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Führerloser Kreuzfahrer Die Irrfahrt des Rattenschiffs


Seit Ende Januar schippert die "Lyubov Orlova" führerlos über den Nordatlantik. Keiner weiß, wo der ausrangierte, schrottreife Kreuzfahrer steckt. Er wird zur Gefahr für den gesamten Schiffsverkehr.
Von Thomas Schmoll

Falls an einem Schiff Pech kleben kann, dann muss die "Lyubov Orlova" durch ein Meer voller Pech gefahren sein. Die Besatzung - 49 Russen und zwei Ukrainer zwischen 20 und 60 Jahren - war in St. John's, der größten Stadt auf Neufundland, gestrandet. Die meisten von ihnen hatten kein Geld, die Rückreise aus eigener Tasche zu bezahlen, und mussten warten, bis die Regierung in Moskau die Rückkehr in die Heimat organisiert. "Meine Familie, meine Eltern, meine Schwester, mein Bruder, meine Neffen, meine Freunde... alle warten auf mich", klagte damals Svetlana Shabanova, die zwölf Jahre lang auf dem Schiff gearbeitet hatte. Die Crew-Mitglieder hatten seit Wochen, manche seit Monaten, keinen Lohn mehr erhalten und waren auf Spenden der kanadischen Bevölkerung angewiesen, die Kleidung, Nahrungsmittel und Zigaretten vorbeibrachte.

Der russische Eigentümer des Schiffs - benannt nach der Schauspielerin Lyubov Orlova, dem ersten Superstar des sowjetischen Kinos - war pleite. Am 25. September 2010 beschlagnahmten die Behörden in St. John's den relativ kleinen Kreuzfahrer, um Forderungen einer kanadischen Chartergesellschaft von umgerechnet rund 186.000 Euro an den Besitzer abzusichern. Das Insolvenzverfahren ging schief, das 1976 in Jugoslawien gebaute, eisbrechende Schiff, das einst vermögende Touristen nach Grönland und die Antarktis brachte, dümpelte von da an im Hafen der neufundländischen Stadt und wurde so nach und nach zum Hassobjekt. Das Schiff ist von Ratten verseucht, der Hafen wartet noch heute auf Zehntausende Kanadische Dollar Liegegebühren.

"Zocken ist mein Geschäft seit 45 Jahren"

Zwei in Kanada lebende Iraner erwarben das Schiff aus der Konkursmasse heraus für 275.000 Dollar (rund 205.000 Euro) mit dem Ziel, es in der Dominikanischen Republik zu verwerten. Der Käufer Hussein Humayun sagte Angaben des öffentlichen Sender CBC zufolge: "Zocken ist mein Geschäft seit 45 Jahren. Wenn der Preis für Schrott steigt, können wir etwas Gewinn machen, wenn er nach unten geht, sind wir Verlierer." Dieses Mal haben sich der Iraner und sein Kompagnon verzockt. Das Schiff kam nie in der Karibik an. Es ist fort und treibt irgendwo im Nordatlantik - nur die Ratten haben es noch nicht verlassen. Weil Ortungsgeräte an Bord fehlen, weiß keiner, wo es ist. An Bord befinden sich nach Angaben des Ozeanologen Brad de Young von der Memorial University in St. John's keine Ortungsgeräte. Er sagt #link;www.stern.de/panorama/geisterschiff-im-nordatlantik-es-ist-eine-verzwickte-lage-1969447.html; im Gespräch mit stern.de#: "Die gute Nachricht dabei ist: Die 'Lyubov Orlova' ist ein ziemlich großes Schiff und einfach auf dem Radar zu erkennen."

Am 17. Januar sollte der Kreuzer vom Schlepper "Charlene Hunt" in die Dominikanische Republik gebracht werden. Schon wenige Kilometer hinter Neufundland riss das Tau. Bei starken Winden und Wellen von bis zu drei Meter Höhe schaffte es die Besatzung nicht, den Flüchtling wieder einzufangen. Zwischendurch kam das Geisterschiff Ölbohrinseln gefährlich nahe. Der "Atantic Hawk", ein Versorgungsschiff eines Ölkonzerns, gelang es Ende Januar auf eigene Faust, das Geisterschiff so weit wegzuschleppen, dass es die Bohrinseln nicht mehr bedroht.

Nachdem das Tau abermals riss, entschied das Verkehrsministerium, die "Lyubov Orlova" ihrem Schicksal zu überlassen. Nach Meinung des Ministeriums geht von ihr keine große Gefahr aus - weder für die Ölplattformen und ihre Arbeiter noch für die Umwelt. De Young sieht das anders. "Es gefährdet den gesamten Schiffsverkehr." Den Verantwortlichen wirft er vor: "Das Verkehrsministerium hat das Schiff von der Küste von Neufundland weggeschleppt, wo es sonst einfach geblieben wäre. Sie haben wohl gemerkt, dass es dort zumindest für Kanada eine größere Gefahr gewesen wäre als in internationalen Gewässern."

Warnungen gab es früh genug

Sicher ist, dass in St. John's manch einer durchtatmet, das Schiff los zu sein. Die Hafenbehörde weigerte sich unter Verweis auf Gesundheitsgefahren, dem Rattenschiff wieder einen Platz zu geben. Die Verkehrspolitikerin Olivia Chow von der sozialdemokratischen NDP sagt, der Transport mit einem "unzuverlässigen und unsicheren Schlepper" hätte niemals erlaubt werden dürfen. Warnungen hatte es gegeben. Mac Mackay, ein Experte für maritime Angelegenheiten, war verblüfft, als er die "Charlene Hunt" erstmals im Hafen von St. John's erblickte. Er riet dringend davon ab, die "Lyubov Orlova" mit dem Schlepper in die Karibik bringen zu lassen. In seinem Blog "Shipfax - Schiffsmeldungen aus Halifax" nannte er das Boot "ungeeignet", insbesondere im Winter. Er verwies auf den "schlechten Zustand" der "Lyubov Orlova". "Wenn es abdriftet, wird es wohl sinken oder auf Grund laufen." Josh Pennell, Reporter der Zeitung "The Telegram", verfolgt den Fall seit Monaten. Er meint: "Das Boot schreit bestimmt nicht nach Zuverlässigkeit."

Inzwischen treibt das Geisterschiff auf Irland zu, wo es im Frühjahr erwartet wird. Reza Shoeybi, einer der zwei Besitzer, bemüht sich nach eigenen Angaben, ein Schleppunternehmen in Irland zu finden, dass die "Lyubov Orlova" in einen Hafen bringt. Er sagte dem "Telegram", das Schiff sei mit 850.000 US-Dollar (635.000 Euro) versichert. Doch der Betrag werde nur fällig bei einem Totalverlust im Schlepptau. Professor de Young erklärt: "Der Eigentümer des Schiffs hat nur rund eine Viertelmillion Dollar dafür ausgegeben. Deswegen extra einen Schlepper rauszuschicken, der es zurückholt, lohnt sich für ihn nicht. Verzwickte Lage." Was also tun? "Möglicherweise sinkt das Schiff eh von allein - oder die Marine versenkt es, weil es den Schiffsverkehr gefährdet."


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