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AFGHANISTAN: Die Beutejäger von Tora Bora

Sie waren schon vor den Taliban an der Macht. Und sind es jetzt wieder in dem verwüsteten Land. Die Warlords kämpfen an der Seite der Amerikaner gegen Osama bin Ladens Gotteskrieger - und untereinander um die Früchte des Sieges. Aus stern Nr. 52/2001.

Es hört sich an wie nahes Donnergrollen. Doch der Bauer Zaher verschwendet keinen Blick darauf, dass ein Gewitter heranziehen könnte. Denn der Himmel ist wolkenlos und strahlend blau; höchstens Kondensstreifen sind zu sehen, welche die B-52-Bomber in den Luftraum über Tora Bora ziehen. Längst ignoriert Zaher auch den dumpfen Krach der Bomben, die jedes Mal den Boden zum Zittern bringen. Vier Kilometer Luftlinie entfernt tobt nun schon seit 14 Tagen der Kampf um die Bergfeste im Südosten Afghanistans. In den Höhlen und Tunnellabyrinthen des Gebirgsmassivs nahe der Grenze zu Pakistan hatten sich bis Ende vergangener Woche etwa 2000 ausländische Kämpfer der Terrororganisation al Qaeda verschanzt. Darunter anscheinend auch Osama bin Laden.

Zaher und seine Verwandten graben schweigend mit Schaufeln und bloßen Händen in den Trümmern eines von acht Lehmhäusern. Bis vor kurzem bildeten sie das Dorf Madoh. Jetzt vertreibt der stete Ostwind von den schneebedeckten Viertausendern den Verwesungsgestank von Kühen und Eseln, die mit aufgeplatzten Leibern zwischen den Lehmbrocken verrotten. Die Menschen finden zerbeultes, aber noch brauchbares Kochgeschirr zwischen Kadavern und Schutt. Und Säcke mit gemahlenem Weizen. Sie sieben das Getreide in den Trümmern gleich noch einmal, um Bombensplitter auszusortieren.

»Die waren nie bei uns«

Anfang Dezember ist der blitzschnelle Tod aus der Luft gekommen. Kurz vor Sonnenaufgang griffen US-Kampfflieger den Ort an und zerstörten in zwei Bombenwellen gezielt jedes der primitiven Lehmhäuser. Madoh sei ein Versteck von al Qaeda gewesen, behauptete das Pentagon. Zaher, 36, der bei dem Angriff eine Schwester und zwei Nichten verlor, sagt: »Wir haben nichts mit denen zu tun. Die waren nie bei uns.«

Seine Beteuerungen wirken glaubwürdig. Denn bin Ladens Gotteskrieger haben sich mit ihren Frauen und Familien vorzugsweise dort breit gemacht, wo das Leben etwas bequemer ist. In einem fluchtartig verlassenen Camp am Stadtrand von Jalalabad stehen noch Waschmaschinen samt Trockner - im Armenhaus Afghanistan ein unerhörter Luxus. In Madoh hingegen gibt es weder Wasser noch Strom, nicht mal eine Zufahrtsstraße. Die nächste Siedlung ist eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt - nur über einen engen Pfad entlang ausgetrockneter Flussbetten zu erreichen, in denen mit Brennholz beladene Kamelkarawanen trotten, vorbei an winzigen Äckern, die Bauern mit Ochsengespann und Holzpflug bearbeiten.

»Wir haben lange genug gelitten«

Nachdem sie alle Toten aus den Trümmern geborgen hatten, hoben die Bewohner von Madoh am Rande des Ortes 33 neue Gräber aus. Sich in die Trecks der Millionen Flüchtlinge einzureihen, kam für die Überlebenden von Madoh nicht infrage. Wozu auch? Das Elend ist gleichmäßig verteilt in Afghanistan. Wenn das Gefecht um Tora Bora endgültig zu Ende gegangen ist, wollen sie ihr Dorf wieder aufbauen. »Wir haben lange genug gelitten«, sagt Zaher. »Vielleicht kommen jetzt auch für uns bessere Zeiten.«

Neue Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden nach 22 Jahren Bürgerkrieg verspricht jedenfalls die Interimsregierung von Premier Hamid Karzai, die zwei Tage vor Weihnachten in der Hauptstadt Kabul die Geschäfte aufnimmt. Karzai will schaffen, was in den vergangenen Jahrhunderten kein afghanischer Führer erreicht hatte: dass die wahren Herrscher des Landes, die mächtigen Warlords sowie die Stammes- und Clanchefs endlich eine »Politik der nationalen Einheit« mittragen, statt rücksichtslos ihre Pfründe zu verteidigen - nach Landessitte meist in blutigen Kämpfen. Hätte Karzai vergangene Woche

die mühsame Reise vom knapp 200 Kilometer entfernten Kabul in die karge Bergwelt von Tora Bora auf sich genommen - er wäre wohl ernüchtert in die Hauptstadt zurückgekehrt. Denn in Tora Bora, auf Paschtun »schwarze Hügel«, gab es gleich zwei Fronten zu besichtigen.

Drehbuch für den nächsten Hollywood-Film

Die eine zog sich entlang der umkämpften Bergfestung. Dort lieferten sich die Mudschaheddin oft auf Sichtweite Gefechte mit den Al-Qaeda-Kämpfern. Die amerikanischen Verbündeten halfen nicht nur aus der Luft. Je länger der Kampf dauerte, desto intensiver beteiligten sich US-Bodentruppen. Am Samstag nahmen sie 50 Bin-Laden-Soldaten gefangen. Zusätzlich streiften Spezialisten in nagelneuen Ford-Allradwagen durchs Gelände, um neue Bombenziele auszuspähen und mit Laserstrahlen zu markieren. Als stünde es im Drehbuch für den nächsten Hollywood-Film, trugen die GIs landesübliche Tracht: den Pakul, die wärmende Stoffmütze, weite Jacke und weit ins Gesicht gezogene Umhänge. Die Tarnung nutzte nicht viel. Der Afghane trägt weder Ray-Ban-Sonnenbrille, noch zermalmt sein Kiefer ständig Kaugummis, schon gar nicht im Fastenmonat Ramadan.

Die andere Front verlief durch die Kommandozentralen jener drei Warlords, deren Truppen in Tora Bora aufmarschiert waren: die des Gouverneurs der Provinz Nangarhar, Haji Abdul Qadir, die seines Militärchefs Haji Zaman und die des Polizeichefs der Provinzhaupstadt Jalalabad, Hazrat Ali. Alle drei verfügen über lupenreine Widerständler-Biografien. Sie haben schon gegen die sowjetischen Besatzer gekämpft und bei der Vertreibung der Taliban mitgewirkt. Doch vor Tora Bora vereinte sie nur eins: die Gier nach dem Lösegeld, das die Amerikaner auf Osama bin Laden ausgesetzt haben. 25 Millionen Dollar sind auch für einen afghanischen Kriegsfürsten eine Menge, selbst wenn manch einer seine Kriegskasse mit

Schutzgeldern, Wegezöllen und Einkünften aus Opiumschmuggel füllt.

Vom ersten Tag an im Clinch

So lagen die Warlords vom ersten Tag an im Clinch. Den Anfang machten die Krieger von Hazrat Ali, die als Erste am Fuße des Bergmassivs Posten bezogen. Als wenige Stunden später Haji Zamans Soldaten anrückten, wurden sie von den Platzhirschen gewaltsam entwaffnet und zum Rückzug gezwungen. Daraufhin errichteten die Zaman-Krieger im nächstliegenden Ort Pachir einen Stützpunkt. Der wurde in der darauffolgenden Nacht von US-Flugzeugen bombardiert. Es war, versicherten die Amerikaner, ein Versehen.

Der Konflikt eskalierte, als die Soldaten des Gouverneurs schließlich Männer des Polizeichefs des Hochverrats beschuldigten. Angeblich hätten sie die Al-Qaeda-Terroristen mit Munition und Verpflegung versorgt, gegen viele Dollars. Nur nach hektischen Funk-Konferenzen zwischen den Warlords sowie mahnenden Worten der Amerikaner gelang es Anfang vergangener Woche, den Ausbruch offener Gewalt zu verhindern.

Zahir Qadir, 28, Sohn des Gouverneurs, kommandiert die väterlichen Truppen. Zwar gebietet er über weniger Soldaten als die anderen, dafür sind seine besser ausgerüstet. Zahir hockte vergangene Woche am Boden seines Kommandostandes, einer engen Lehmhütte, und brüllte in ein nagelneues Satellitentelefon. Ein Adjutant raunte, der Commander habe einen eingeschlossenen Al-Qaeda-Offizier an der Leitung. Es gehe um Einzelheiten einer möglichen Kapitulation. Doch es tat sich nichts. So wartete Zahir weiter auf den entscheidenden Schlag der Amerikaner und auf die Rückkehr seines Vaters.

Gerissener Geschäftsmann

Den aber trieb nichts zur Front. Seine Rückkehr von der Allparteien-Konferenz auf dem Godesberger Petersberg, die bereits zwei Wochen vorher zu Ende gegangen war, hatte sich reichlich verzögert. Vielleicht verbrachte der 52-jährige Politiker auf dem Rückweg noch einige Tage in Dubai. Dort betreibt er mehrere gut gehende Restaurants. Oder er rastete in der pakistanischen Metropole Islamabad, wo ihm ebenso mehrere Immobilien gehören wie in der Grenzstadt Peshawar. Nicht umsonst steht Qadir im Ruf, als Geschäftsmann noch wesentlich gerissener zu sein denn als Militärstratege.

Auch Militär-Provinzchef Zaman, 44, versteht etwas von Geschäften. Die Amerikaner hatten seiner Truppe am ehesten zugetraut, die Al-Qaeda-Feste zu erobern. Sie zahlten ihm deshalb für jeden seiner Soldaten 100 Dollar, plus Kleidung und Verpflegung. Das brachte ihn, behaupten Vertraute des Gouverneurs nicht ohne Ehrfurcht, auf eine fabelhafte Idee: Zaman habe Dutzende Taliban, die im Gefängnis von Jalalabad einsaßen, freigelassen und die erfahrenen Kämpfer gleich für seine Truppe rekrutiert. Tatsächlich standen sämtliche Zellen der Taliban leer.

Salon mit plüschigen Kissen

Zaman residiert in Jalalabad hinter hohen Mauern in einer schönen Villa. Vor kurzem war noch ein Taliban-Bonze Hausherr. Zu dem weitläufigen Grundstück gehören Orangenhaine. Zaman empfängt in einem mit plüschigen Kissen dekorierten Salon. Auf dem Boden liegen zwei Satellitentelefone, drei angebrochene Schachteln Dunhill-Zigaretten und ein überquellender Aschenbecher. Ein frommer Muslim darf zwar während des Ramadan tagsüber nicht rauchen, aber der Stress für den Kriegsherrn ist offensichtlich allzu groß. Erst vor kurzem ist sein ältester Sohn Farid ums Leben gekommen. Nicht etwa ehrenvoll im Krieg, wie es sich für den Sprössling eines Warlords geziemt. Ein Cousin hatte Farid und dessen Leibwächter die Kehle durchgeschnitten. Es ging um eine banale Frauengeschichte.

Über den Tod des Ältesten will der Militärchef nicht reden. Lieber erzählt Zaman von seinen acht Kriegsverletzungen und den drei Monaten, die er 1997 in einem Hotel in Essen verbrachte. Er hatte damals in Deutschland um politisches Asyl nachgesucht. Schließlich erhielt er es in Frankreich. Erst Anfang Dezember kehrte er nach Jalalabad zurück. Zufrieden sagt Zaman, dass seine Leute jetzt »alles unter Kontrolle haben«. Die Stadt sei »auf dem Weg zurück zum normalen Leben«.

Zeichen des Wandels

Tatsächlich hat sich einiges geändert, seit die Gotteskrieger verschwunden sind. Im Basar sind die Geschäfte mit Gemüse, Früchten und Fleisch gut bestückt. Nur sind die Waren für die meisten unbezahlbar. Vor einem wackligen Stand gaffen junge und alte Männer farbige Postkarten von indischen Filmsternchen in aufreizenden Posen an. Solch kleine Freizügigkeit war ihnen lange verwehrt. Auch Fernsehgeräte und Radios sind wieder im Handel.

Die größte Veränderung zeigt sich bei den Mädchen. Eine Gruppe übt unter einem Eukalyptusbaum laut das Alphabet. Sie haben keine Bücher, Schreibgeräte oder Hefte. Einziges Lehrmittel sind verkratzte Schiefertafeln und Kreidestummel. Dennoch, freut sich Schuldirektor Mohammed Khan, »ist es eine Erlösung, die Mädchen wieder unterrichten zu dürfen«. Khan betreut 500 Schüler unter freiem Himmel, darunter nun 282 weibliche. Bei Regen schickt er sie nach Hause.

»Viel besser waren sie auch nicht«

Seine zwölf Lehrer verdienen 80 Mark im Monat. Im Februar oder März haben sie zuletzt Gehalt kassiert. Auch unter den neuen Machthabern, schätzt Khan, »gibt es so schnell kein Geld«. Zu oft hat er schon erlebt, dass die Hoffnungen des Volkes enttäuscht wurden. »So wird es auch diesmal sein«, ahnt er, »denn die Herren, die uns jetzt regieren, waren alle schon vor den Taliban an der Macht. Viel besser waren sie auch nicht.«

Bernd Dörler