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Fährunglück: Eine Tragödie à la Hollywood

Am 11. September vor zwei Jahren konnte sich John Healy, ein 44-jähriger Rechtsanwalt aus Middletown im US-Staat New Jersey, noch mit knapper Not aus dem 35. Stockwerk des World Trade Centers retten. Den Schiffscrash vor New York überlebte er nicht.

Die Überfahrt mit der Fähre von Manhattan nach Staten Island begann pünktlich um 15.00 Uhr an einem stürmischen und doch sonnigen Tag. Die meisten der 1500 Passagiere des 100 Meter langen und drei Stockwerke hohen Fährschiffes, das den Namen des legendären Football-Trainers Andrew J. Barberi trägt, freuten sich auf den Feierabend. Dutzende Touristen genossen die Aussicht auf die Freiheitsstatue, die einstige Einwandererinsel Ellis Island und die Skyline von Manhattan. 20 Minuten nach dem Ablegen waren Menschen tot und dutzende schwer verletzt.

Chaotische Szenen an Bord

Viele Fahrgäste sprangen in das kalte Wasser des New Yorker Hafens, wo sich der Atlantik, der Hudson- und der East River treffen und schwammen um ihr Leben. Chaotische Szenen spielten sich an Bord der "Andrew J. Barberi" ab. Hunderte Menschen durchlitten auf der am Bug schwer beschädigten Großraumfähre Todesangst.

Inzwischen liegen Informationen über die Todesopfer vor. Danach kam ein 44-jähriger Rechtsanwalt, aus Middletown (US-Staat New Jersey) ums Leben, der sich vor zwei Jahren aus dem 35. Stockwerk des World Trade Center in Sicherheit gebracht hatte. John Healy hatte eine frühere Fähre nach Hause genommen, um mit seinem Sohn zum Baseball-Training gehen zu können.

Zehn Menschen wurden getötet und wenigstens 40 zum Teil schwer verletzt. Eine Frau, die seit der Katastrophe vermisst und deshalb als "wahrscheinlich elftes Todesopfer" geführt wurde, hat sich laut einem Bericht des Senders New York 1 inzwischen gemeldet. Sie war bei einer Freundin untergekommen und ahnte nicht, dass Taucher sie im New Yorker Hafenbecken suchten.

Smith im Visier der Ermittler

Die Untersuchung des schweren Fährunglücks in New York konzentriert sich US-Medienberichten zufolge derweil immer stärker auf den Kapitän der "Andrew J. Barberi". Freunde von Kapitän Richard Smith berichteten der "New York Post" anschließend, dass jener am Ende über seinem Steuer zusammengebrochen war.

Berichte, nach denen der Kapitän der Unglücksfähre kurz vor dem Unfall das Bewusstsein verloren haben soll, wollte die Leiterin der amerikanischen Bundesverkehrsbehörde, Ellen Engleman, am späten Donnerstag nicht bestätigen. "Wir haben noch nicht mit dem Kapitän gesprochen und wollen unsere Untersuchungen auf Daten, Fakten und Interviews mit den betroffenen Personen stützen", sagte Engleman in New York.

Kapitän wollte sich Leben nehmen

Die "New York Post" hatte berichtet, ein kurzer Ohnmachtsanfall von Kapitän Richard J. Smith sei daran mit schuld, dass dieser die "Andrew J. Barberi" gegen den Kai gesteuert hatte. Als der Kapitän zu sich gekommen sei, habe er aus Versehen volle Kraft voraus gegeben, statt das Tempo zu drosseln. Er leide an Bluthochdruck und habe an dem Tag vergessen, seine Medikamente zu nehmen, sagten Freunde von Smith dem Bericht zufolge der New Yorker Polizei. Nach der Havarie versuchte der Kapitän, sich das Leben zu nehmen.

Begonnen hatte der Fährverkehr zwischen Manhattan und der südlich gelegenen Insel Staten Island schon im Jahr 1713. Die erste mit Dampfmaschinen angetriebene Fähre wurde mehr als 100 Jahre später in Betrieb genommen. Das bislang schwerste Unglück liegt so lange zurück, dass es aus dem Bewusstsein der New Yorker längst verschwunden war. Am 30. Juli 1871 explodierte auf der Fähre "Westfield" der Dampfkessel, kurz nachdem der Kapitän "Volle Kraft voraus" befohlen hatte. 104 Menschen starben bei diesem Unglück.

Wunderbarer Blick auf Manhattan

Schon immer war die Fährverbindung zwischen den zwei Inseln auch deshalb beliebt, weil sie wunderbare Blicke auf Manhattan bietet. Tausende New Yorker und Besucher der Stadt werden jedoch die Augenblicke nie vergessen, in denen sie am Morgen des 11. September 2001 von einer der Staten-Island-Fähren aus mit ansehen mussten, wie zwei Passagierflugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers rasten.

"An diesem Tag war ich auf dem Weg zu meinem Büro in der Nähe der Wall Street", sagt John Martin. "Ich sah ein Inferno, und ich bin bis heute nicht damit fertig geworden. Jetzt ist alles noch schlimmer." Im Krankenhaus Sankt Vincent auf Staten Island waren Ärzte in der Nacht zum Donnerstag ohne Pause im Einsatz, um Verletzte zu behandeln. Wochen, Monate, wenn nicht Jahre werden sie mit Patienten zu tun haben, die unter den psychischen Folgen des Fährunglücks leiden.

Stadt in Angst

Auch nach den Terroranschlägen am 11. September waren in der Klinik viele Verletzte behandelt worden. Später wurde sie - in Erwartung weiterer Anschläge auf New York - als Notfallkrankenhaus ausgebaut. "Dies ist keine normale Stadt mehr", sagte ein Arzt des Hospitals, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen wollte. "Dies ist eine Stadt in ständiger unterschwelliger Angst."

Thomas Burmeister / DPA