Tsunami-Katastrophe Die größte Hilfsaktion der Geschichte


Losgerissene Landminen, Plünderungen, Wasser- und Medizinknappheit: Nach der Flutkatastrophe mit möglicherweise 100.000 Toten haben Hilfsorganisationen weltweit die größte Hilfsaktion ihrer Geschichte gestartet.

Hilfsorganisationen aus aller Welt versuchten, Nahrungsmittel, Trinkwasser und Medikamente zu den Überlebenden zu bringen und so den Ausbruch von Seuchen und einer Hungersnot zu verhindern. In Indonesien verwesten in sengender Hitze vom Meer angeschwemmte Leichen. Rettungsteams suchten in abgelegenen Küstenregionen nach Überlebenden der Flutkatastrophe. Mehr als 3500 ausländische Touristen galten weiter als vermisst. Die meisten von ihnen sind Skandinavier.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte, durch Seuchen könnte sich die Zahl der Todesopfer noch verdoppeln. Mittlerweile haben mindestens 25 Länder finanzielle und materielle Unterstützung von insgesamt mehr als 100 Millionen Dollar zugesichert.

Auf der thailändischen Urlauberinsel Phuket ist die deutsche Hilfe in vollem Gange. Mehr als 80 Helfer darunter rund 20 Mitarbeiter des Technischen Hilfwerks sind mittlerweile in Phuket angekommen. Eine von der Bundesregierung gecharterte Maschine habe am Mittwoch deutsche Urlauber ausgeflogen, berichtete eine Mitarbeiterin des Auswärtigen Amtes. Das Flugzeug habe zuvor ein 28-köpfiges Team von Ärzten, Rettungskräften und Psychologen auf die Insel gebracht, das Touristen aus Deutschland betreuen soll. Für die kommende Nacht wurde die Ankunft eines als Intensivstation ausgerüsteten Bundeswehr-Airbus erwartet.

Wie es hieß, wurden auch Beamte des Bundeskriminalamtes eingeflogen, um die Identifizierung von Toten zu unterstützen. Diplomatisches Personal aus Bangkok, Phuket und Berlin helfen nach Angaben der Mitarbeiterin deutschen Touristen mit Ersatzpapieren und falls nötig mit Geldbeträgen.

Die spendenfreudigen Deutschen haben in den ersten drei Tagen nach der Flutkatastrophe den Hilfsorganisationen bereits mehrere Millionen Euro überwiesen. Allein bei der "Aktion Deutschland Hilft" (ADH) - darin sind zehn Organisationen zusammengeschlossen - gingen bis Mittwoch 3,6 Millionen Euro ein. Das Aktionsbündnis Katastrophenhilfe des Deutschen Roten Kreuzes, der Unicef, der Diakonie und der Caritas hat bislang über eine gemeinsame Hotline 1,3 Millionen Euro gesammelt. Beim Deutschen Roten Kreuz ging allein am Montag eine Summe von gut einer Million Euro ein.

ADH-Sprecherin Janian Niemitz sagte, das Ausmaß der Not sei noch gar nicht absehbar, "von da her sind wir über die Spendenunterstützung der Menschen in unserem Land im Namen aller Opfer sehr dankbar."

Die finanzielle Hilfe ist mehr als nötig: US-Außenminister Colin Powell sagte, möglicherweise müsse die internationale Gemeinschaft Milliardensummen zur Verfügung stellen. Das Deutsche Rote Kreuz stellt sich auf einen mehrjährigen Hilfseinsatz in den Katastrophengebieten ein. In Banda Aceh, der Hauptstadt der nordindonesischen Provinz Aceh etwa, fürchten viele Menschen neue Beben und versuchen aus der Stadt zu fliehen.

"Hier gibt es überhaupt nichts zu essen mehr. Wir brauchen Reis, wir brauchen Benzin, wir brauchen Medikamente. Ich habe seit zwei Tagen nicht mehr gegessen", klagte eine 30-jährige Frau. Einem UN-Sprecher zufolge könnte die endgültige Totenzahl in Aceh bis zu 80.000 betragen. Allein in der Küstenstadt Meulaboh sei mit 40.000 Todesopfern zu rechnen. Bislang sind in Aceh rund 36.000 Tote bestätigt.

Im thailändischen Ferienort Khao Lak arbeiteten Hilfsmannschaften aus Deutschland und Taiwan Seite an Seite mit einheimischen Freiwilligen. Von dem einstigen Ferienparadies auch für deutsche Touristen ist nur noch ein Trümmer- und Leichenfeld geblieben. Verwesungsgeruch lag über der Küste, es fehlte an Leichensäcken und schwerem Bergungsgerät. Wie viele deutsche Touristen unter den Opfern sind, blieb zunächst weiter unklar. Bislang wurden in Khao Lak 1200 Leichen geborgen.

Rettungsteams erreichten am Mittwoch auch die letzten der seit Sonntag von der Außenwelt abgeschnittenen zu Indien gehörenden Inseln der Andamanen und Nikobaren. Allein dort sollen mindestens 7000 Menschen getötet worden sein. Im Bundesstaat Tamil Nadu sagten Helfer, sie zählten nur noch die Überlebenden. Die Toten müssten so schnell wie möglich in Massengräbern beigesetzt werden.

In Sri Lanka wurde die Zahl der Toten bis Mittwoch mit mehr als 22.000, in Indien mit mehr als 12.000 angegeben. Unter den vermissten ausländischen Touristen waren mindestens 1500 Schweden, 440 Norweger und 220 Finnen. Dort klagen die Helfer zudem über Plünderungen.

"Uns ist gesagt worden, dass Transporte ohne Begleitschutz nicht mehr möglich sind", sagte Benjamin Klaus von der Organisation Help in Colombo. Er habe einige tausend Schlafmatten organisiert, die er in den besonders betroffenen Süden des Landes schaffen wolle. "Die Bahn-Verbindungen sind alle unterbrochen." Der Transport sei zwar mit Lieferwagen eingeschränkt möglich. Erste Plünderungen erschwerten dies aber.

Der Osten des Landes sei auch per Flugzeug derzeit nicht erreichbar, da zwei Flughäfen offenbar durch die Flut beschädigt worden seien. "Der Einsatz von Helfern ist im Osten besonders schwierig, da das Küstengebiet häufig vermint war." Die Minen seien jetzt losgerissen und an Land gespült. "Niemand weiß, wo sie jetzt liegen." In Sri Lanka gilt nach jahrelangem Bürgerkrieg formell eine Waffenruhe zwischen tamilischen Rebellen und der Regierungsarmee. Im Norden und im Osten hat die tamilische Rebellengruppe Tamil Tigers ihre Hochburg.

DPA/AP/Reuters AP DPA Reuters

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