HOME

Vogelgrippe: Wesel probt den Pandemie-Fall

Nun, da die Vogelgrippe in Deutschland grassiert, zeigt sich, was die Notfallpläne wirklich wert sind. Im Landkreis Wesel hat der Krisenstab den Ernstfall schon einmal durchgespielt.

Von Frank Gerstenberg

Für den Landkreis Rügen kam es in der vorigen Woche knüppeldick: Nicht genug damit, dass die Ferieninsel nun mit dem Ausbruch der Vogelgrippe in Deutschland verbunden ist; zu allem Unglück hagelte es Kritik am Krisenmanagement auf Rügen sowohl von Seiten der Bundesregierung als auch der Opposition: Der Notfallplan sei nicht umgesetzt, die Vogelgrippe nicht konsequent bekämpft worden, bemängelte Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer. Die toten Schwäne und Habichte seien nicht schnell genug abtransportiert worden, der Schnelltest habe viel zu lang gedauert, schimpfte die Agrarexpertin der Grünen, Bärbel Höhn.

Auch gegen das bundeseigene Robert-Koch-Institut wetterte die einstige NRW-Umweltministerin: Es sei nicht darüber informiert, wie weit die Arbeit an den Pandemieplänen in den einzelnen Ländern fortgeschritten ist. Die Länder sollten die Pläne eigentlich spätestens Ende Dezember fix und fertig vorlegen. Richtlinie war der nationale Pandemieplan, den das Robert-Koch-Institut bereits im vorigen Frühjahr veröffentlich hatte. Das Fatale an der Hinhaltetaktik der Länder: Die Kreise und kreisfreien Städte sind von deren Vorgaben abhängig und können demnach ebenfalls nicht agieren.

Wesel probt den Ernstfall

Ein Kreis will sich jedoch nicht hinter dem Schutzschild der schleppenden Pandemie-Planung verstecken: Der Kreis Wesel am Niederrhein mit seinen 500.000 Einwohnern testete schon vor Wochen den Ernstfall vom Ausbruch der Vogelgrippe bei Tieren über die Übertragung auf den Menschen bis hin zum "Worst Case", der Influenza-Pandemie. Das fiktive Szenario hat einen plausiblen Hintergrund: Die 13 Gemeinden des Landkreises sind wegen der seltenen Altgewässer und ruhigen Auenlandschaften für hunderttausende Wildvögel bevorzugtes Winterquartier.

Der Krisenstab des Kreises Wesel hat sein Hauptquartier im Keller des Kreishauses an der Reeser Landstraße aufgeschlagen. Obwohl es sich nur um eine Übung handelt, geht von den Frauen und Männern um Kreisdirektor Wolfgang Rabe eine gespannte Ruhe und große Ernsthaftigkeit aus. Telefone, Laptops, im Nebenraum das Informations- und Kommunikationszentrum, Stellwände mit Einsatzplänen, auf der Leinwand Karten des betroffenen Gebietes. Welche Maßnahmen müssten die Männer und Frauen vom Krisenstab ergreifen, falls im Landkreis tatsächlich das Vogelgrippe-Virus festgestellt würde? Ein Gedankenexperiment beginnt.

3. März: Der erste Fund - und ein Verdacht bestätigt sich

Ein Spaziergänger entdeckt auf einem Feld in Wesel-Obrighoven einen toten Greifvogel. Die Veterinärin vermutet: Vogelgrippe. Fünf Tage später bestätigt das Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems den Verdacht.

10. März: Seuchenalarm auf dem Bauernhof - die Keulungen beginnen

Zwei Tage danach erwischt es einen Bauernhof in unmittelbarer Nähe der Fundstelle: Der Geflügelzüchter entdeckt am frühen Morgen in seinem Stall mehrere tote Tiere. Die Amtstierärzte sind auch diesmal sicher: Vogelgrippe. Zehn tote Tiere werden zum Staatlichen Veterinäramt nach Krefeld gebracht. Der Schnelltest bringt wenige Stunden später das erwartete Ergebnis: H5N1. Es stellt sich heraus, dass der Greifvogel das Virus an den Niederrhein eingeschleppt hat.

Der Krisenstab tritt zusammen, die Bezirksregierung wird ebenso informiert wie die benachbarten Kreise und kreisfreien Städte. Kreisdirektor Rabe verkündet die unangenehme Wahrheit. Um den "Seuchenbetrieb" wird ein drei Kilometer breiter Sperrgürtel gezogen. 57 Betriebe mit 18.841 Hühnern, Puten, Enten und Gänsen stehen unter Quarantäne.

Das Düsseldorfer Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz entscheidet: Alle 5000 Tiere aus dem Putenmastbestand des Bauern müssen am selben Tag getötet, 100 Tonnen Tierkadaver noch am Abend beseitigt werden. Die Feuerwehr, das Technische Hilfswerk, die Polizei sind in Alarmbereitschaft. Die Öffentlichkeit wird per Internet informiert, in Wesel sitzen sechs Frauen im Schicht-Betrieb rund um die Uhr am Hotline-Telefon.

Die Bundesregierung, Experten, Medien und das Robert-Koch-Institut wollen die Bevölkerung beruhigen: Die Vogelgrippe ist eine Tierseuche, es besteht kein Grund zur Panik. Das Virus könne sich nur bei engstem Kontakt der infizierten Vögel auf den Menschen übertragen. Die Schutzmaßnahmen sind wirkungsvoller als in der Türkei, die Bevölkerung ist besser aufgeklärt.

15. März: Die Seuche greift nach dem Menschen - eine Familie unter Quarantäne

Zwei Kinder der Bauernfamilie in Wesel-Obrighoven zeigen bedenkliche Symptome: hohes Fieber, Atemnot, schwerer Durchfall. Der Weseler Amtsarzt Alfred Winkelmann weist die Kinder sofort in das St. Bernhard-Hospital in Kamp-Lintfort ein, eines von zwei Krankenhäusern im Kreis Wesel mit einer Isolierstation für 20 Patienten.

Der ärztliche Direktor Hans-Jürgen Drechsler lässt den Hygieneplan ablaufen, den sein Haus nach dem 11. September 2001 aufgestellt hat: Die Rettungswageneinfahrt und die Notaufnahme werden für Patienten und Besucher gesperrt. Nur ausgewählte Pfleger und Ärzte haben Zugang. Türen und Fenster werden geschlossen, die Klimaanlage wird abgestellt, die Isolierstation 1A abgeriegelt, alle Patienten, die bislang auf dieser Station behandelt wurden, werden verlegt. Im Untergeschoss des Krankenhauses laufen die Vorbereitungen für die Anamnese und den Schnelltest: Eine hermetisch abzuriegelnde Eisentür versperrt den Zugang zum Behandlungsraum E74. Dahinter stehen Pfleger und Ärzte bereit, mit Atemschutzmasken, Schutzkitteln, Handschuhen, Kopfbedeckungen. Jeden von ihnen hatte Haus-Apotheker Holger Dreier zuvor prophylaktisch mit Tamiflu versorgt. 30 Packungen à zehn Tabletten hat Dreier in seinem Regal stehen. 30 Patienten könnten versorgt werden.

"Ob es wirkt, wie hoch die Dosierung sein muss, ob die Dosierungsdauer ausreichend ist, weiß niemand", sagt Hans-Jürgen Drechsler. "Es gibt keine verlässlichen Daten. Im schlechtesten Fall müssen wir damit rechnen, schutzlos zu sein." Dass Tamiflu mehr eine Hoffnung als eine Garantie ist, ist bei kritischen Medizinern und Medien inzwischen Konsens. Zuletzt bezweifelte das "Wall Street Journal" die Wirksamkeit des antiviralen Medikaments, das zudem, wie der Münchner Mediziner Medizin Wolfgang Meister im Kursbuch der "Zeit" schreibt, noch nicht einen einzigen der weltweit 91 Todesfälle abwenden konnte. Hinzu kommt: Das "unentbehrliche" Pflegepersonal allein im St. Bernhard-Hospital umfasst 650 Leute. Sie alle müssten prophylaktisch versorgt werden. Apotheker Dreier entfährt ein "Ach du Scheiße". Ihm wird bewusst, dass sein Haus unterversorgt ist und welche finanziellen Dimensionen ein bundesweiter "Schutz" mit Tamiflu hätte.

Die beiden Kinder werden angeliefert. Drechsler und sein Team machen Rachen- und Nasenabstriche für den Influenza-A-Schnelltest. Der bestätigt die schlimmsten Befürchtungen: Die Kinder sind positiv, die ersten Vogelgrippe-Fälle in Deutschland. Sie bekommen Tamiflu, das innerhalb von 48 Stunden nach der Infektion eingenommen werden muss. "Man kann jetzt nur hoffen, dass die Symptome nicht zu spät gemeldet wurden", sagt Chefarzt Drechsler.

Die Pfleger verlegen die Kinder über den Balkon in die Isolierstation 1A. Drechsler informiert das Gesundheitsamt. Weitere Tests in Speziallabors in Dinslaken und Oberhausen sowie das Robert-Koch-Institut bestätigen die Diagnose. Die Anspannung im Weseler Krisenstab nimmt zu. Kreisdirektor Rabe verkündet mit sorgenvoller Mine die einstimmige Entscheidung: "Die Familienmitglieder werden stationär eingewiesen, prophylaktisch mit Tamiflu versorgt und unter Quarantäne gestellt. Alle Freunde, Bekannte und Verwandte der Familie werden untersucht und müssen ebenfalls prophylaktisch Tamiflu einnehmen. Sollte auch bei ihnen der Verdacht auf Vogelgrippe bestehen, müssen auch sie unter Quarantäne gestellt werden." Amtsarzt Alfred Winkelmann bestellt beim Gesundheitsministerium in Düsseldorf 1000 Packungen des antiviralen Medikaments.

20. März: Der "Worst Case" tritt ein - das Virus mutiert

Die Nachricht schlägt um 7.30 Uhr in Wesel wie eine Bombe ein: Eine befreundete Familie der Bauernfamilie ist an H5N1 erkrankt. Die Eltern und ihre vier Kinder hatten keinen Kontakt zu Geflügel, wohl aber zu den Kindern, die seit dem 15. März im St. Bernhard-Hospital in Kamp-Lintfort liegen. Damit könnte eingetreten sein, was der Marburger Virologe Hans-Dieter Klenk am 15. Februar bei einem Vortrag vor 900 Zuhörern im Audimax der Philipps-Universität sagte: "Es ist nicht die Frage, ob die Pandemie kommt, sondern wann sie kommt."

Kreisdirektor Rabe bestätigt wenige Stunden später im Krisenstab den Verdacht: "Die Vogelgrippe wurde direkt von Mensch zu Mensch übertragen." Nur einen einzigen derartigen Fall gab es bislang: in Thailand. Das Vogelgrippe-Virus und das saisonale menschliche Influenza-Virus sind zu einem neuen unbekannten Pandemie-Virus mutiert. Die Vogelgrippe ist keine reine Tierseuche mehr. Die Weltgesundheits-Organisation ruft den Pandemie-Fall mit dem Ausgangspunkt Wesel in Deutschland aus. "Es ist das "Worst-Case-Szenario", sagt Rabe.

Nach dem 20. März: Der Kampf gegen die Zeit - Entwicklung des Impfstoffs

Alle Kontaktpersonen der sechsköpfigen Familie können nicht schnell genug erfasst werden - die Influenza schreitet voran. In der Bevölkerung bricht Panik aus, das Bettenlager im St. Bernhard-Hospital ist leer geräumt, die Isolierstation überbelegt. Wesel fordert in Düsseldorf 5000 Tamiflu-Packungen an. Doch die Tamiflu-Vorräte reichen nicht aus, zumal die so genannten "First Responder", das heißt vor allem die Ordnungshüter und das Personal in den Krankenhäusern sowie die Risikogruppen - alte Menschen, Kranke, Kinder - zuerst versorgt werden müssen.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat zwar für 67 Millionen Euro bei der Firma Roche in der Schweiz Tamiflu bestellt, um 30 Prozent seiner Bevölkerung, die laut WHO maximal an der Influenza-Pandemie erkranken, versorgen zu können. Aber erstens könnten sich die 30 Prozent auch auf 50 Prozent erhöhen, wie die WHO selbst einräumt, und zweitens kann Roche sämtliche Medikamente erst frühestens Ende 2006 liefern - wohlgemerkt nur für NRW, das sich mit der Großbestellung am besten vorbereitet fühlt.

Tamiflu muss schnell verabreicht werden, wenn es überhaupt wirken soll: "Tamiflu ist wirksam", sagt der Marburger Virologe Hans-Dieter Klenk, "aber nur während eines kleinen Zeitfensters." Und selbst das ist nicht bewiesen. Der Weseler Amtsarzt Alfred Winkelmann und der Ärztliche Direktor des St. Bernhard-Hospitals Hans-Jürgen Drechsler ziehen ein ernüchterndes Fazit: "Für einen Pandemie-Fall sind wir nicht vorbereitet."

Die Bundes- und Landesregierungen warnen jetzt die Bevölkerung davor, öffentliche Veranstaltungen zu meiden. Der Krisenstab beschließt die Schließung von Schulen, Kindergärten und öffentlichen Einrichtungen. Die Bevölkerung wird in "Handouts", über das Internet, die Medien, die Hotline, Leporellos und Flyer in Bussen, Bahnen und an öffentlichen Plätzen über Hygieneregeln und Verhaltensmaßnahmen für einen Infektionsschutz rund um die Uhr informiert. Das Problem ist die stationäre Behandlung. "Hier ist die Ansteckungsgefahr größer", warnt Amtsarzt Winkelmann. Doch die Ambulanzen sind aufgrund der täglich steigenden Zahl von Patienten überfordert. Die weniger schweren Fälle sollen zu Hause versorgt werden, wo sich die Familienangehörigen damit dem Risiko der Ansteckung aussetzen.

Der Frankfurter Virologe Professor Holger Rabenau hält Hygiene und Vermeidung von Körperkontakt für wichtiger als Tamiflu. Der Münchner Mediziner Wolfgang Meister bezweifelt auch dies. "Gegen eine mutierte Vogelgrippe kann man sich nicht schützen. Der einzige Schutz ist ein wirksamer Impfstoff."

Dies bestätigt auch der nationale Pandemieplan. Diesen Impfstoff könne es heute allerdings noch nicht geben, sagt der Marburger Virologe Hans-Dieter Klenk. Erst der Pandemie-Fall, also die Mutation und damit die Übertragung von Mensch zu Mensch, liefert - so makaber es klingen mag - den Forschern eine Arbeitsbasis. Seit mehreren Monaten forscht der Virologe Professor Jindrich Cinatl im Auftrag der EU mit Hochdruck an einem Impfstoff-Prototyp gegen das Virus. Die Erkenntnisse aus der Forschung, könnten, so hofft er, die Zeit für die Herstellung des Impfstoffs gegen das Supervirus von derzeit sechs Monaten auf vielleicht drei verkürzen. "In der Zwischenzeit muss Tamiflu helfen, etwas anderes haben wir nicht", sagt Professor Rabenau.

Seine Hoffnung schöpft er aus dem Wirkungsmechanismus des Medikaments: Das H5N1-Virus braucht, um von der erkrankten zur gesunden Zelle überzuspringen, als Gleitmittel Neuraminidase. Tamiflu ist ein Neuraminidasehemmer. Das Virus bleibt so an der erkrankten Zelle "kleben." Ob H5N1 jedoch Teil des Supervirus ist, ist nicht sicher. Und damit ist ungewiss, ob Tamiflu bei einer Pandemie helfen kann.

17. Juli: Die Zwischenbilanz

Die erste Pandemie-Welle hat in Wesel verheerend gewütet. Kreisdirektor Rabe trägt mit belegter Stimme die erschütternden Zahlen vor: "2000 Bewohner sind in den vergangenen vier Monaten erkrankt, 500 müssen stationär behandelt werden, 60 sind gestorben."

Das Robert-Koch-Institut hat im Teil II seines nationalen Pandemieplans hat für das gesamte Bundesgebiet folgende Berechnungen angestellt: "Bei einer 30-prozentigen Erkrankungsrate würde es zu 13 Millionen zusätzlichen Arztbesuchen, 360.000 Krankenhauseinweisungen und 96.000 Toten kommen."

Alle Experten hoffen, dass nach dieser ersten Phase einer möglichen Pandemie der Impfstoff gefunden ist. Der Krisenstab in Wesel könnte dann Phase II seines Pandemieplans umsetzen: Die sichere Behandlung aller Patienten und die prophylaktische Impfung der gesamten Bevölkerung.

Wissenscommunity

  • Frank Gerstenberg