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DIE FLUT: Macht Platz für die Flüsse

Kanalisiert, zementiert, ihrer Auen beraubt - Deutschlands Ströme sind durch Bauwut und Begradigung so gefährlich geworden. Mit diesen sieben Maßnahmen kann Hochwassergefahren wirksam vorgebeugt werden

Kanalisiert, zementiert, ihrer Auen beraubt - Deutschlands Ströme sind durch Bauwut und Begradigung so gefährlich geworden. Mit diesen sieben Maßnahmen kann Hochwassergefahren wirksam vorgebeugt werden

Drei Ursachen gibt es für die Hochwasserkatastrophe an Elbe und Donau: das Wetter, die Klimaveränderung und den Baufleiß der Menschen. Am Wetter lässt sich nichts ändern, am Klima höchstens langfristig etwas. Durch anderes Bauen aber könnten die höchsten Pegelstände nach Expertenmeinungen schon in wenigen Jahren um mehrere Dezimeter niedriger ausfallen, also in Größenordnungen, die über das Wohl und Wehe ganzer Stadtteile entscheiden. Die wichtigsten Forderungen:

1. Mehr Platz für Flüsse

Kaum ein Fluss in Deutschland sieht noch annähernd so aus wie vor hundert Jahren. Hemmungslos wurden Läufe begradigt und kanalisiert, Deiche näher ans Ufer verlegt. So wurde Bau- und Ackerland erschlossen und die Schifffahrt beschleunigt. Von den natürlichen Überschwemmungsgebieten, in die sich früher die Fluten verlaufen konnten, sind am Rhein nur noch 40 Prozent übrig, so Emil Dister, Leiter des WWF-Aueninstituts in Rastatt, an der Elbe in Sachsen sogar nur noch weniger als 20 Prozent.

2. Die Ströme bremsen

Verschärfend wirkt, dass die Fluten heute viel schneller flussabwärts rauschen. Im Jahre 1955 hat beispielsweise das Wasser des Rheins 65 Stunden gebraucht, um von Basel nach Karlsruhe zu fließen, heute schafft es die kanalisierte Strecke in 28 Stunden. Die Folge: »Jetzt kommen die Fluten aller Flüsse fast gleichzeitig zusammen«, sagt Dister, »und die Welle wird höher.« Für die Anwohner verkürzt sich dadurch auch die Vorwarnzeit, in der sie ihren Besitz in Sicherheit bringen könnten.

Um 14 Prozent könne man die Höchstwassermenge des Rheins bei Worms verringern, wenn alle Rückhalteräume wieder genutzt würden, sagt Heinz Engel von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz. In Köln wäre der Pegelstand im Idealfall dann um bis zu einen Meter niedriger. Getan wird dafür bisher wenig. Aus dem Jahr 1982 gibt es einen deutschfranzösischen Vertrag, die Überschwemmungsflächen bis 1990 wieder drastisch zu vergrößern. Während Frankreich sich an die Abmachung hielt, hat Deutschland sein Soll bis heute nicht annähernd erfüllt.

3. Kirchturmpolitik überwinden

Hochwasserschutz ist Ländersache. Eine Überflutungsfläche in Hessen nützt vor allem Flussanliegern in Nordrhein-Westfalen. Hessische Bürgermeister aber werden von jenen wiedergewählt, die das Auenland nutzen, nicht von Kölnern oder Düsseldorfern, die deshalb schlammige Wohnzimmer bekommen. Laut Flussforscher Dister könnten die Hessen dem Rhein eine Überflutungsfläche zurückgeben, mit der der Hochwasser-Pegelstand in Köln um 40 Zentimeter niedriger bliebe. Doch vorerst gibt es keine Chance, dass das Land sie für solche Fälle räumt. Verdrängt werde das Problem in West wie Ost: An der Oder sei seit dem Hochwasser 1997 kein einziger Quadratmeter Überschwemmungsfläche frei gemacht worden.

4. Gefahrengebiete benennen

Juristische Bedenken verhindern häufig, dass mögliche Überschwemmungsgebiete behördlich ausgewiesen werden. Überregionale Gefährdungskarten, in denen die besonders bedrohten Uferregionen sichtbar sind, gibt es nur für Deutschlands in Sachen Hochwasser besterforschten Fluss: den Rhein. Dietrich Kampe vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung in Bonn fordert angesichts der Verwüstungen an Donau und Elbe ein Sofortprogramm, das die lebensgefährlichen Wissenslücken für alle Flüsse schließen soll.

5. Regen in den Boden lassen

Jährlich werden hierzulande 470 Quadratkilometer Boden neu zugebaut, eine Fläche, die größer ist als das Bundesland Bremen. Weil Deutschland zudem noch Weltmeister im Kanalbauen ist, versickert das Wasser dort nicht mehr im Erdreich, sondern schießt durch die Abwasserrohre viel schneller in die Flüsse als vorher. Dagegen gibt es wirksame Methoden, die aber erst von wenigen Gemeinden angewandt werden. Bis zu 100 Liter Regen in drei Tagen werde ein entsprechend vorbereiteter Boden aufnehmen, sagt der Hydrologe Professor Friedhelm Sieker von der Universität Hannover. Bei Neubaugebieten sei solch eine Erschließung sogar billiger als das klassische Verfahren, selbst Wohnstraßen können baulich so gestaltet werden, dass Regenwasser weitgehend versickert.

Ein kleiner Anreiz kann viel bewirken - immer mehr Gemeinden erheben eine Extra-Gebühr für in die Kanalisation eingeleitetes Regenwasser. In der bayerischen Stadt Sonthofen sank die Menge seit Einführung der Abgabe um 13 Prozent.

6. Äcker zu Wasserspeichern

Nicht nur in Wohngebieten sollte mehr Wasser gespeichert werden. In der vergangenen Woche stellte Hydrologe Sieker ein Verfahren vor, mit dem in Ackerböden doppelt so viel Wasser versickern kann wie bisher - indem nicht mehr gepflügt wird. Denn durch moderne Tiefpflüge kann ein Acker bei Regen so verschlemmen, dass der Boden wie versiegelt ist. Die von Sieker favorisierte Methode ist praxiserprobt. In Sachsen wird sie auf inzwischen einem Fünftel der Ackerfläche angewandt.

7. Nicht mehr nah am Ufer bauen

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Überflutungsauen und -täler der Kommunen fast nicht bebaut, inzwischen stehen nach Angaben des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft sechs Prozent aller Gebäude in Gebieten, die in die höchste Risikogruppe für Hochwasser eingestuft wurden. Die Macht des Wassers wurde vielfach unterschätzt. »Hinter den Deichen wiegen sich die Menschen in Sicherheit«, sagt Dietrich Kampe vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. »Aber Deiche können brechen, und dort sind die Schäden dann meist besonders groß.« Als beim Rheinhochwasser 1993 das geplante Abgeordnetenhochhaus »Schürmann-Bau« geflutet wurde, kostete das die Steuerzahler mehr als 100 Millionen Mark. Kampe fordert bessere Aufklärung von Grundstückskäufern und Bauherren sowie einen Rückzug aus der Gefahrenzone: »Einmal überflutete Gebiete müssen mit einem Baustopp belegt werden. Wo doch gebaut wird, muss es Auflagen geben wie etwa Wohnräume höher legen, Öltanks und Stromkästen unters Dach verlagern. Und Kommunen, die gefährdete Gebiete zur Bebauung freigeben, müssen später für Schäden haften.« Experten raten seit langem, gefährliche Anlagen vorsorglich aus gefährdeten Gebieten zu verlagern, etwa den Chemiepark bei Bitterfeld und BASF in Ludwigshafen.

Nach der Oderflut 1997 war klar, dass die überflutete Ziltendorfer Niederung auch in Zukunft mit der nassen Gefahr rechnen muss. Doch der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe entschied, dass nicht umgesiedelt, sondern wieder aufgebaut wird. Ein leichtfertiger Umgang mit Hilfsgeldern, denn die Lösung hält nur bis zur nächsten Flut. Und die kommt bestimmt.

Werner Hinzpeter