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Sorge vor Pandemie: Schweinegrippe erreicht Europa

Die Schweinegrippe breitet sich von Amerika immer weiter aus: Spanien hat einen ersten Fall bestätigt. Für Virologen ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann die Schweinegrippe auch in Deutschland ankommt. Sie warnen zwar vor Panikmache, aber das Virus sorgt auch an der Börse schon für Unruhe.

In Europa gibt es einen ersten Fall von Schweinegrippe. Bei einem kürzlich aus Mexiko nach Spanien zurückgekehrten Mann sei der mutierte Schweinegrippe-Erreger vom Typ H1N1 nachgewiesen worden, teilte Gesundheitsministerin Trinidad Jiménez am Montag mit. Der 23-Jährige befinde sich in einem Krankenhaus in Almansa nahe Albacete im Südosten Spaniens unter Quarantäne. Er sei am 22. April mit Fieber und Husten von einer Studienreise aus Mexiko zurückgekehrt und daraufhin zum Arzt gegangen. Die Behandlung schlage bei dem Patienten gut an, er sei nicht ernsthaft erkrankt. Weitere 17 Menschen in Spanien seien in dem Verdacht, sich angesteckt zu haben.

In Deutschland stimmen Bund und Länder derzeit einheitliche Empfehlungen ab, wie man mit Verdachtsfällen umgehen soll. Zudem gibt es einen Nationalen Pandemieplan. Die Fluggesellschaften sind grundsätzlich auf den Ausbruch von Infektionskrankheiten vorbereitet, ebenso die zuständigen Gesundheitsämter vor Ort. Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt herrscht erhöhte Alarmbereitschaft. Ebenso an der Börse: Der Dax verlor mehr als ein Prozent. Auch die anderen großen Kursbarometer machten Verluste. "Die Angst vor einer weltweiten Pandemie dürfte die globale Rezession weiter verschärfen", fasste Daniel Chan, Senior Investmentstratege bei DBS Bank in Hongkong, die Befürchtungen der Börsianer zusammen.

EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou riet von Reisen nach Mexiko ab, "um das Risiko zu minimieren". Touristen, die gegenwärtig vor Ort seien oder aus Mexiko zurückkehrten, sollten einen Arzt aufsuchen, empfahl Vassiliou in einer in Brüssel ausgestrahlten Videobotschaft. Eine Reisewarnung für deutsche Touristen gibt es noch nicht.

In dem Land, in dem die Schweinegrippe ihren Ausgang genommen hatte, stieg die Zahl der Toten nach Angaben des Gesundheitsministeriums auf 103 - unklar ist, wie viele Menschen mit dem Virus infiziert sind. Die US-Regierung rief den Gesundheits-Alarmzustand aus. Mindestens 20 Infektionen wurden offiziell bestätigt, in Kanada sind es sechs. In Europa gibt es neben dem bestätigten Fall und den 17 Verdachtsfälle in Spanien, bist zu fünf in Skandinavien und einen in Frankreich. Weitere Verdachtsfälle gibt es in Israel, Neuseeland und Brasilien. Und es werden fast stündlich mehr.

"Virus auch bald bei uns"

Deutsche haben sich nach Erkenntnissen der Bundesregierung bislang auch im Ausland nicht mit dem gefährlichen Virus angesteckt. "Wir haben noch keine Hinweise, dass deutsche Bürger betroffen sind", sagte der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Günter Gloser, in Luxemburg.

Nach Experten-Einschätzung wird sich der Schweinegrippe-Erreger jedoch auch bald in Deutschland ausbreiten. "Ich denke, wir können davon ausgehen, dass wir das Virus auch bei uns bald sehen werden", sagte der Virologe am Paul-Ehrlich-Institut, Michael Pfleiderer, dem Bayerischen Rundfunk. Er warnte aber vor Panikmache. Man habe es zwar mit einer weltweiten gesundheitlichen Bedrohungslage zu tun. "Das heißt aber nicht, dass wir das Ganze in dunklen bis schwarzen Farben malen sollen."

Auch nach Meinung des Präsidenten des Berliner Robert-Koch-Instituts, Jörg Hacker, müsse man täglich mit dem Ausbruch der Schweinegrippe in Deutschland rechnen. "Im Moment ist das Virus noch nicht angekommen. Aber wir sind darauf eingestellt", erklärte er im Rundfunk Berlin-Brandenburg.

Normale Hygienemaßnahmen reichten zur Vorbeugung aus, sagte der Viren-Experte am Bundesinstitut für Sera und Impfstoffe. Zudem seien "die Gesundheitsbehörden bis auf die kleinste lokale Region vorbereitet". Impfstoffe gegen das Virus gibt es noch nicht. Derzeit werde aber untersucht, inwieweit die vorhandenen saisonalen Grippeimpfstoffe eine schützende Wirkung haben könnten. "Unsere stärkste Waffe sind die antiviralen Arzneimittel, mit denen man spezifisch Influenzainfektionen auch mit diesem H1N1-Virus behandeln kann - und davon gibt es hinreichend Vorräte."

Wegen der bedrohlichen Ausbreitung der Schweinegrippe in Amerika plant die EU eine Serie von Krisensitzungen. Neben dem Treffen der EU-Außenminister wurde eines von Gesundheitsexperten der 27 Mitgliedstaaten in Brüssel einberufen. Voraussichtlich am Donnerstag würden dann die EU-Gesundheitsminister zu einer Sondersitzung zusammenkommen, teilte die tschechische Ratspräsidentschaft mit. Kommissionspräsident José Manuel Barroso erklärte: "Die EU-Kommission verfolgt die Entwicklung sehr genau."

In Mexiko, wo die Schweinegrippe zuerst registriert worden war, hat die Epidemie bereits mehr als 100 Todesopfer gefordert. Zahlreiche Länder vor allem in Lateinamerika trafen Vorbereitungen, um ein Einschleppen des Virus aus Mexiko und den USA zu verhindern. Mexikanische Behörden spürten mögliche Grippekranke in Wohnungen, auf Flughäfen und Bahnhöfen auf. Russland sprach eine Reisewarnung für Mexiko aus.

Mexikos Präsident Felipe Calderón berichtete am Sonntag vor dem nationalen Gesundheitsrat, von 1386 Grippe kranken Patienten in Krankenhäusern sei bei 926 Entwarnung gegeben worden. 386 Menschen seien weiter unter Beobachtung in den Hospitälern. Er rief die Bundesstaaten auf, alle Fälle von Grippe zu melden. Speziallabore, die das mutierte Schweinevirus aufspüren können, seien ab Mitte der Woche in Mexiko verfügbar. Bisher müssen die Proben in den USA und Kanada analysiert werden.

In Mexikos Hauptstadt-Region sind seit Freitag alle Schulen geschlossen, Großveranstaltungen sind verboten. Fußballspiele werden ohne Publikum ausgetragen. Und auch die katholische Kirche hat die Pforten ihrer Kirchen für Sonntagsmessen schließen müssen. Die Regelungen gelten zunächst bis zum nächsten Wochenende.

DPA/AP / AP / DPA