bestellt und sich für den Rest eine Option gesichert.

Schmidt gerät unter Druck

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) fällt es angesichts des Verhaltens der Nachbarn nicht leicht, das deutsche Vorgehen zu verteidigen. Auch wenn zunächst nur ausgewählte Gruppen geimpft würden, werde niemand das Nachsehen haben, versicherte sie vergangene Woche. "Wenn jemand geimpft werden möchte, wird das auch gemacht." Nötigenfalls würden Impfdosen nachbestellt, das könne allerdings zu Wartezeiten führen.

Warten müssen bereits viele Schwellenländer. Südamerikanische Staaten haben offen dagegen protestiert, dass die USA, Australien und Europa den Markt für Impfstoff leer kaufen. "Nach unseren Informationen ist ein großer Teil bereits reserviert", klagte der argentinische Gesundheitsminister Juan Manzur jüngst nach einem Treffen mit Kollegen aus der Region.

Für die ganz Armen sieht es noch schlechter aus. Wie so oft würden vorrangig Leben in den wohlhabenden Staaten gerettet, weil Entwicklungsländer sich die Medikamente nicht leisten könnten, sagt WHO-Chefin Chan. Zwei Pharmakonzerne haben für den armen Teil der Welt immerhin 150 Millionen Gratis-Impfdosen zugesichert. Mit anderen Produzenten wird über weitere Lieferungen verhandelt. Das wird laut Chan aber nicht ausreichen.

Impfstoff könnte zu spät kommen

Unterdessen befürchtet der Virologe Alexander Kekule von der Universität Halle-Wittenberg, dass der Impfstoff in Deutschland zu spät zur Verfügung steht. Ein großer Teil der Bevölkerung in Deutschland könnte sich bereits mit Schweinegrippe infiziert haben, bis im Herbst eine Schutzimpfung auf den Markt kommt. "Es ist so, dass Deutschland den Impfstoff relativ spät bestellt hat - im Ausland wurde das zum Teil früher gemacht", sagte Kekule dem Radiosender "NDR Info". "Ich gehe davon aus, dass wir irgendwann im November oder vielleicht noch später in Deutschland dann im großen Stil impfen werden. Nach der zweiten Impfung, die nach einem Monat erfolgt, ist der Impfschutz sicher. Man kann natürlich sagen, dass ein großer Teil der Menschen bis dahin die Infektion schon hinter sich hat."

In den nächsten Wochen stehe Deutschland eine Welle von Erkrankungen bevor. "Ich gehe fest davon aus, dass mit dem Ende der Reisephase ganz viele neue Fälle in Deutschland sein werden", sagte Kekule. "Das beginnt jetzt schon und wird in den nächsten Monaten zunehmen, da müssen wir uns jetzt einfach drauf einstellen." Mit zunehmend mehr Erkrankten werde es auch erste Todesfälle in Deutschland geben. "Das kann man aber so relativieren, dass an der normalen Influenza jedes Jahr einige Tausend Menschen in Deutschland sterben, und daran haben wir uns gewöhnt, und das wird durch die Schweinegrippe eben überlagert und vielleicht etwas schlimmer werden."

Der Präsident des RKI, Jörg Hacker, geht davon aus, dass sich die Schweinegrippe in Deutschland im momentanen Tempo weiter ausbreitet. Er rechne damit, "dass wir in dieser Größenordnung bleiben", sagte Hacker am Freitag in Berlin. "Wir sehen das schon mit einer gewisse Sorge, ohne in Panik zu verfallen", erklärte er.

AFP/AP/Reuters AP Reuters

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