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Jahresrückblick 2007: Vom Ego zum Öko

George Clooney debattiert im UN-Hauptquartier, Al Gore missioniert im Namen der Umwelt, Julia Roberts kompostiert. Leonardo DiCaprio sorgt sich um schmelzende Pole, Nathalie Portman rettet Berggorillas. Ob Klima, Krieg oder Caritas - nie zuvor haben sich so viele Hollywood-Stars politisch und sozial engagiert wie 2007.

Von Christine Kruttschnitt

Kürzlich auf einer Pressekonferenz in Beverly Hills rief Julia Roberts, ohne speziell danach gefragt worden zu sein, dass ihr Leben neuerdings ein grünes sei. "Wir fahren Hybridautos, sammeln Altpapier, trinken Leitungswasser... oh, und ich kompostiere selbstverständlich!" Neben ihr auf dem Podium saß der Schauspieler Philip Seymour Hoffman, der bei diesen Ausführungen ein leises Grunzen von sich gab; ob abfällig oder behaglich, war nicht festzustellen.

"Jawohl", wandte sich Julia Roberts strahlend an den Kollegen, "ich kompostiere. Philip, und du?"

Hoffman grunzte wieder, diesmal eindeutig überrascht. "Klar kompostiere ich", sprach er dann gedehnt und grinste in die Runde. "Ich kompostiere, während ich hier sitze."

Gelächter im Saale, dann wandte sich das Gespräch wieder dem Gegenstand des Films zu, für den Julia Roberts, Hoffman und Tom Hanks sich der internationalen Presse stellten: der Krieg in Afghanistan, von dem es bekanntlich nur einen Katzensprung zum Krieg im Irak ist; ein Thema, zu dem Hollywood-Schauspieler dieser Tage häufiger Stellung nehmen als das Pentagon.

Smart ist wieder sexy

Tom Hanks verwickelt in den Kalten Krieg, Tom Cruise verwickelt in den aktuellen; George Clooney aktiv im Sudan, Angelina Jolie im Rest der Welt; Natalie Portman rettet Berggorillas und Brad Pitt New Orleans; an jeder Ecke Protest und Programm und Kompost - was zum Kuckuck war in diesem Jahr bloß los da drüben?!

Seit George Clooney anno 2005 mit seinem "Oscar"-nominierten Kammerspiel "Good Night, and Good Luck" eine gewisse Intelligenz ins weitgehend hirntote Unterhaltungskino zurückgebracht hatte und seit "komplex" und "anspruchsvoll" nicht mehr nur als Euphemismen für minderstes Minderheitenprogramm dienten - seit smart also plötzlich wieder als sexy galt, stürzte sich Hollywood mit derselben Gründlichkeit auf den Trend, mit der es sonst Teenager-Horrorstreifen oder Fantasy-Epen in Serie und ad nauseam produziert. Jedes der großen Studios gab einen, wenn nicht gleich mehrere Filme über den ungeliebten Krieg im Irak in Auftrag, und selbst in vordergründig unpolitischen Thrillern wie "The Bourne Ultimatum" wucherten über Amerikas unglückliche Außenpolitik Metaphern, welche Darsteller und Macher nicht müde wurden zu interpretieren.

Ruck in Richtung Ernsthaftigkeit

Kriegs- und Bush-Gegner fanden ein Forum, von dem sie Jahre zuvor nur geträumt hatten. Der Drehbuchautor und Regisseur Paul Haggis sagte, er sei "richtig enttäuscht" gewesen, dass sein Drama "In the Valley of Elah" - über einen fronttraumatisierten Irak-Veteranen - nicht für den Zündstoff gesorgt hatte, den er sich beim Schreiben vor wenigen Jahren noch erhofft hatte. Nein, Haggis' Film war nurmehr eine unter vielen kritischen Stimmen, nurmehr ein Gedanke unter vielen Denkstücken. Durch Hollywood - gemeinhin Heimat von "Shrek" und Piraten, kochenden Ratten und steppenden Pinguinen - war 2007 ein Ruck in Richtung Ernsthaftigkeit gegangen; als hätte sich die Branche selbst von der Stinkbomben werfenden Unterstufe auf einen Lehrstuhl versetzt.

Washingtons Politik ohne Weichzeichner

Hollywood erklärte der Welt, wie sie zu retten war. Man stieg um ins Hybridauto, man palettisierte sich Sonnenkollektoren aufs Villendach und politisierte in Talkshows. Nicht nur in Filmen wurde Kritik an der Bush-Regierung und Amerikas Hybris laut. "Bourne"-Darsteller Matt Damon nörgelte in einer Fernsehrunde, dass des Präsidenten Kinder doch bitteschön auch des Präsidenten Krieg in Übersee kämpfen sollten, linke Alt-Stars wie Robert Redford stellten sich ganz ohne den gewohnten Weichzeichner noch mal vor die Kamera und dozierten über die Verantwortung der US-Regierung (an seiner Seite spielt Tom Cruise in "Löwen und Lämmer" einen aalglatten und damit superrealistischen US-Senator).

Washington und Hollywood, sie kamen sich in diesem Jahr heftiger in die Haare als sonst - und doch näher denn je. Als Ex-Vizepräsident Al Gore im Februar mit einem "Oscar" für seine Öko-Dokumentation "An Inconvenient Truth" beschmust wurde, hatte sich die Traumfabrik nicht nur einen grünen Star und neuen "Leading Man" erkoren - sondern eine Mission gefunden. Grünen mit Gore! Massen von VIPs wandten sich so exotischen Phänomenen zu wie Umweltbewusstsein und Wohltätigkeit, lernten brav, auf welchem Kontinent sich Darfur befand, und empörten sich auf heimischen Pressekonferenzen angemessen über teuer und umweltschweinisch eingeflogenes Mineralwasser aus Neuseeland. Kurz, Hollywood war auf dem Trip: vom Ego zum Öko.

Engagement als Mode?

Und ist die Mission vielleicht nur eine Mode? Egal, der Unterschied schmilzt wie Polareis: Fakt ist, dass derzeit auf den Leinwänden so viel Besorgnis und Widerstand wogen wie im wahren Leben. Nie zuvor haben so viele Stars sich politisch und sozial engagiert wie derzeit. Besser gesagt: Nie zuvor haben sie das so öffentlich getan. Denn die Leichtigkeit des Seins, sie ist neuerdings verwerflich: Nur wer sich für eine gute Sache einsetzt, gilt als ganzer Kerl in Hollywood. Als holistisches Erfolgsmodell - außen Gold und Glamour, innen grün und gut.

Die "Los Angeles Times" widmete kürzlich mehrere Seiten dem Gutmenschen-Phänomen gerade unter Starlets, jener winzigen demoskopischen Bevölkerungsschicht, der traditionell eher Glamour, Partys, Manolos und Fun wichtig sind. Jungstar Natalie Portman - die für eine TV-Dokumentation über bedrohte Gorillas kürzlich den Kongo bereiste - wirbt für eine Organisation, die Frauen in Drittweltländern Mikrokredite zur Verfügung stellt. Scarlett Johansson engagiert sich für "Oxfam", einen Zusammenschluss von 13 Gruppierungen, die weltweit Armut bekämpfen; "Heroes"-TV-Heldin Hayden Panettieri, ganze 18 Jahre alt, will Delphine retten. "Seit den sechziger Jahren war das Interesse am Zustand der Welt nicht mehr so groß wie heute", zitiert das Blatt die 23-jährige Johansson. "Aufregende Zeiten für junge Leute."

Öko-Lifestyle im Privatjet

Und weil in der Tat kein Mode-Label, kein Nachtclub derzeit so "hot" ist wie eine schicke "Charity", fand die Gag-Meldung über Paris Hilton, sie engagiere sich für "betrunkene Elefanten im Nordosten Indiens", sofort gläubige Abnehmer. Unter anderem die Illustrierte "Bunte" zitiert die "selbst nicht gerade abstinente Hotelerbin" mit dem Aufruf, "wir müssen aufhören, ihnen Alkohol zugänglich zu machen." Elefanten, Delphine, Gorillas - so viele Problembären auf der Welt, so viele Chancen für Stars, Herz zu zeigen.

In Los Angeles ist bereits eine kleine Industrie herangewachsen, die Zelebritäten mit der passenden Benefiz-Organisation zusammenbringt. Rita Tateel, Gründerin der Agentur "Celebrity Source": "Wir glauben ja gerne, dass Berühmtheiten aus Neigung wohltätig sind. Aber in Wahrheit gehört soziales Verhalten mittlerweile zum Geschäft." Und wie mancher Frisör und Koch im Abglanz der Weltstars selbst zur Berühmtheit wird, so finden sich Architekten plötzlich in den Klatschspalten wieder, die entsprechend dem neuen Umwelt-Boom bauen, und so schleichen sich "Öko-Lifestyle-Experten" als unentbehrliche Mitarbeiter in Star-Entouragen. 2007 war das Jahr, in dem die Frage wichtig wurde, ob bei Stars zu Hause mit der Wasserspartaste gespült wird und ob sie - Rüge, Rüge - zu ihren globalen Filmpremieren etwa noch mit Privatfliegern jetten.

Ein bisschen Umwelt, ein bisschen Frieden

Letzteres musste sich Leonardo DiCaprio im Mai auf einer Pressekonferenz beim Filmfestival in Cannes fragen lassen. Er schnaubte, nein, er sei mit der Eisenbahn übern Atlantik gekommen. "Ich tue, was ich kann", sagte er kürzlich im Interview in Los Angeles. Dann seufzte er. "Es kommt nicht darauf an, dass jeder von uns alles tut, um die Welt zu retten. Das wird nichts. Es müssen nur alle ein bisschen etwas tun."

Der 33-jährige Mädchenschwarm engagiert sich schon seit Jahren für den Umweltschutz. Während die Klatschpresse sorgfältig das Ende seiner Beziehung zu diversen Supermodels dokumentierte, arbeitete DiCaprio mit ähnlicher Hingabe an einem Projekt, das sich mit dem Ende von weit Größerem beschäftigt: der Zerstörung des Planeten durch Industrie, Politik und Gedankenlosigkeit. Solange er die Aufmerksamkeit einiger Menschen besäße, sagte Leonardo einmal, wolle er sie nutzen. Wolle etwas vor-leben. Wolle das Scheinwerferlicht, das auf ihn fällt, auf Dinge lenken, für die sich sonst kein Schwein interessiert. So ist seine Dokumentation "The 11th Hour", die er co-produziert, co-geschrieben und moderiert hat, unbenommen der beste Film des Jahres. Moralisch gesehen jedenfalls.

Grünes Gewissen oder grüne Scheine

Teilweise gedreht in der Garage von DiCaprios Mutter Irmelin, äußern sich in 54 der gescheitesten Menschen unserer Zeit über Zustand und Zukunft der Erde - vom Ozeanographen bis zur Biologin, vom grünen Unternehmer bis zur Menschenrechtlerin. Leonardo steht wahlweise an wildschönen Stränden oder betonierten Flussbetten und spricht eindringlich vom Umdenken - und davon, dass alles mit einander zusammenhängt. So gesehen ist dann auch leicht erklärbar, weshalb Warner Brothers die schwere Kost ins Verleihprogramm genommen hat: Leonardo DiCaprio hat dem Studio mit Filmen wie "The Departed" und "Blood Diamond" schon viel von dem anderen Grün beschert. Dollarscheine: das einzige Grün, das in Hollywood bisher was wert war.

Viel Geld haben die politischen Filme bislang nicht eingespielt. Der Krieg an der Kinokasse: ein Flop. Stellt sich also die Frage, ob die Studios weiterhin aggressive und kritische Produktionen anschieben. Und diese grüne und soziale Welle in der Hollywood-Gemeinde: Wie lange hält sie an? Julia Roberts schwört, sie sähe die Welt ganz anders, seit sie Kinder hat. Was für sie bedeutet: dass sie wahrscheinlich kompostiert bis ins hohe Alter.

Und für uns: dass sich im Jahr 2007 endlich gezeigt hat, was ein richtig guter Schauspieler ist.