Eurovision Song Contest Zuschauer schießen Ralph Siegels Hupfdohle ab


Auf die Zuschauer war zum Glück Verlass: Ralph Siegel und seine montenegrinische Hupfdohle werden wir nicht wiedersehen. Den peinlichen belgischen Elvis auch nicht. Und die beiden Moderatoren, die wie zugekokst durch das erste ESC-Halbfinale führten, bleiben uns beim Eurovision Song Contest am Samstag ebenfalls erspart.
Von Jens Maier

Häufiger als er war noch keiner dabei. Zum 19. Mal ist Ralph Siegel beim Grand Prix angetreten, hat ihn mit Nicole und "Ein bisschen Frieden" 1982 sogar gewonnen. In Deutschland wollte man ihn dieses Jahr nicht, deshalb sprang der Münchner Komponist für Montenegro ein. Mit "Just get out of my Life" und der Sängerin Andrea Demirovic setzte er auf den gewohnten siegel-seichten Gute-Laune-Pop. Der Anfang des Songs erinnerte stark an Donna Summers "Hot Stuff", heißes Zeug war vor allem der knappe Rock, den Siegel seinem Schützling verpasste. Den durfte Demirovic dann fröhlich lupfen, konnte die Zuschauer aber damit nicht überzeugen. Ralph Siegel hat jetzt schriftlich, dass seine Nummern nicht nur in Deutschland keiner mehr hören mag, sondern in ganz Europa: Montenegro ist im ersten Halbfinale des Eurovision Song Contests (ESC) ausgeschieden.

Da es mehr Bewerber als Plätze im Finale gibt, werden die 25 Teilnehmer der Endrunde in zwei Semi-Finals ermittelt. Nur die sogenannten Big Four (Deutschland, Spanien, Großbritannien und Frankreich) sind als größte Geldgeber des ESC automatisch qualifiziert, ebenso das Gastgeberland - in diesem Jahr Russland. 18 Teilnehmer traten am Dienstagabend im ersten Halbfinale gegeneinander an, weitere 19 werden es am Donnerstag sein. Nur die Länder des jeweiligen Halbfinals haben das Recht, für die jeweils anderen Teilnehmer des gleichen Halbfinals abzustimmen. Dass dieses Mal trotzdem Deutschland mit abstimmen durfte, ist dem komplizierten Regelwerk zu verdanken. Muss keiner verstehen, wichtig war nur: Deutschland durfte anrufen. Das wird vor allem die Türkei gefreut haben.

Gute Siegchancen für "Düm Tek Tek"

Traditionell bekommt der türkische Beitrag sehr hohe Wertungen aus Deutschland. Dieses Jahr könnte es für viele aus der Türkei stammende Fernsehzuschauer allerdings ein Problem gegeben haben: Wo bitteschön ist Phoenix auf der Fernbedienung? Peinlicherweise hat nicht der NDR, sondern der sonst für seine Bundestagsdebatten bekannte Sender das erste Semifinale live ausgestrahlt. Wer keinen ausländischen Kanal oder Internet hatte, musste also bei Phoenix gucken. Doch für Hadise war selbst das keine allzu hohe Hürde. Die türkische Sängerin konnte neben deutschen auf Stimmen aus ihrer Wahlheimat Belgien setzen. Deshalb verwundert es nicht, dass ihr Song "Düm Tek Tek" den Sprung ins Finale geschafft hat und dort als einer der Favoriten gehandelt wird.

Das gilt übrigens auch für Bosnien-Herzegowina, das mit der Gruppe Regina und einer einfallsreichen Nummer, gemischt aus Pop, Herzschmerz-Ballade und Marschmusik, ebenfalls gen Finale schreitet. Dort wartet dann eine alte Bekannte im Kampf um die Eurovision-Krone: Chiara aus Malta. Die dicke Sängerin kann zwar nicht mit ihrer Bühnenperformance überzeugen, dafür mit ihrer Stimme. Zwei Mal war sie bereits beim Eurovision Song Contest dabei, jedes Mal ist sie nur knapp gescheitert: 1998 landete sie auf dem dritten Rang, 2005 auf dem zweiten. 2009 will die maltesische Joy Fleming es mit ihrer gefühlvollen Ballade "What if we" endlich ganz nach vorne schaffen.

Dass die europäischen Fernsehzuschauer eben nicht nur nach dem äußeren Erscheinungsbild urteilen, stellten sie auch mit der Wahl der portugiesischen Band Flor-de-lis unter Beweis. Sängerin Daniela Varela ist eine mächtige Erscheinung und ähnelt Maite von der Kelly Family, ihre Musiker sehen aus, als würden sie sich am Wochenende in der Fußgängerzone Lissabons etwas dazu verdienen. Haben sie jetzt aber gar nicht mehr nötig, das Finalticket ist gelöst. Ansonsten waren die Zuschauer nur für wenige Überraschungen zu haben. Schweden ist mit der Opernsängerin Malena Emman ebenso am Samstag dabei wie die beiden Israelinnen Achinoam Nini und Mira Awad. Auch Armenien darf mit einer Ethno-Pop-Nummer einen erneuten Anlauf zum Grand Prix wagen, außerdem Rumänien mit einer belanglosen Popnummer.

Am Schluss des Halbfinals wurden nicht wie sonst üblich die Punktewertungen aus den einzelnen Ländern vorgestellt, sondern lediglich die zehn Endrunden-Teilnehmer verlesen. So soll ein Einfluss auf die Wertung im Finale verhindert werden. Trotzdem wurde es am Ende richtig spannend. Bangen musste Yohanna aus Dänemark. Mit dem letzten Umschlag, der geöffnet wurde - in Moskau nicht mehr per Hand sondern elektronisch - war dann klar: Island zieht ins Finale ein. Dass die bildschöne Sängerin trotzdem jubelte, lag daran, dass sie nicht für ihre Heimat, sondern für die Insel im hohen Norden angetreten war. Nach einer Disco-Nummer im vergangenen Jahr versucht es Island 2009 mit einer Ballade und darf damit sogar von einem erneuten Platz unter den Top 15 träumen.

Abschied von der Ostblockmafia

Als Fazit lässt sich sagen, dass die Wahl der Zuschauer äußerst ausgewogen ausgefallen ist. Nur schade, dass die Schweizer mit der Popgruppe Lovebugs nicht punkten konnten. Der U2-Sound wäre eine echte Bereicherung für das Finale am Samstag gewesen, und die Eidgenossen hätten den Einzug nach mehreren gescheiterten Anläufen mehr als verdient. Trotzdem dürfte es um die Entscheidung des Publikums dieses Mal kein Gezeter geben. Von zehn Finalisten kommen nur drei aus den Ländern, die erst nach 1990 am Grand Prix teilgenommen haben - Rumänien, Bosnien & Herzegowina und Armenien. Das Gerede um Diaspora-Stimmen und die sogenannte Ostblockmafia, die sich gegenseitig die Stimmen zuschanzt, dürfte damit besiegelt sein. Aber was wäre ein Grand-Prix-Halbfinale ohne Skandale und Peinlichkeiten.

Die gab es ebenfalls zuhauf: Ein belgischer Elvis, der höchstens die fettigen Essgewohnheiten mit dem King teilt und zukünftig wohl wieder in der Frittenbude stehen wird, ein stimmlich indisponierter Supermann aus Tschechien in roten Glanzhosen und ein rappender Eminem für Arme aus Finnland. Aber keine Angst, auf die Zuschauer war auch dieses Mal Verlass: Sie haben alle bis auf den Finnen nach Hause geschickt - seit dem Sieg der Schocker-Rocker Lordi genießen die Skandinavier offenbar Narrenfreiheit.

Die nahmen auch die beiden Moderatoren für sich in Anspruch. Natalia Vodianova ist Model und die Claudia Schiffers Russland, Andrei Malakhov moderiert in Russland das Frühstücksfernsehen, trotzdem haben beide etwas gemeinsam: Sie nerven! Sie verstotterte ihre Moderationen, während er einen Nachhilfekurs in Englisch braucht. Den riesigen Knopf ("Magic Button") zum Öffnen der elektronischen Briefumschläge bei der Bekanntgabe der Sieger haben sie wenigstens getroffen. Zu den Siegern gehören Vodianova und Malakhov übrigens nicht. Das Publikum durfte sie zwar nicht rauswählen, trotzdem bleiben sie uns am Samstag erspart. Am Finalabend stehen Schauspieler Iwan Urgant und die ehemalige russische ESC-Teilnehmerin Alsou auf der Bühne. Hoffentlich machen die ihren Job besser.


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