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Ägypten zieht Botschafter ab: Israels Angriff auf Hamas schürt Kriegsängste

Tagelang haben militante Palästinenser Israel mit Raketen beschossen. Nun hat Israel massiv zurückgeschlagen, der Militärchef der Hamas wurde getötet. Im Nahen Osten wächst die Furcht vor einem Krieg.

Israel hat die im Gazastreifen herrschende radikal-islamische Hamas frontal angegriffen. Die Luftwaffe tötete am Mittwoch zum Auftakt der Offensive "Säule der Verteidigung" gezielt den Chef des militärischen Arms der Hamas, Ahmed al-Dschabari. Der ranghohe Kommandeur und ein weiteres Hamas-Mitglied starben, als ihr Auto von einer Luft-Boden-Rakete getroffen wurde. Anschließend berichteten palästinensische Sicherheitskreise von mindestens 15 weiteren Luftangriffen. "Wir haben heute eine klare Botschaft an die Hamas und andere Terrororganisationen übermittelt und sind bereit, den Einsatz auszuweiten, sollte dies notwendig werden", sagte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Abend in einer Fernsehansprache.

Als Reaktion auf den israelischen Angriff zog Ägypten seinen Botschafter aus dem jüdischen Staat abgezogen. Ein Sprecher von Präsident Mohammed Mursi sprach am Mittwoch von einem brutalen Angriff, bei dem mehrere Märtyrer ums Leben gekommen seien. Mursi habe deshalb den ägyptischen Vertreter bei den Vereinten Nationen angewiesen, eine Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrates einzufordern. Zudem sei der israelische Botschafter in Kairo einbestellt worden. Mursi hat seine Wurzeln in der Muslimbruderschaft. Im Gaza-Streifen herrscht die islamische Hamas. Ein libanesischer Diplomat sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Arabische Liga werde sich am Donnerstag oder Samstag in einer Sondersitzung mit den israelischen Luftangriffen auf den Gaza-Streifen befassen.

Die Ereignisse haben in Nahost Ängste vor einem Krieg geschürt. Vor allem an der US-Börse drückte der Konflikt auf die Kurse. Dennoch stärkten die USA ihrem Verbündeten den Rücken. Das Außenministerium in Washington erklärte, Israel habe ein Recht auf Selbstverteidigung. Allerdings sei die israelische Regierung aufgerufen, zivile Opfer so weit wie möglich zu vermeiden. Zugleich verurteilte die US-Regierung die Raketenangriffe radikaler Palästinenser aus dem Gazastreifen auf den Süden Israels.

Luftalarm im Süden Israels

Dort gab es zugleich wegen neuer Raketenangriffe aus dem Gebiet am Mittelmeer wieder Luftalarm. Von weiteren Opfern wurde zunächst nichts bekannt. Die israelischen Streitkräfte teilten weiter mit, Bodentruppen stünden für einen Einmarsch bereit, sollte der Befehl gegeben werden. Die Sprecherin der Streitkräfte, Avital Leibovich, betonte, es handele sich um den Beginn eines längeren Einsatzes gegen terroristische Gruppen im Gazastreifen.

Nach Angaben der Armee bombardierte die Luftwaffe neben Waffendepots der Hamas und anderer militanter Gruppen im Gazastreifen auch gezielt vermutete Lagerstätten von weiterreichenden Raketen. Dabei soll es sich um aus dem Iran stammende Fajr-5-Raketen handeln. Sie können bis zu 75 Kilometer weit fliegen und damit auch den Großraum Tel Aviv erreichen. Bisher wurde Israel nur mit Raketen mit einer Reichweite von bis etwa 30 Kilometern angegriffen.

Auch Bodentruppen stehen bereit

Die neue Runde der Gewalt hatte am Samstag begonnen, als ein israelischer Jeep von einer Rakete aus dem Gazastreifen getroffen wurde. Dabei waren vier Soldaten zum Teil schwer verletzt worden. Bei israelischen Gegenschlägen starben sechs Palästinenser und mehr als 30 wurden verletzt. Zugleich wurden aus dem Gazastreifen mehr als 120 Raketen und Granaten Richtung Israel abgeschossen. Dabei gab es vier Verletzte.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu drohte angesichts der Gewalt schon am Wochenende mit einer härteren Gangart. "Die Welt muss verstehen, dass Israel nicht mit verschränkten Armen dasitzen wird, während man uns Schaden zufügt", sagte er. "Wir sind darauf vorbereitet, die Reaktion zu verstärken."

Vize-Ministerpräsident Silvan Schalom sagte nach Angaben des israelischen Rundfunks, notfalls müsse man die Armee zu einer neuen Bodenoffensive in den Gazastreifen schicken. Dies galt jedoch angesichts der bitteren Erfahrungen und hohen Verluste vor allem unter der palästinensischen Zivilbevölkerung bei der israelischen Offensive "Gegossenes Blei" zur Jahreswende 2008/2009 als unwahrscheinlich.

Nur scheinbare Beruhigung der Lage

Die Hamas war nach Einschätzung politischer Beobachter in Gaza-Stadt an einer Beruhigung der Lage interessiert. Noch am Montagabend hatte sie deshalb alle militanten Palästinensergruppen zu einer Dringlichkeitssitzung in Gaza-Stadt zusammengerufen. Dabei war beschlossen worden, die Raketenangriffe auf Israel einzustellen, wenn auch Israel von weiteren Attacken absehe. Obwohl Israel am Mittwoch zunächst keine Angriffe mehr geflogen hatte, schlugen wieder Raketen aus dem Gazastreifen in grenznahen Regionen ein.

Aber auch Israel ist nach Einschätzung des israelischen Journalisten und Gaza-Kenners Schlomi Eldar nicht wirklich daran gelegen, die Hamas durch noch extremere Gruppen zu ersetzen. Mit der gezielten Eliminierung von Militärchef Al-Dschabari droht aus der möglichen Beruhigung nun ein neuer offener Krieg zu werden.

cjf/AFP/DPA/Reuters / DPA / Reuters