HOME

Flut, Hitze, Dürre: Asien versinkt im Wetterchaos

In Asien ereignen sich die Hälfte aller weltweiten Naturkatastrophen. Auch jetzt wieder spielt das Wetter auf dem Riesenkontinent verrückt: In Pakistan, China, Nepal und Indonesien zerstören Fluten und Stürme, Hitzewellen und Dürren Lebensgrundlagen von Millionen von Menschen.

Von Michael Lenz, Kuala Lumpur

England steht unter Wasser, in Griechenland lodern Waldbrände, in weiten Teilen Europas stöhnen die Menschen unter einer Hitzewelle. Der Sommer der Wetterextreme beschränkt sich aber nicht auf Europa. Auch in Asien spielt das Wetter verrückt: Von Pakistan bis China, von Nepal bis Indonesien zerstören Fluten und Stürme, Hitzewellen und Dürren Lebensgrundlagen und fordern Menschenleben. Alleine in China sind bei Flutkatastrophen mehr als 500 Menschen ums Leben gekommen.

Der typische Monsun kommt jedes Jahr und verursacht jedes Jahr schwere Schäden. In Asien ereignet sich zudem die Hälfte aller weltweiten Naturkatastrophen von Vulkanausbrüchen über Erdbeben, Stürme bis hin zum Tsunami. 44 Prozent aller weltweiten Todesopfer durch solche Katastrophen sind in Südostasien zu beklagen. In Asien, Heimat von 60 Prozent der Armen der Welt, haben eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen. Hinzu kommen Krankheiten wie Aids und die Gefahr des Ausbruchs einer Vogelgrippeepidemie.

Welchen Anteil hat der Klimawandel am Wetterchaos?

Unklar ist jedoch, welchen Anteil der Klimawandel an den aktuellen chaotischen Wettersituationen in Asien hat. Die immer häufiger und immer heftiger werdenden Naturkatastrophen verschärfen jedoch die Armut als auch die zumeist sowieso schon katastrophale gesundheitliche Situation der Armen. Verunreinigtes Wasser nach Fluten führt zu einer Zunahme von Durchfallerkrankungen; Missernten haben Unterernährung zu Folge; mehr Regen bietet Moskitos als Überträger von Krankheitserregern wie Dengue oder Malaria mehr Brutmöglichkeiten. Eine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO kommt zu dem Ergebnis, dass der Klimawandel direkt oder indirekt für den Tod von 77.000 Menschen pro Jahr in der asiatisch-pazifischen Region verantwortlich sei. Das ist die Hälfte aller Todesfälle, die weltweit mit dem Klimawandel in Zusammenhang gebracht werden.

Kaum ein Land in Asien, das nicht vom Wetterchaos betroffen ist: In Bangladesch stehen in 30 von insgesamt 64 Distrikten weite Teile des Landes unter Wasser. Heftige Regenfälle haben die großen Flüsse des Landes wie den Jamuna oder den Brahmaputra über die Ufer treten lassen. Selbst das reiche Brunei wird von Unwettern nicht verschont. Das Ölsultanat auf Borneo wurde in der vergangenen Woche von dem schlimmsten Unwetter seit zehn Jahren heimgesucht. Besonders betroffen ist Kampung Ayer. In dem weltberühmten schwimmenden Dorf wurden über 200 Häuser zerstört.

Die Regierung von Sultan Sultan Hassanal Bolkiah hat die Armee nach Kampung Ayer entsandt, um beim Wiederaufbau zu helfen. Die 30.000 Einwohner von Kampung Ayer haben sich nicht von den Ölmilliarden des kleines Landes beeindrucken lassen. Beharrlich leben sie ihren traditionellen Lebensstil. Das auf mehr als einer Million Pfählen erbaute Kampong Ayer ist Bruneis Hauptattraktion für Touristen und wird als das "Venedig des Ostens" bezeichnet.

Nepal, China, Indonesien, Pakistan: Lesen Sie auf der nächsten Seite, was das Wetterchaos in Asien bereits angerichtet hat

Nepal

Nachrichten von Naturkatastrophen aus Nepal hört man selten. Im Gegenteil. Der Himalayastaat ist in der Vorstellung vieler das Land der Tempel und Pagoden, der klaren Bergluft und des gesunden Lebens. Die Nepalesen im Süden des Landes erleben ihre Heimat in diesen Tagen allerdings von der anderen Seite: Fluten und Erdrutsche haben 2500 Häuser zerstört und mindestens 40 Menschen das Leben gekostet. Der Lebensraum von mehr als einer halben Million Menschen steht unter Wasser. Im Distrikt Sallyan haben die seit über einer Woche anhaltenden schweren Regenfälle einen Erdrutsch ausgelöst, der eine fünfköpfige Familie unter sich begrub. In Saptari wurde ein kleines Mädchen von den Fluten des Flusses Mahauli weggeschwemmt. Ursache der Wolkenbrüche ist nach Angaben der nepalesischen Behörden der jährliche Monsun, der in diesem Jahr ungewöhnlich heftig ausfalle. Die Vereinten Nationen (UN) befürchten erhebliche Ernteausfälle durch die Unwetter.

Pakistan

Im benachbarten Pakistan hat eine Flutwelle in der Nordprovinz an der Grenze zu Afghanistan jüngst 56 Menschen getötet. Dutzende werden noch vermisst. Unter den Toten sind nach Angaben der pakistanischen Behörden auch vier afghanische Flüchtlingskinder. Die Mädchen hätten sich vor den steigenden Fluten in Peschawar auf das Dach eines Hauses gerettet, das aber den Wettergewalten nicht standhielt. Das Gebäude aus Lehmziegeln sei zusammengebrochen und habe die vier kleinen Mädchen unter den Trümmern begraben. Pakistan hat im vergangenen Monat eine Welle von extremem Wetter erlebt. Ein tropischer Wirbelsturm im Verein mit dem Monsun hat im Süden und Südwesten des Landes 200 Menschenleben gefordert und heftige Verwüstungen im Lebensraum von 1,6 Millionen Menschen angerichtet.

Indonesien

Naturkatastrophen in Indonesien gehören schon fast schon Alltag. Die 220 Millionen Einwohner des südostasiatischen Inselstaates leben mit Fluten, Vulkanausbrüchen, Erdbeben und Tsunamis. Die vorläufig letzte Nachricht über Unwetter kommt von der zwischen Borneo und Neuguinea gelegenen Insel Sulawesi. Auch dort haben in dieser Woche schwere Regenfälle zu Überschwemmungen und Erdrutschen geführt. Mindestens 107 Menschen sind ums Leben gekommen, viele werden noch vermisst, teilte die Regierung in Indonesiens Hauptstadt Jakarta mit. Im Distrikt Mamosolato auf Sulawesi seien über 1000 Menschen von der Außenwelt abgeschnitten und müssen aus der Luft versorgt werden. Insgesamt sind 45.000 Menschen von den Schäden durch die Unwetter betroffen. Ein erster Frachter mit Hilfsgütern und medizinischem Personal an Bord sei inzwischen in Sulawesi angekommen. Umweltorganisationen klagen, das Ausmaß der Katastrophe sei durch die seit Jahren andauernde Abholzung der Wälder Sulawesi wesentlich verstärkt worden.

China

In China ist vieles um einige Nummern größer als im Rest der Welt. Das scheint auch für Wetterkatastrophen zu gelten. Das Riesenland hat in diesem Sommer mit Extremen aller Art zu kämpfen. In nur 40 Minuten riss ein Taifun in der bitterarmen chinesischen Provinz Anhui durch 33 Dörfer eine zehn Kilometer lange Schneise der Verwüstung und entwurzelte 100.000 Bäume: Wie durch ein Wunder gab es keine Toten. Entlang des Jangtse, Asiens längstem Fluss, versuchen in diesen Tagen gut 30.000 freiwillige Helfer durch die Errichtung von Sandsackbarrikaden den rasant anschwellenden Fluten Herr zu werden. Wochenlange Regenfälle haben den Oberlauf des Jangtse im bergigen Südwesten Chinas als auch die Pegel einiger Nebenflüsse wie dem Huai oder dem Han dramatisch anschwellen lassen. Jetzt droht den vier Millionen Einwohnern von Wuhan, die Hauptstadt der Provinz Hubei, eine Überschwemmungskatastrophe.

In den südlichen und südöstlichen Provinzen Chinas, Heimat von etwa 200 Millionen Menschen, hingegen herrscht eine Hitzewelle. Besonders betroffen von den Temperaturen von fast 40 Grad Celsius ist die Landwirtschaft. Eine Million Menschen droht nach Meldungen chinesischer Medien die Rationierung von Trinkwasser. Die Behörden des Landes befürchten zudem eine Missernte. Das verschärft die ohnehin schon problematische Ernährungssituation in China.

In den Provinzen Jiangxi, Hunan und Fujian ist der Reisanbau durch eine Dürre fast zum erliegen gekommen. Ausgerechnet im Jahr des Schweins ist zudem Chinas Grundnahrungsmittel Schweinefleisch knapp geworden. Grund: Millionen Tiere sind mit der "Blaue Ohren"-Krankheit infiziert, die von einem sehr wandlungsfreudigen Virus verursacht wird. Zudem machen steigende Futterpreise die Schweinezucht immer weniger lohnenswert. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind die Preise für Nahrungsmittel in China bereits um 7,6 Prozent gestiegen.