HOME
TV-Kritik

"Anne Will": Die Angst vor Jamaika

Kontroverse Diskussionen bei "Anne Will" am Wahlabend: Warum es gut ist, dass die AfD im Bundestag sitzt und wie CDU, FDP und Grüne versuchen, die SPD doch wieder in die Regierung zu reden.

Von Jan Zier

Nach der Wahl geht es erst einmal nicht um Inhalte, zumindest nicht in der Elefantenrunde bei Anne Will. Bei der AfD nicht, weil es nach eigenem Bekunden "nicht ihre Aufgabe" ist, konstruktive Politik zu machen. Bei den anderen aber auch nicht, weil sie jetzt erst einmal sagen, worüber sie in ihrem Wahlkampf lieber geredet hätten.

Noch-Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) etwa über Digitalisierung oder Bildung. Nur der grüne Parteichef Cem Özdemir wirft immerhin kurz die Stichworte "Klimaschutz", "starkes Europa" und "Gerechtigkeit" ein, als es um die anstehenden Verhandlungen um eine Jamaika-Koalition geht. Aber wer aus CDU und FDP wollte da schon dagegen sein?

Anne Will Talk am Wahlabend mit von der Leyen, Kubicki, Özdemir

Konfrontativer als es aussieht: Bei Anne Will übten (v.l.) Wolfgang Kubicki (FDP), Cem Özdemir (Grüne) und Ursula von der Leyen (CDU) offenbar schon den künftigen, aufgeregten Debattenstil.

"Nicht in den Schmollwinkel zurückziehen"

Andererseits: Sowohl von der Leyen als auch Özdemir als auch der stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki wollen die bei dieser Wahl grandios gescheiterte SPD nicht so einfach in die Opposition entlassen. Die Sozialdemokraten dürften eine Regierungsbeteiligung "nicht von vornherein ausschließen", findet Kubicki. Sie könnten sich "nicht in den Schmollwinkel zurückziehen", schimpft Herr Özedmir und auch von der Leyen erklärt, die SPD dürfe sich nicht so einfach aus der Regierungsverantwortung verabschieden. "Große Koalition" wäre da jetzt aber nicht mehr das passende Wort, schließlich haben Union und SPD zusammen auch kaum mehr als die Hälfte aller Stimmen bekommen. Und im Osten kommt die AfD als zweitstärkste Kraft sogar auf fast 22, die einstige Volkspartei SPD aber nur noch auf knapp 15 Prozent. Manche, also: von den Älteren, können sich noch daran erinnern, dass Union und SPD zusammen mal verfassungsändernde Mehrheiten hatten.

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, derzeit eine der wenigen Hoffnungsträgerinnen der SPD, spricht derweil tapfer von der Verantwortung der Opposition und dem auferechten Kampf der Sozialdemokratie gegen die Nazis – der naheliegende Frage, was ihr lieber wäre, noch eine Regierung mit Kanzlerin Angela Merkel oder doch lieber Neuwahlen weicht sie aber immer wieder aus. Sollen doch erstmal die anderen zusehen, wie sie das auf die Reihe bekommen! Derweil kann sich die SPD heroisch auf ihrer Niederlage ausruhen. Und nochmal sagen, dass sie in den letzten vier Jahren alles, was sie versprochen auch durchgesetzt habe. "Sogar noch mehr!"

Aber auch Frau von der Leyen ist mit der Politik der letzten vier Jahre nicht unzufrieden, auch wenn das Wahlergebnis der CDU – immerhin das schlechteste seit 1949 - "nicht gut" sei, wie sogar sie zugeben muss; jedenfalls gebe es keinen Grund, nun "in Sack und Asche zu gehen". Für Selbstkritik ist da noch kein Platz. Es könnte ja als Kritik an der Kanzlerin ausgelegt werden.

FDP: Einzug in den Bundestag

"Anne Will": Das klassische Talkshow-Redeverhalten

Wahlsieger Alexander Gauland von der AfD schweigt lange in dieser Runde, während die anderen schon das klassische Talkshow-Redeverhalten zelebrieren; sodann wirft er eben ein, dass es ihm nun vor allem darum gehen wird, die "Masseninvasion" in unser Land zu stoppen und zu verhindern, dass die EU zum "Superstaat" ausgebaut wird. Nebenbei gibt der 76-jährige freimütig zu, dass seine Partei bisher "kein Rentenkonzept" hat, schwärmt von einstigen rechten CDU-Haudegen wie Alfred Dregger oder Manfred Kanther und erinnert sich wehmütig an die Zeit der Debatten von Willy Brandt und Herbert Wehner.

Einig ist man sich immerhin, dass der neue Bundestag ein besseres Abbild der Gesellschaft ist als der bisherige. Und wenn es stimmt, was Studien sagen, dass nämlich viele Menschen ein verfestigtes rechtes Weltbild haben – dann ist es ja auch nur konsequent, dass die AfD nun als drittstärkste Kraft in den Bundestag einzieht. Und: "Der letzte Bundestag war schrecklich", sagt Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges, der im übrigen nicht Ursula von der Leyen, sondern Saarlands Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer als neue starke Frau der CDU sieht. Angela Merkel, das ist er sich recht sicher, werde keine vier Jahre "durchregieren" und schon 2018 den Parteivorsitz abgeben. Ursula von der Leyen schweigt dazu.