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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier: Bambi - Sternstunden der Ergriffenheit

Heute Abend wird in Berlin zum 67. Mal der Bambi verliehen. Micky Beisenherz weiß jetzt schon, wie die Veranstaltung ablaufen wird.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Bambi

Micky Beisenherz hat ein Bambi erlegt

Hektik auf dem roten Teppich. Blitzlichtgewitter. Eine Soapdarstellerin schafft es gerade noch rechtzeitig, ihren Lebensgefährten aus dem Bild zu schieben, bevor die Fotografen sich einem ranghöheren Star zuwenden. Christine Neubauer ist da. Sie hat so schön abgenommen, strahlt wie die Sonne Mallorcas. Lächelnd verlässt sie mit ihrer Zwillingsschwester den Teppich Richtung Saal. Die 67. Verleihung des Bambi, "Deutschlands wichtigster Medienpreis" (Quelle: "Bunte"). 

Berlins Antwort auf den Kölner Karneval. Viele gehen als Prominente.

Es gibt einen sogenannten "Red Carpet-Moderator". Dessen vornehmliche Aufgabe ist es, die Menschen auf dem roten Läufer zu fragen, wer ihr Kleid geschneidert hat, wo sie Weihnachten feiern oder wie der Westen mit Putin umzugehen hat.

Der Teppichinvestigativreporter ist hauptberuflich Ansager bei "The Voice of Germany". Dort hat er es mit echten Talenten zu tun. Hier interviewt er Sylvie Meis. Sie trägt eine 7/8- Hose. Als Hommage an ihr Idol Helmut Schmidt, der beim Hochwasser 1962 ihre Wahlheimat Hamburg vor Schlimmerem bewahrt hat. Bonnie Strange macht ein Selfie mit Ai WeiWei. Die "Taff"-Moderatorin macht sich seit Jahren in ihrem Modeblog für den chinesischen Regimekritiker stark.

Johannes B. Kerner ist irritiert

Die Show beginnt. Ohne Conférencier. Viele im Saal vermissen einen klassischen Moderator der Show. Auch Johannes B. Kerner, der irritiert ist, sich selbst im Publikum wieder zu finden. Seit Wochen hat er sich darauf vorbereitet, einem Gecko live beim Schlüpfen zuzusehen oder spontane Antworten auf die patzige Tochter von Til Schweiger zu trainieren.

Die Show beginnt mit einem Paukenschlag. Der unsicher wirkende Martin Winterkorn nimmt stellvertretend für VW den "Made in Germany"- Bambi für "besondere Verdienste um das Image von Deutschland in der Welt" entgegen. Später wird man lesen, dass das so eigentlich nicht mehr geschehen sollte - aber der Plan B fiel weg, da Franz Beckenbauer nicht mehr zu erreichen war.

Hannelore Elsner wird zur besten anwesenden Schauspielerin gewählt. Sie widmet den Preis Helmut Schmidt. Die beiden haben sich offenbar gut gekannt. Balsam auf die geschundene Seele der Actrice, die seit 68 Jahren Platz zwei im Ranking Deutschlands erotischster Frauen belegt. Seit dem Zungenkuss mit einem zwielichtigen Schlagerrapper im Borchardts vor wenigen Jahren scheint die Tür zu Platz eins endgültig zu.

Ergriffene Gesichter in den Reihen, als ein Dutzend Flüchtlingsmädchen die Bühne betritt. Angeführt von Heidi Klum. Das Model wird in der Kategorie "Fashion" prämiert. Begründung der Jury: "Klum ist eine Grenzgängerin zwischen Mode und Entertainment. Ihr Credo, dass Mode Spaß machen soll, lebt sie uns vor auf dem roten Teppich wie auch in ihren Fernsehshows 'Germany’s next Topmodel'". Erst jetzt dämmert es den Anwesenden, dass die Menschen hinter der Preisträgerin offenbar Kandidatinnen der eben genannten Show sind. 

Die Kamera schwenkt auf Veronica Ferres. Sie wirkt angefasst. Erst Richard von Weizsäcker und in diesem Jahr auch noch ihren Freund Helmut Schmidt zu verlieren, ist zu viel für die starke Frau.

Didis Dankesrede

Auftritt Til Schweiger, lange Zeit für den Integrations-Bambi vorgesehen. Nach dem Verprügeln eines tunesischen Einwandererkindes in einem Szenelokal musste er sich das allerdings abschminken. Stattdessen der Ehrenpreis für sein Alzheimer-Drama.

Der Mitgeehrte Dieter Hallervorden, von Schweiger konsequent "Didi" genannt, hält eine viel beachtete Dankesrede über Meinungsfreiheit in Deutschland, über Chemtrails und kritisiert Israel. Cineasten bemerken erstaunt, dass der Method Actor und Hauptdarsteller von "Honig im Kopf" seine Rolle offenbar noch nicht hat verlassen können.

Iris Berben altert während der Rede dermaßen, dass Platz eins im Erotik-Ranking für Hannelore Elsner wieder möglich scheint.

Stimmung kommt auf, als der Empfänger des Millennium-Bambis, Wolfgang Schäuble, nicht auf der Bühne erscheint. Yanis Varoufakis als Laudator auszuwählen - ein unsensibler Schachzug der politikfernen Jury.

Vorm Stage-Theater hört man die Reifen quietschen. Der Minister lässt sich vom Fahrer schnellstmöglich zum Kanzleramt bringen. Peter Altmaier twittert offenbar wieder unkontrolliert.

Johannes B. Kerner darf doch noch auf die Bühne. Er überreicht Daniel Aminati den Bambi fürs Lebenswerk. Der Satiriker und Fitnesscoach dankt Helmut Schmidt für die Inspiration, die nötig war, um dorthin zu gelangen, wo er jetzt ist.

Musik. David Garrett geigt eine Nummer von Scooter.

Trockenübung für die Seele

Hilary Swank wird geehrt. Beste Schauspielerin international. 2011 ließ sich Swank für viel Geld buchen, um dem tschetschenischen Despoten und mutmaßlichen Menschenschlächter Kadyrow zum 35. Geburtstag ein persönliches "Happy Birthday, Mr. President" zu hauchen. Das heute Abend hier ist aber auch ganz schön. Die Schauspielerin hat zweimal den Oscar gewonnen. Zuletzt vor zehn Jahren. Der Bambi fühlt sich gut an. Wie eine Trockenübung für die Seele. 

Im Saal werden Smartphones in die Luft gereckt. Hollywood in der Hauptstadt. Futter für die Instagram-Accounts. #Bambi.

Noch während der Dankesrede flüstern einige in bechterewscher Pose in ihr Smartphone. Es muss um Mitternacht doch noch ein Platz im Borchardts zu kriegen sein, verdammt. Irgendwo muss die Swank ja später essen.

Diese nicht zu stillende Sehnsucht. Nach Bedeutung. Glanz. Dem Mehr. Gott, war das toll, als man sich noch bei Facebook mit Tom Cruise im selben Saal verlinken konnte. Der gewann das goldene Wild 2007 in der Kategorie "Courage". Er hatte den auszeichnungswürdigen Mut, für 50 Millionen Dollar einen Widerstandskämpfer gegen die Nazis zu spielen. Eine schöne Jubelperserei war das.

Leider wird der Courage-Bambi in diesem Jahr lediglich an einen evangelischen Pfarrer verliehen, der 800 syrische Flüchtlinge in seiner Kirche aufgenommen, bekocht, medizinisch versorgt, ihnen Deutsch sowie Grundkenntnisse in Landwirtschaft und BWL beigebracht hat.

Wo war eigentlich Brock O'Hurn?

An der Hand der zitternden Maria Furtwängler bedankt sich ein Syrer, von dem Erika Steinbach später im Internet behaupten wird, er habe einen albanischen Akzent, beim Publikum für die deutsche Gastfreundschaft.

Die Tränenkanäle in den Sitzreihen sind übertragungswirksam geflutet. Sein bemühtes Deutsch rührt alle. Eine Minute lang. Die anderen sieben Minuten gestalten sich, nun ja, zäh. Man wird unruhig. Die After-Show-Party ruft, und wer weiß, wie lange die Frisur noch hält, um sich ein letztes Mal für Twitter in Pose zu werfen.

Zum Glück wurde die kollektive Ergriffenheit vom erfahrenen Regisseur ausreichend eingefangen. Schöne Fotos in der "Bunte" gibt es auch davon. So war das Engagement des Pfarrers doch zumindest für irgendwas gut.

Helmut Schmidt wäre zu all dem hier sicher etwas geistreiches eingefallen. Wenn es ihn denn interessiert hätte.

Und wo war eigentlich Brock O'Hurn? Der Mann hat sich im Internet einen Dutt gebunden - ein Entertainment-Bambi hätte schon drin sein sollen.