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Aufdeckung von Pädophilen-Netzwerk Lügde, Bergisch Gladbach, Münster: Warum in NRW immer mehr Missbrauchsfälle ans Licht kommen

Sehen Sie im Video: Staatsanwaltschaft Münster äußerst sich zu schweren Missbrauchsfällen. O-TON OBERSTAATSANWALT MARTIN BOTZENHARDT "Es befinden sich seit Mitte Mai bis gestern eingerechnet sieben Verdächtige in Untersuchungshaft wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern. Es handelt sich um sechs Männer und eine Frau. Der vermutliche Hauptbeschuldigte ist ein 27 Jahre alter Mann aus Münster. Darüber hinaus sind Beschuldigte seine 45 Jahre alte Mutter, auch aus Münster. Dann ein 30 Jahre alter Mann aus Staufenberg, das liegt bei Gießen. Darüber hinaus ein 35 Jahre alter Mann aus Hannover, ein 42 Jahre alter Mann aus Schorfheide, das liegt in Brandenburg, 43 Jahre alter Mann aus Kassel und ein 41 Jahre alter Mann aus Köln. Zu den einzelnen Tatbeteiligungen bzw. Tatvorwürfen kommen wir später noch. Wir haben bislang drei Opfer identifizieren können. Es sind drei Jungen im Alter von fünf Jahren, zehn Jahren und 12 Jahren. Der fünf Jahre alte Junge ist der Sohn des Beschuldigten aus Staufenberg. Der zehn Jahre alte Junge ist, da bitte ich jetzt genau drauf zu achten, der Sohn der Lebensgefährtin des Beschuldigten aus Münster, also nicht sein leibliches Kind. Und der 12 Jahre alte Junge ist der Neffe des Beschuldigten aus Kassel... Ist dieser zehn Jahre alte Junge vermutlich Opfer zahlreicher, schwerer Missbrauchshandlungen geworden. Im Wesentlichen sollen diese Taten begangen worden sein von dem 27 Jahre alten Beschuldigten hier aus Münster, aber auch von andren Beschuldigten... In dem Haftbefehlt wird ein möglicher Tatzeitraum angegeben von November 2018 bis Mai 2020. Dabei soll der 27-jährige Beschuldigte zahlreiche Missbrauchshandlungen an dem Jungen vorgenommen haben und diese Missbrauchshandlungen auf Videos oder Fotos dokumentiert haben und dann diese Bilder über das sogenannten Darknet anderen Personen zur Verfügung gestellt haben."
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Die Ermittlungskapazität wurde vervierfacht und neue Technik angeschafft: Dass die Polizei in NRW in letzter Zeit so viele Fälle von Kindesmissbrauch stößt, hat womöglich auch damit zu tun. Doch reicht das? Rufe nach der Vorratsdatenspeicherung werden wieder laut.

Nach der Aufdeckung eines Pädophilen-Netzwerks in Münster werden nach Überzeugung der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in den kommenden Monaten weitere Fälle folgen. Dass in Nordrhein-Westfalen "immer mehr Missbrauchsfälle bekannt werden", habe viel damit zu tun, dass die Ermittlungskapazitäten in dem Bereich erhöht worden seien, sagte der stellvertretende GdP-Landesvorsitzende Michael Maatz. "Deshalb müssen wir damit rechnen, dass in den nächsten Monaten weitere Gruppen von Kinderschändern auffliegen werden, zum Teil in Dimensionen, die sich bislang niemand vorstellen kann."

Auch Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) sah sich bestätigt. Nach dem Missbrauchsfall von Lügde sei bei der Polizei das Personal zur Verfolgung von Kindesmissbrauch vervierfacht und die technische Ausrüstung verbessert worden, sagte Reul am Sonntagabend in der WDR-Sendung "Westpol". "Und seitdem decken wir einen Fall nach dem anderen auf, genau das wollte ich." Jeder weitere Fall, der entdeckt werde, zeige, dass die Polizei gut arbeite.

Eine Videoüberwachungsanlage steht am Eingangstor der Kleingartenanlage, in der sich eine Gartenlaube befindet
Eine Videoüberwachungsanlage steht am Eingangstor der Kleingartenanlage in Münster, in der sich eine Gartenlaube befindet – einer der Tatorte des vermutlichen Haupttäters in dem Missbrauchsfall
© Marcel Kusch/DPA

Münster: 11 Festnahmen, sieben Haftbefehle

In Nordrhein-Westfalen haben die Ermittler in Münster ein Pädophilen-Netz entdeckt und bundesweit elf Verdächtige festgenommen. Sieben der Beschuldigten sitzen in Untersuchungshaft. Darunter ist auch die Mutter des Hauptbeschuldigten, die als Erzieherin in einem Kindergarten gearbeitet hat. Ihre Gartenlaube in Münster gilt als Haupttatort. Die Opfer waren drei Jungen im Alter von fünf, zehn und zwölf Jahren.

Schauspieler Jan Josef Liefers (55), der Star im Fernseh-"Tatort" aus Münster, würdige auf Instagram die Arbeit der Beamten. "11 Festnahmen, 7 Haftbefehle - Großer Dank", schrieb der. Den Ermittlern, "die sich durch Terabytes übelster Kinderpornografie arbeiten müssen", bekundete er Respekt und Mitgefühl.

Nordrhein-Westfalen war zuletzt mehrmals von schweren Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs erschüttert worden. So hatten mehrere Männer auf einem Campingplatz in Lügde über 30 Kinder jahrelang vergewaltigt. Seit Monaten ermitteln Beamte zudem in einem bundesweiten Missbrauchskomplex, der in Bergisch Gladbach seinen Anfang nahm.

GdP-Landesvize Maatz kritisierte, dass die Ermittlungsarbeit durch Datenschutz-Regeln behindert werde. Es könne Jahre dauern, bis das Beweismaterial gesammelt sei. Dann seien aber die Verbindungsdaten längst gelöscht und die Computer-Adressen ließen sich kaum noch den weltweit agierenden Tätern zuordnen. "Wenn wir verhindern wollen, dass die Verbreitung von Kinderpornografie über das Internet straffrei bleibt, müssen wir die Telekommunikationsunternehmen verpflichten, die Verbindungsdaten ihrer Kunden wieder zu speichern und den Ermittlungsbehörden zur Verfügung zu stellen."

Sehen Sie im Video: CDU-Chefin fordert drastische Strafen für Kindesmissbrauch nach Münster-Fällen. Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU-Parteichefin: "Kindermissbrauch und Kinderpornografie hängen zusammen. Denn es geht nicht nur um die Frage, wie der einzelne Täter, wie der einzelne Täter sozusagen motiviert ist, sondern es geht darum, dass sich hinter dem Begriff Kinderpornografie mittlerweile ein großer Markt, eine Industrie verbirgt. Dasselbe, was wir beim Thema Prostitution, was beim Thema Menschenhandel auch erleben. Nur dass es hier einen Handel ist zulasten der Schwächsten in unserer Gesellschaft, zulasten ihrer Körper, ihrer Seelen, ihrer Lebens. Und deswegen muss an all diesen Punkten angesetzt werden. Und müssen wir auch bei der Bekämpfung der Kinderpornografie ganz klare und große gemeinsame Anstrengungen unternehmen? Und das klare Signal, noch viel klarer, als wir es bisher in der Vergangenheit gesetzt haben, muss sein, dass es Nulltoleranz gibt gegenüber Kinderschändern, gegenüber ihren Helfern und Helfershelfern und allen denjenigen, die glauben, dass sie mit dem Leben von Kindern Geld verdienen können. Es muss möglich sein, für Täter und Mittäter sexuellen Missbrauchs, drastische Strafen zu ermöglichen. Nur so können die abschreckenden Signale auch glaubhaft nach außen gesetzt werden. Wir wollen, dass Kindesmissbrauch in jedem Fall, in jedem Fall als Verbrechen und nicht nur als Vergehen eingestuft wird, damit in jedem Fall eine Mindeststrafe von einem Jahr droht. Das ist im Kern dessen, was die Innenministerkonferenz auch vor einem Jahr schon gefordert hat. Und wir fordern die Erhöhung des Strafrahmens für den Besitz beziehungsweise die Besitzverschaffung von kinderpornografischen Material. Es kann nicht sein, dass der einfache Ladendiebstahl mit einem höheren Strafrahmen belegt ist, als es der Fall ist, wenn es darum geht, dass man sich kinderpornografisches Material beschafft."
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Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Mathias Middelberg (CDU), sagte laut einem "Bild"-Bericht, die Vorratsdatenspeicherung könne die Verfolgung von Spuren deutlich erleichtern. "Wir brauchen jetzt wirklich die Vorratsdatenspeicherung. (...) Datenschutz darf nicht zum Täterschutz werden!" Auch andere Innenpolitiker der Großen Koalition forderten Bild" zufolge Verschärfungen bei Verfolgung und Prävention.

Dimension des Missbrauchs "gigantisch verschlimmert"

Nach Ansicht der Kinderschutzorganisation Innocence in Danger haben digitale Medien und Internet die Dimension von Missbrauch "gigantisch verschlimmert". "Es macht es einfacher für die Täter sich zu organisieren und Missbrauchsdarstellungen auszutauschen", sagte Julia von Weiler, die Geschäftsführerin der Bewegung gegen Kindesmissbrauch, der Deutschen Presse-Agentur. Im Missbrauchsfall von Münster hatten die Ermittler eine sehr große Menge an Daten vorgefunden, die noch lange nicht entschlüsselt sind.

Der Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, mahnte mehr Wachsamkeit an. "Die betroffenen Kinder haben ein soziales Umfeld. Sie haben Nachbarn, gehen in Kitas, Schulen oder Sportvereine. Es kann nicht sein, dass nie jemand etwas bemerkt haben will", sagte Rörig der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Neben wirksamen Strafverfolgungsinstrumenten brauche es dringend mehr Anstrengungen "bei Prävention und der breiten Sensibilisierung und Aufklärung unserer Gesellschaft".

tim DPA

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