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10 Jahre Revolution am Kap: Afrikas Hoffnung

Demokratie, Freiheit, Menschenrechte - Südafrika könnte zum Modell für den Kontinent werden. Doch statt der alten Rassentrennung herrscht neue Klassentrennung. Die Armut ist längst nicht überwunden.

Als Dan Ndzabela seine Würde zurückbekommen sollte, war er schon 81. Ein schwarzer Mercedes stoppte vor seinem rosafarbenen Häuschen im Township Guguletu Nummer 114 und chauffierte ihn hinaus aus der Welt der Schwarzen, 20 Kilometer weit, bis ins Zentrum von Kapstadt. Der Fahrer eskortierte ihn zu einem mit Leder bezogenen Lehnstuhl, der vor einem zweistöckigen, blütenweißen Haus stand. Der Alte hatte kaum Platz genommen, als Nelson Mandela im platinfarbenen Mercedes 500 vorfuhr. Der Held des südafrikanischen Befreiungskampfes umarmte ihn, überreichte ihm einen übergroßen Schlüssel für sein neues Heim und sagte: "Von hier sollen Sie niemals wieder vertrieben werden."

Das Datum für den feierlichen Akt war mit Bedacht gewählt. Der 11. Februar war der Jahrestag eines Fanals, jenes Morgens 1966, an dem die weißen Herren Südafrikas am District 6 Schilder aufstellen ließen, "Zur ausschließlichen Nutzung von weißen Menschen", sie besiegelten die Vertreibung der Bewohner aus dem Multikulti-Viertel in bester Citylage und beendeten gewaltsam das friedliche Zusammenleben von Juden, Muslimen und Schwarzen.

Am 11. Februar jährte sich aber auch die Freilassung Mandelas zum 14. Mal. Und rechtzeitig vor den dritten demokratischen Wahlen in Südafrika Mitte April sollte die Rückkehr der ersten ehemaligen Bewohner des District 6 als der endgültige Durchbruch zum neuen Zeitalter gefeiert werden.

"Ich habe nie gedacht, dass wir zurückkommen würden"

Dan Nzdabela, so stand es auf Plakaten, war einer der "Pioniere zur Entpolarisierung Kapstadts". Die Tür zu seinem neuen Haus war mit einer roten Schleife geschmückt. Dahinter hing ein großes Porträt des künftigen Bewohners mit einem Zitat von ihm: Aber erst wenn ich den Schlüssel in Händen halte, glaube ich, dass es wahr ist, dass wir die Schlacht gewonnen haben."

Zehn Jahre nach Ende der Apartheid trauen viele Südafrikaner dem Frieden noch nicht. Statt Bürgerkrieg herrscht politische Stabilität, statt Wirtschaftskrise gibt's Wachstum, statt Chaos kehrte der Tourismus ein, statt Unterdrückung Rechtsstaatlichkeit. Nach 300 Jahren Kolonialherrschaft und fast einem halben Jahrhundert Rassenunterdrückung eine zehnjährige Erfolgsstory - getrübt allerdings von dem Umstand, dass die 22 Millionen Armen im Land heute ärmer sind als unter der weißen Herrschaft und die Arbeitslosigkeit auf 42 Prozent anstieg. Auf Dauer könnte das die junge Demokratie gefährden. "Wenn nicht mehr für diese Menschen getan wird", sagt selbst Moeletsi Mbeki, der 58-jährige Bruder des Präsidenten, "führt der Weg in die Katastrophe. Die Armen haben bis heute am meisten am Vermächtnis der Apartheid zu leiden."

Am Tag der "Rückkehr der Älteren" sollte diese Erblast endgültig von Dan Ndzabela genommen werden. Er war 37 und arbeitete als Reifenflicker in einer Autowerkstatt, als er aus Kapstadt vertrieben wurde, einer von insgesamt 60 000. "Als ich eines Tages heimkam, lag der Räumungsbefehl da", sagt der Alte. Von da an war er nur noch zum Arbeiten im Stadtgebiet geduldet, bis zum Einbruch der Dunkelheit. Mit seiner Frau Maria und seinen drei Töchtern zog er von seinem Ziegelhaus in die ihm zugewiesene Wellblechhütte des Townships. Im Sommer verwandelte die Sonne die Hütte in einen Glutofen, im Winter wars erbärmlich kalt. Es gab keinen Strom, kein fließendes Wasser. "Aber am schlimmsten war, dass ich nicht mehr zur Kirche gehen konnte."

Man wollte jede Erinnerung tilgen

Im District 6 rückten die Bulldozer an. Die Straßenschilder landeten zum Großteil mit dem Bauschutt im Meer. Man wollte jede Erinnerung tilgen, sogar den Namen des Viertels, das nun "Sonnenblume" hieß. Es blieb Brachland. Das neue Heim von Dan Ndzabela wirkte am Tag seiner symbolischen Rückkehr genauso verloren wie sein künftiger Bewohner. Der Putz an der Hofseite fehlte, der Balkon an der Front ebenso. Ein Vorhang versperrte den Blick ins Innere des Gebäudes. Erst tags zuvor hatten Handwerker das Dach gedeckt, das Treppengeländer geschweißt, Kabel verlegt. Politiker hielten Sonntagsreden. Ndzabela lächelte. Dann wurde er in dem schwarzen Mercedes ins Township zurückexpediert. Guguletu heißt Hoffnung. Die braucht der alte Mann.

Seine alte und künftige Heimat liegt inmitten der am zweitschnellsten wachsenden Stadt Südafrikas. Die Grundstückspreise in Kapstadt haben sich seit der Wende mitunter vervierfacht. Das größte Immobilienbüro hat in den vergangenen sechs Jahren von sieben auf 70 Makler aufgestockt. Längst gibt es Agenten, die ihren Kunden in deutscher, italienischer und französischer Sprache dabei helfen, sich am Kap der Guten Hoffnung den Traum vom schönen Leben zu erfüllen. Sonne, Golf und guter Wein machen den Lifestyle aus. Dazu kommt, dass ein Dienstmädchen für einen Tag Arbeit gerade mal so viel bekommt wie in Deutschland die kroatische Putzfrau pro Stunde. Seit den Anschlägen aufs World Trade Center kommen Neusiedler sogar aus Amerika. Sie halten die Kap-Provinz für das neue Kalifornien. Und wähnen sich sicherer als in der Heimat, auch wenn ihr Weg vom Flughafen von Tausenden von Bretterbuden gesäumt ist, in denen Aids und Tuberkulose zu Hause sind und Banden, die die City mit Drogen und Kriminalität jeglicher Art versorgen.

Luxuriöse Apartmenthäuser säumen die Uferstraßen in Sea Point, Bantry Bay oder Clifton, auch das Monaco Afrikas genannt. Kräftige schwarze Hände tragen monströse Felswände an der Steilküste ab, um immer weitere Prunkbauten hochzuziehen.

Die Dichte von Mercedes-, BMW- und Porsche-Cabrios erreicht den Standard von München-Grünwald, und die Körper der Mädchen an den Stränden von Camps Bay ließen manches Girl von Ipanema erblassen. Abends stürzen sie sich ins Nachtleben, das langsam Takt aufnimmt, tanzen im "Buena Vista Social Club", im "Jo'burg" oder im "Rhodes House", vom britischen Trendmagazin "Wallpaper" als einer der zehn besten Clubs der Welt geadelt. Viele Models sind unter den Gästen, seit die Filmbranche Kapstadt als Kulisse und die niedrigen Produktionskosten als Anreiz entdeckt hat. Veronica Ferres drehte hier "Für immer verloren", ließ sich im Hubschrauber auf die zehn Kilometer vorgelagerte ehemalige Gefangeneninsel Robben Island bringen, auf der Nelson Mandela 18 Jahre lang inhaftiert war. Ehemalige Häftlinge führen die Besucher, erzählen vom Grauen der Vergangenheit, von der viele nichts mehr wissen wollen.

Die Preise der Immobilien steigen jährlich um 25 Prozent

Lieber ein Kurztrip nach Franschhoek, dem lieblichen Hugenottendörfchen im Weinland, wo es die besten Restaurants des Landes gibt. Das Schwulenpärchen Gary und Monte hat für reiche Investoren auch noch ein paar der Weingüter im Angebot. Vor sechs Jahren hatten die beiden ihrer 5th-Avenue-Bleibe in Manhattan Lebewohl gesagt, nun kokettieren sie damit, dass die Preise der Immobilien ihrer neuen Heimat jährlich um 25 Prozent steigen.

Die Bacardi-Familie zählt zu ihren Kunden, Ex-Präsident Frederik Willem de Klerk, der Golfer Gerry Player. Und immer mehr von den neureichen Schwarzen im Land. Einer brauste im blauen Maserati an, um ein Vier-Millionen-Euro-Anwesen in Augenschein zu nehmen: Tokyo Sexwale, einst einer der wichtigen Wegbereiter des erfolgreichen Befreiungskampfes. Dreizehn Jahre lang hatte auch er auf Robben Island in Haft gesessen und lange als Mandelas Kronprinz gegolten. Er heiratete eine Weiße, wurde Premier von Gauteng, Südafrikas reichster Provinz, und wechselte dann wie viele seiner früheren Kampfgenossen ins Big Business, das ihnen den Start mit günstigen Aktienpaketen und Aufsichtsratsposten in großen Konsortien versüßte, weil ohne schwarze Teilhaber im neuen Südafrika kein Geschäft mehr zu machen ist.

"Die wurden gekauft", sagt der Literaturwissenschaftler Neville Alexander, 68, der ebenfalls mit Mandela auf Robben Island saß. Ex-Kämpfer wie der ehemalige Gewerkschaftsführer Cyril Ramaphosa zum Beispiel. Ihm war es gelungen, die Massen gegen das Apartheidregime zu mobilisieren. Heute bewegt er Millionen, vor allem im Kohlebergbau und Versicherungsgewerbe. Oder Saki Macozoma. Einst fünf Jahre auf Robben Island wegen Anzettelns von Studentenprotesten, heute Vorstandsvorsitzender der New Africa Investments Ltd. Oder eben Tokyo Sexwale, dessen Konzern gerade mit 450 Millionen Euro bei Gold Fields einstieg, dem viertgrößten Goldförderer der Welt, und mit 300 Millionen bei der Absa-Bank.

Er will der reichste Schwarze Südafrikas zu werden

Seinem Ziel, der reichste Schwarze Südafrikas zu werden, ist er schon recht nahe. Trotzdem spricht er im Afrikanischen Nationalkongress (ANC), der Partei, die einst das Apartheidregime in die Knie zwang, ein gewichtiges Wort mit. Viele aus der neuen schwarzen Geldelite sind überzeugt, dass sie dem Land den richtigen Weg weisen. "In gewisser Weise ist das, was ich jetzt mache, die Fortführung des politischen Kampfes", sagt Sexwale. "Nur, dass er nun auf wirtschaftlichem Terrain stattfindet." Stolz verweist er darauf, vergangenes Jahr rund eine Million Euro an schwarze Aktionäre ausgeschüttet zu haben.

"Unternehmer und Regierung haben einen neuen Pakt geschmiedet", sagt Professor Sampie Terreblanche, 70. "Aus der Zwei-Rassen-Gesellschaft ist eine Zwei-Klassen-Gesellschaft geworden." Auf der einen Seite die weiße Oberschicht, die nach wie vor 98 Prozent des Besitzes im Land unter sich aufteilt, und die neuen reichen Schwarzen. Auf der anderen Seite die Armen, die seit jeher von Bildung und den natürlichen Ressourcen des Landes ausgeschlossen sind. "Die Altlast der Apartheid hat eine Eigendynamik entwickelt, die nicht gestoppt wird", sagt der Soziologe Terreblanche.

Selbst Präsident Mbeki vergleicht sein Land mit einem zweistöckigen Haus. Ein Haus, in dem es keine Treppen für die Armen von unten nach oben gibt. Es steht zu befürchten, dass sich daran zumindest für diese Generation nichts bessert. "Auf Kritik aber reagiert die Regierung äußerst dünnhäutig", sagt Terreblanche. Erst in der letzten Rede zur Lage der Nation hat der Präsident erklärt, dass er keinen Bedarf sehe, an seiner neoliberalen Politik etwas zu ändern. Kritiker wie Terreblanche fürchten, dass es mit der Geduld der schwarzen Mehrheit bald zu Ende sein könnte. "Sie haben die Apartheid besiegt und wissen, wozu sie fähig sind. Aber was die Regierung bisher für die Armen unternimmt, ist lächerlich wenig."

Vor allem die Arbeiter auf dem Land sind auf Almosen angewiesen

Vor allem die Arbeiter auf dem Land, wo 80 Prozent des Bodens nach wie vor weißen Großgrundbesitzern gehören, sind auf Almosen angewiesen. Die fließen nicht unbedingt aus purem Mitgefühl. In Franschhoek beispielsweise haben Tokyo Sexwale und andere Investoren zusammengelegt. Den Arbeitern, die an der Hauptstraße in Bretterbuden hausten, hat man neue Häuser gebaut. Man wollte den Touristen den Anblick der Armutssiedlungen ersparen. "Ist ja nicht schön, wenn die Gäste sehen, aus welchen Löchern die morgens kriechen, wenn sie zur Arbeit kommen", sagt der deutsche Weinfarmer Erwin Schnitzler, der auf seinem Gut nebenbei 280-Quadratmeter-Suiten vermietet, jede mit Swimmingpool.

Im Nachbartal hat der Kapstadter Rechtsanwalt Alan Nelson seinen Arbeitern bereits vor Jahren zwölf Hektar Rebland überschrieben. Sie hatten ihm durch jahrelange Mehrarbeit bei seinem Start geholfen. "New Beginnings" nannten die ersten schwarzen Winzer im Land ihr Gut und ihren Wein, gekeltert mit den Anlagen des weißen Chefs. Inzwischen ist ihr Projekt gescheitert. "Wir hatten nicht mal einen Computer und keine Ahnung von Marketing und Vertrieb", sagt Dankjie Jagmann, der 35-jährige Generalmanager von New Beginnings. Die Trauben liefern sie wieder an den alten Herrn, dessen Geschäfte die werbewirksame Schenkung belebt hat.

Dankjie Jagmann schuftet von früh um vier bis abends um acht, um den Kredit abzustottern, mit dem er seinem Sohn Davon den Besuch der Landwirtschaftsschule finanziert. Der 13-Jährige ist dort der einzige Schwarze, stolz zeigt der Vater Klassenfoto und Schuluniform. "Davon erklärt mir alles, was er gelernt hat", sagt er. "Wenn er fertig ist, möchte er Weinbauer werden." Vielleicht gehört ihm die Zukunft von New Beginnings. Vielleicht wird er zum Pionier einer neuen Generation, die den Durchbruch schafft. Land wäre da. Rund 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche, die an Schwarze seit 1994 zurückerstattet wurde, liegt inzwischen wieder brach - es fehlt der Masse schlicht an Ausbildung.

Tausende fliehen täglich vom Land und erhoffen sich Arbeit und Reichtum. Der Traum endet meist in einem der vielen Squatter-Camps, illegalen Siedlungen aus Bretterbuden in den Vororten von Kapstadt und Johannesburg. Das am schnellsten wachsende Camp, Diep Slot, liegt vor den Toren Johannesburgs. Auch hier baut die Regierung 50 Quadratmeter große Behausungen für arme Familien. Landesweit sind bislang 1,6 Millionen der so genannten Mandela-Häuschen entstanden. Aber vielen Bewohnern wurde Strom und Wasser abgeklemmt, weil sie ihre Rechnungen nicht bezahlten. Andere verkauften das Haus unter der Hand weiter. Rohbauten werden oft von Squatters besetzt, noch bevor Fenster oder ein Dach installiert sind. "Schluss mit der Korruption", fordern die Besetzer, die sich bei der Vergabe der Häuser benachteiligt fühlen. "Schluss mit den leeren Versprechungen."

Mandelas Magie ist Mbekis Logik gewichen

Mandelas Magie, heißt es, ist Mbekis Logik gewichen. Das Porträt des Volkshelden, das einst in jeder Hütte hing, haben viele zum Flohmarkt getragen. Selbst das Chancellor-House in Johannesburg, von wo aus der Befreier in den 50er Jahren als Anwalt für die Rechte der Schwarzen kämpfte, haben Besetzer in Beschlag genommen. Regenwasser rinnt über die Wände, Treppen sind in sich zusammengestürzt, es stinkt nach Kot und Urin. In Mandelas ehemaligem Büro im ersten Stock haust Dick Mocomary, 32, mit Frau, drei Kindern und zwei Brüdern. "Kein Wasser, kein Strom, und um meine Kinder zu ernähren, muss ich Drogen verkaufen", sagt Dick Mocomary. "Mandela soll kommen und sich das anschauen."

Profiteure der Wende sind die Schwarzen, die zu Zeiten des Umbruchs bereits Bildung und gute Beziehungen hatten. Leute wie Börsenmakler Andile Mazwai, 32, Vorstandsvorsitzender der fünftgrößten Brokerfirma im Land. Seine Eltern, beide Ärzte, waren während des Apartheidregimes dreimal umgezogen, bis er als Schwarzer an einer Privatschule geduldet wurde. Mit seinem Wirtschaftsstudium war Mazwai gerade rechtzeitig fertig, als seine Hautfarbe plötzlich Trumpf auf dem Arbeitsmarkt war. An seinem Handgelenk prangt eine Tag-Heuer-Uhr, Modell Monaco. Seine Brille ist von Chanel, der Anzug von Boss, die Krawatte von Thomas Pink, und irgendwie sieht er aus, als sei er direkt dem Männermagazin "GQ" entsprungen, das er regelmäßig kauft. "Woher soll ich denn sonst wissen, was man trägt?", sagt Mazwai, der für seine Firma täglich mit Milliarden jongliert. Er arbeitet von morgens früh um sechs bis spät nachts, nimmt sich nur selten die Zeit, mit Kollegen ins "Katzy's" zu gehen oder ins "Kilimanjaro", die In-Treffs, wo die schwarze Elite gern mal einen Whiskey nimmt und erlesene Zigarren pafft. "Es sind Goldgräberzeiten. Jetzt musst du ran", sagt Mazwai. "Kann sein, dass heute eine Bank verkauft wird, und schon morgen ist der Deal nicht mehr zu machen."

Die Regeln, wie groß der Anteil der Schwarzen im Finanzgewerbe sein soll, hat er mit erarbeitet. 45 Seiten umfasst das Dokument, in dem die Quote der "ehemals benachteiligten Bevölkerungsgruppe" für jede Sparte ganz genau festgelegt ist. Erst vor acht Wochen ist Mazwai in sein neues Haus im vornehmen Stadtteil Oakland eingezogen. 400 Quadratmeter, kühler japanischer Stil mit Afro-Elementen. Die Nachbarin verfolgt vom Balkon aus genau, was sich im Hause tut. Mazwai ist der einzige Schwarze in der sonst blütenweißen Nachbarschaft. "Sie ist von erlesener Höflichkeit. Aber sie denkt: Der ist auch nur durch Korruption zu Geld gekommen", sagt er. "Was hier läuft, ist denen suspekt. Die haben alle ihren Pass und Dollars in bar bereitliegen für den Fall der Fälle." Wie sieht es mit dem Visum für Australien aus? Hast du schon die Greencard für die USA? Diese Fragen sind Mazwai von Partys mit weißen Kollegen vertraut: "Bei den meisten ist die Frage nicht, ob sie gehen, sondern nur, wann."

"Wir erleben die umgekehrte Apartheid"

"Wir erleben die umgekehrte Apartheid", sagen viele der Weißen, die sich gedemütigt fühlen, weil sie ihren Job verlieren oder schwarze Vorgesetzte bekommen. Auf viele Jobs brauchen sie sich gar nicht zu bewerben, weil schon in der Anzeige nach der richtigen Hautfarbe gefragt wird. Je mehr Weiße an Straßenkreuzungen betteln, desto größer wird die Angst der anderen, es könnte ihnen eines Tages genauso gehen. Vor allem fürchten sie, die jetzige Regierung könne bei den anstehenden Wahlen die Zweidrittel-Mehrheit erreichen und dann die Verfassung ändern, um Mbeki auch noch eine dritte Amtszeit zu ermöglichen. Ein Präsident, der sich mit Diktator Mugabe aus dem Nachbarland Simbabwe solidarisch zeigt, wo Schwarze straffrei weiße Farmen besetzen und plündern können. Chef einer Gesundheitsministerin, die Knoblauch und Kartoffeln gegen Aids empfiehlt, obwohl im Land täglich bis zu 1000 Menschen an der Krankheit sterben. Voodoo und Betrug allerorten, glaubt man jenen, die die Schwarzen nach wie vor Kaffer nennen. Sogar im staatlichen Lotto, heißt es, würden fast nur noch Schwarze gewinnen. Was wird noch alles passieren, wenn erst einmal Mandela nicht mehr ist?

"Die kleinen rassistischen Übergriffe im Alltag mehren sich", sagt ein ranghoher europäischer Diplomat. Jahrzehntelang gepredigter Rassenhass verschwindet nicht einfach. Der muss aussterben. Weiße, die die Flughafentoilette trotz langer Schlange nicht benutzen, wenn ein Schwarzer herauskommt. Weiße Friseure, die sich weigern, Schwarzen die Haare zu schneiden. Kaum eine Woche ohne Berichte über Waffenlager oder Attentatspläne der Terrorgruppe "Burenmacht". Die träumt von der Endlösung, Schwarze mit Essen an Ausfallstraßen zu locken und dann ins Meer zu treiben. Der Farmarbeiter Nelson Shisane wurde Anfang Februar von seinem Chef erschlagen, seine Leiche den Löwen eines Reservats zum Fraß vorgeworfen. Solche Schicksale gibt es immer noch. Der Unterschied ist nur, dass sie heute publik werden. Und vielleicht den Safari-Tourismus stören.

Eine boomende Branche. Immer mehr Reservate werden erschlossen. Es gibt hoffnungsvolle Projekte wie Phinda, zu deutsch Rückkehr, in Kwazulu-Natal, einer der ärmsten Provinzen Südafrikas. Mit der landesweit ersten schwarzen Lodge-Managerin und der einzigen Schule für schwarze Ranger. Bislang hat aber erst ein Schwarzer aus der Gegend den Lehrgang absolviert. Von der Regierung kommt so wenig Hilfe wie eh und je. Die Menschen leben meist von den Renten der Alten. Fast täglich stirbt jemand an Aids. Doch die Familien wachsen stetig, weil die Regierung für jedes Kind bis zum siebten Lebensjahr 110 Rand im Monat zahlt. Die Lodge bietet Trips in die Gemeinde an, doch die Gäste gehen lieber Tiere gucken, zum Baden ans Meer und dann wieder zurück ins noble Kapstadt.

"Mandela hat mir gesagt: 'Gib niemals auf!'"

Dan Nzdabela wartet dort noch immer, dass sein Häuschen endlich fertig wird. "Mandela hat mir gesagt: 'Gib niemals auf!'", erzählt der Alte, der sich freut, irgendwann wieder neben den Freunden von einst zu wohnen. Viele werden es nicht mehr sein. Viele sind schon tot. Viele haben nie Ansprüche angemeldet. Das Vertrauen in das Rückkehrprojekt ist gering. "Die Apartheidregierung hatte Pläne, im District 6 Luxusbungalows in bester City-Lage zu bauen. Diese alten Pläne sind noch da", sagt Terence Fredericks, 66, Vorstandsmitglied der Treuhandgesellschaft, die vor Gericht ziehen musste, um nicht mit Grundstücken außerhalb der Stadt abgespeist zu werden.

Im Apartheidmuseum in Johannesburg hängt ein Artikel über die "Rückkehr der Älteren". Überschrift: "Weit entfernt vom Happy End".

Joachim Rienhardt / print