VG-Wort Pixel

"Anne Will" zur US-Wahl Die US-Politik nach Trump? Eine Zeit des Übergangs, bestenfalls!

Sehen Sie im Video: Das müssen Sie über die Talksendung "Anne Will" wissen.




„Politisch denken – persönlich fragen“: das ist das Motto
Der Polit-Talk läuft seit 2007 und ist seit 2016 die meistgesehene Sendung im deutschen Fernsehen. 
Jede Woche wird in der Sendung ein aktuelles Thema beleuchtet, sowie über politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge diskutiert.  
Gäste der Sendung sind Politiker, Experten und von den jeweiligen Themen direkt betroffene Menschen. 
Moderatorin Anne Will hat bereits vor Beginn ihrer eigenen Sendung eine spannende Karriere hinter sich:  
So moderierte sie 1999 als erste Frau die ARD-Sportschau, berichtete im Jahr 2000 aus Sydney über die Olympischen Spiele und ist bis 2007 Sprecherin der Tagesthemen. 
Neben ihrer Arbeit engagiert sich Will als Botschafterin für den Raum der Namen im Holocaust-Mahnmal in Berlin. 
Zudem setzt sie sich für einen höheren Frauenanteil in der Führungshierarchie der deutschen Medienbranche ein.  
„Ich habe mir schon vor einer Weile vorgenommen, selbstbewusst über meinen Weg zu reden, weil ich allzu oft gelesen habe, dass erfolgreiche Frauen ihre Karriere als Abfolge von Zufällen und Glück darstellen. Damit macht man sich unnötig klein.“ (Will ggü. Süddeutsche Zeitung Magazin) 
Für ihre Arbeit wurde Anne Will mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis als die beste Moderatorin in 2006.  
Mehr
"Stoppt den Diebstahl", skandieren die republikanischen Wähler in Georgia immer noch. Anne Will und ihre Gäste sind da schon weiter und versuchen sich an einem Blick in die Post-Trump-Ära. Der Tenor: Allzu viel sollte man erst einmal nicht erwarten.
Von Ingo Scheel

Genaugenommen ist die Fragestellung ja schon nicht so ganz richtig. "Trump geht – was wird?", wollte Anne Will von ihren Gästen wissen. Wer den Noch-Präsidenten im Einspieler sieht, wie er da am Vortag in Georgia auflief, um Wahlkampf für die Stichwahlen um zwei Senatssitze zu machen, der musste wohl oder übel eingestehen: Nach Gehen sieht das eher nicht aus. Der erweiterte Fragenkatalog ging da schon mehr in die Tiefe: Was kann Trump noch bis Januar bewirken? Was bleibt von seiner Politik? Wie groß ist sein Einfluss auch weiterhin? Kann der designierte US-Präsident Joe Biden das Land wieder einen? Und wie steht es in Zukunft um die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA?

Gäste im Studio:

  • Sigmar Gabriel (SPD, ehemaliger Vizekanzler, Außen- und Wirtschaftsminister a.D.)
  • Norbert Röttgen (CDU, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages)
  • Samira El Ouassil (Kolumnistin und Autorin) 

Zugeschaltet aus Atlanta:

  • Angelika Kausche (Abgeordnete der demokratischen Partei im Repräsentantenhaus in Georgia)

Zugeschaltet aus Washington:

  • Peter Rough (US-Politikberater am Hudson Institute, Washington D.C. und Mitglied der republikanischen Partei)

Es mutet ein wenig wie der Switch zwischen Paralleluniversen an. Hier Donald Trump, der noch etwas mehr als 40 Tage im Amt ist, sich in Georgia wieder einmal von seiner störrischsten Seite präsentierte, Wahlkampf für den Senat betrieb und ungebrochen von Wahlbetrug fabulierte, dort Anne Wills Studiogäste, die den Blick auf die Zeit nach dem 20. Januar 2021 richteten, dem Datum von Joe Bidens Amtseinführung als US-Präsident.

Allzu viel Neues gibt es dort erst einmal nicht zu entdecken, interessant dabei, wie unterschiedlich etwa Norbert Röttgen und Peter Rough den Habit Trumps in diesen Tagen auf den Punkt brachten: Von der Legendenbildung eines Narzissten sprach Röttgen, Peter Rough, republikanischer Berater mit österreichischen Wurzeln, kam dagegen unfreiwillig – und sicher unbeabsichtigt – ironisch rüber, als er von Trumps Geltungsbedürfnis sprach, dass halt "etwas mehr ausgeprägt sei".

Trumps Republikaner "eigentlich unamerikanisch"

Was Rough an silbenstarker Politrhetorik aus dem inneren Zirkel bot, dabei auf vermeintlich selige Zeiten unter Reagan und Bush verwies, das konterte die aus Atlanta zugeschaltete Angelika Kausche, 2018 als erste gebürtige Deutsche ins Repräsentantenhaus gewählt. US-Politik passiert für die Demokratin auf zwei Ebenen, im von der Basis mittlerweile völlig entkoppelten Machtkampf, oder besser "Machtgerangel", in den obersten Zirkeln, realpolitisch dagegen auf Lokalebene. Hier gälte es den Blick hinzuwenden, um festzustellen: Die Lage ist überaus brenzlig. Kausche erzählte von Morddrohungen und Polizeischutz zahlreicher Lokalpolitiker. Der Grund: Eben jener Brandherd, den Trump mit seinem konsistenten Verweigern der Wahlanerkennung befeuert.

An Detailfragen, etwa von Trumps zu erwartender Abwesenheit bei Bidens Inauguration, erschloss sich schließlich das in vier Jahren gelernte Bild, ohne viel Neues hervorzubringen. Als letztlich "konsequent in seinem Anti-Instutionalismus" bezeichnete Samira El Ouassil diesen Schritt, die "Cherry on the Cake" von Trumps Performanz, ein "Signal an die Massen", die "fast kultischen Anhänger" einer "selfulfilling Presidency". Klang ein wenig nach Verschlagwortung, traf jedoch den Kern. Weniger konkret – oder sollte man sagen mutmachend? – der Blick in die Zukunft. Ein eklatanter Aspekt für Sigmar Gabriel dabei: Dass es die republikanische Partei eines Reagans oder Bushs per se gar nicht mehr gibt, es sich vielmehr um eine radikalisierte Gruppe handelt, die genaugenommen das Gegenteil dessen ist, wofür sie einmal angetreten ist, nämlich, so Gabriel, "eigentlich unamerikanisch".

Biden muss "reißende Ströme" überqueren

Mit Blick auf Bidens Präsidentschaft sah Norbert Röttgen ein Anliegen mit oberster Prio: Das Land zu versöhnen. Ein Auftrag, den Angelika Kausche nicht so optimistisch einschätzt, für sie ginge es erst einmal darum, dass das gegnerische Lager überhaupt mal Farbe bekennen müsse, ob man überhaupt noch zur Demokratie stehe. Wenn Republikaner davon sprächen, "man müsse die Wahl kippen", dann sei das eine absolut gefährliche Entwicklung. Sigmar Gabriel griff in die Kiste mit den mächtigen Metaphern: Biden sei ein "Präsident des Übergangs", der Wege finden müsse, um "die reißenden Ströme" zu überqueren.

Schließlich wurde noch die Frage von Bidens Team-Zusammensetzung angerissen, von zu wenig divers, schwarz, links ist da bereits die Rede. Die Problematik des "hermetischen Establishments" mit seinen elitaristischen Seilschaften, so El Ouassil. Ganz so provokant wollte Sigmar Gabriel das nicht stehenlassen, schließlich seien wir alle, Politiker und Journalisten, ebenso Teil des Establishments, und überhaupt: "Seit wann ist Professionalität ein Nachteil?"

In einem kurzen Akt der Selbstvergewisserung pochte Norbert Röttgen dann noch einmal auf die Eigenständigkeit der deutschen Politik, der es nun umso mehr darum gehen müsse, eigene Perspektiven und Motivationen zu formulieren, wie man sich weltpolitisch fortan, da die Machtverhältnisse sich dauerhaft verschieben könnten, aufstellen wolle. Die zugeschalteten Kausche und Rough sind schon ungegrüßt abgeschaltet, da versucht Anne Will noch einen in diesem Themenkreis latent deplatzierten Stich in den sachsen-anhaltinischen Bienenkorb mit den Rundfunk-Gebühren und der AfD. Das jedoch ist dann vielleicht schon wieder ein Thema für ein eigenes Stündchen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker