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Al Gore: Al Green ins Weiße Haus

Er galt mal als der große Verlierer der US-Politik. Jetzt hat Al Gore für seinen Film über die Klimakatastrophe einen Oscar bekommen. Nicht nur Hollywood hofft, dass er auch zum Rennen um das Weiße Haus antritt

Von Jan Christoph Wiechmann

Irgendwann auf seiner langen Reise vom Tölpel der Nation zum Messias der Neuzeit macht Albert Arnold Gore einen Stopp an der Columbia University in New York City. Er trägt den dunkelblauen Anzug eines Staatsmannes und die Cowboystiefel seiner Heimat Tennessee und ist angereist, um den 1000 Gästen etwas über sein Lieblingsthema zu erzählen: den Untergang der Welt.

Doch noch ehe er ein einziges Wort sagen kann, beginnen die Besucher frenetisch zu applaudieren. Und sie belassen es nicht dabei. Der Applaus geht über in Standing Ovations und hysterisches Kreischen und die Rufe "Gore for President". Irgendwann steht der ganze Saal, stehen Studenten, Professoren und Senioren, stehen drei Generationen in huldigender Ehrfurcht, als wäre auf der Bühne, unter den Statuen von Voltaire und Rousseau, nicht der Wahlverlierer von 2000, sondern Voltaire oder Rousseau oder ein generationenübergreifender Rockstar.

Da muss er grinsen. Der Al. Vater Erde. Der globale Warner vor globaler Erwärmung. Der erste Star im Zeitalter der Apokalypse. Der Mann, der auszog, die Welt zu retten, und sich dabei selber rettete. Der sich recycelte, vom hölzernen Politiker zur grünen Ikone, von "Gore the Bore" zu "Hollywood Al". Er kennt diesen Jubel. So bejubeln ihn Teenager bei der Grammy-Verleihung, wo er einen der Preise überreichte, und das schwarze Amerika in der Oprah Winfrey Show. Er bittet um Ruhe, aber die Menschen geben keine Ruhe. Sie wollen ihn mit Dank überschütten, ihn ehren. Und ja - auch etwas schubsen. Auf den Thron, der ihm gebührt. Zurück ins Weiße Haus.

"Eine unbequeme Wahrheit"

Es ist etwas Gewaltiges passiert in dem einen Jahr, seit "Eine unbequeme Wahrheit" herauskam, Gores Film über den Klimawandel, der jetzt den Oscar als bester Dokumentarfilm gewann. So gewaltig, dass Gore selbst, der sonst immer ein Zitat von Adorno parat hat oder Martin Luther oder Julius Caesar, dies nur schwer erklären kann. "Ich bin gerührt", sagt er. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll." Vor gut einem Jahr noch zog der ehemalige Vizepräsident mit ergrautem Vollbart und altem Diaprojektor durchs Land wie ein Wanderprediger und erklärte in Dorfsälen das Phänomen Global Warming. Nun stehen Cameron Diaz und Leonardo DiCaprio mit ihm auf großen Bühnen und erklären das Phänomen Al Gore.

Wollen Sie nicht doch antreten, fragte ihn DiCaprio am Sonntagabend bei der Oscar-Verleihung. "Ehrlich, ich hatte es nicht geplant", sagte Gore, "aber vor einer Milliarde Zuschauer scheint das der richtige Zeitpunkt zu sein. Also, meine Landsleute, ich nutze die Gelegenheit, um offiziell meine Absicht zu verkünden ..." - da unterbrach scheinbar im falschesten Augenblick laute Orchestermusik den Wunschkandidaten -, und alle feixten.

"Entscheidungsträger des Jahres"

Einige Tage zuvor, an der Columbia University, hatte Gore den Preis "Entscheidungsträger des Jahres" erhalten. Er sei, so sagte Laudator Jeffrey Sachs vom Earth Institute, der "Pionier", der die Welt verändere, der "Weckruf für die Menschheit", der "führende Wahrheitsverkünder unserer Zeit". Gore erhält Ehrungen auf der ganzen Welt, Professuren, Beraterverträge, er bekommt den Oscar, den Ronald Reagan nie gewann, und ist nominiert für den Friedensnobelpreis. Am 7. Juli wird er das 24-Stunden-Konzert "Live Earth" auf allen Kontinenten veranstalten, mit mehr als 100 Bands, mit Sheryl Crow, den Red Hot Chili Peppers und Bon Jovi. 70 Interviewanfragen erhält er täglich. Sein Film hat mehr als 45 Millionen Dollar eingespielt. Er füllt Stadien im Agrarstaat Idaho mit 10 000 Menschen. Für ein Ticket zu seinen Vorlesungen zahlen Fans auf dem Schwarzmarkt 200 Dollar. In Umkehrung zu Reagan und Schwarzenegger ging Gore den Weg vom Politiker zum Superstar. Was ist da nur passiert?

Er lacht, wenn man ihn danach fragt. "Ich habe die am wenigsten objektive Sicht darauf", sagt er. "Ich habe mich früher nie als tragische Gestalt gesehen und jetzt genauso wenig als Held."
Gore greift nach einer Diet Coke und streift behäbig mit seiner fleischigen Hand durchs volle Gesicht, als überprüfe er die Vollständigkeit. Die Nase? Noch da. Die Ohren? Auch. Seine Bewegungen verlaufen im Zeitlupentempo. Wenn er grinst, schiebt sich das Grinsen mit Verzögerung durch sein Gesicht, als brauchte es eine Aufwärmphase. Er spricht mit dem sanften Bass eines Kuschelmusik-Moderators, und manchmal können seine Worte wie ein Narkotikum wirken. Er wiegt 30 Kilo zu viel für einen, der Präsident werden will, sein Anzug spannt, der Hals sucht nach Platz, er wirkt wie ein heiß gelaufener Planet. Für die Fotografin des stern bringt er sich selbst in Pose. Inszeniert sich. Legt die Denkerhand an, sodass man sein Doppelkinn nicht sieht. Beugt sich nach vorn, sodass der Anzug nicht spannt. Blickt wie ein großer Philosoph. Rousseau. Voltaire.

Gores Auftritte sind anders. Wirkte er früher steif und unbeholfen, ist er nun gelöst, bissig, selbstironisch. Er zeigt den Menschen, den er einst verbarg hinter Fachkompetenz und Zahlen. "Hi, ich heiße Al Gore und war einmal der nächste Präsident der Vereinigten Staaten", sagt er zur Begrüßung. - Lachen im Saal. "Was ist denn daran lustig?" - Lautes Lachen. "Neulich sagte eine Frau zu mir: "Wenn Sie Ihre Haare schwarz färbten, sähen Sie aus wie Al Gore." Sehr lautes Lachen.

Dann kommt der ernste Teil. Der Untergang. Etwa 1200-mal hat er seinen Vortrag über die Erderwärmung gehalten, "ich bin besessen davon". Er beginnt ihn mit den Worten: "Wir stehen vor einer Klimakrise, die sich zu einer planetaren Katastrophe ausweitet." Er zeigt Bilder von ausgetrockneten Flüssen, Fotomontagen vom überfluteten Manhattan, vom verschwundenen Miami. Er warnt vor dem Schmelzen der Gletscher, vor Hunderten Millionen Klimaflüchtlingen, vor Hunger und Seuchen, und irgendwann fragt man sich, ob man ihn um eine Lösung bitten sollte oder lieber gleich um den Gnadenschuss.

"Ihr jungen Leute müsst aufstehen"

Wenn Gore über die Erderwärmung spricht, spricht er immer auch über Gore. Wie er seinen sechsjährigen Sohn Albert beinahe in einem Verkehrsunfall verlor und danach den Kampf für die Weltrettung zur wichtigsten Aufgabe machte. Wie Gore seine ältere Schwester an Lungenkrebs verlor und ihm danach so mancher Zusammenhang klar wurde. Wie Gore Energie spart, Hybridautos fährt, Solarkollektoren einbauen läßt. Er rät seinen Mitbürgern, auch solche Autos zu kaufen, Energiesparlampen, Öko-Strom. Apokalyptiker wie er waren bisher verhasst im Land des ewigen Optimismus. Doch die Zuschauer können nicht genug kriegen von seinen Appellen. "Ihr jungen Leute müsst aufstehen", ruft er. "Fragt eure Eltern: Warum tut ihr nichts gegen die Klimakrise? Die Beweise sind doch da. Ihr müsst aufstehen, so wie die Generation unserer Großväter gegen den Faschismus aufgestanden ist."
Da steht ein voll Leidenschaft schwitzender 58-jähriger Mann mit rotem Kopf und ruft die Revolution aus.

Es kam einiges zusammen bei der Wiederauferstehung des Al Gore. Zum einen Hurrikan "Katrina", der Untergang von New Orleans, als Amerikaner sich zum ersten Mal fragten, ob die Erderwärmung mehr ist als eine Erfindung der lustfeindlichen Europäer. So entstand eine Bewegung, die nach einem Fahnenträger suchte. Und passend dazu fand sie diesen Mann, der einen neuen Lebenssinn suchte. Die Welt vor der Klimakatastrophe zu retten brauchte einen Repräsentanten, so wie die Schwarzen Martin Luther King hatten und die Apartheidgegner Nelson Mandela.

"Der Kerl ist ein Umweltextremist"

Niemand schien besser geeignet als Gore, der erbitterte Feind des meistgehassten Mannes der Welt, George W. Bush. Einer, der keine Angst hat, Bush einen Gesetzesbrecher zu nennen und Amerika den schlimmsten Umweltzerstörer. Der Aufstand gegen den Irak-Krieg, gegen die Folter von Abu Ghreib, als alle anderen sitzen blieben, die Clintons und Kerrys und Edwards. Wie kein anderer repräsentiert Gore das Rückgrat Amerikas. Das gute, weltoffene, intelligente Amerika. Einer aus jenem schier unerschöpflichen Reservoir, das der Welt schon Bob Dylan gab, Bill Clinton und Martin Luther King.

Doch unumstritten ist auch Gore nicht. George Bush Senior, der ihn einst "Mr. Ozon" nannte, verkündet: "Der Kerl ist ein Umweltextremist, alle Amerikaner werden arbeitslos sein." In Gores Heimatstaat Tennessee sagen Menschen, er lege es nur auf Ruhm an, er sei eine Hollywood-Fantasie.

Man kann ihm vieles vorwerfen, aber das Thema "Erderwärmung" hat Gore früh besetzt, schon während seines Studiums in Harvard. Er war an dem Thema dran, als Joschka Fischer noch Taxi fuhr. Er hat 1980 die ersten Anhörungen im Kongress durchgesetzt. Schon immer war er ein Visionär, aber keiner mit Groupie-Status.
Er kennt sich so gut aus mit Kohlendioxid-Daten und Milligrammangaben und Staubpartikeln, dass er sich manchmal anhört wie ein Physikprofessor, der sich mit Zahlenbergen umgibt, bis er nur schwer wieder herausfindet. Da schimmert er noch durch: der alte Gore. Zahlen-Al. Den die Amerikaner im Weißen Haus nicht wollten, weil er so hölzern war, dass er Splitter hinterließ.

"Der Anschlag auf die Vernunft"

So lautet die große Frage: Begibt sich Gore noch einmal ins Rennen um die Präsidentschaft? Vor ihm liegt ein sagenhaftes Jahr. Im Mai kommt sein Buch heraus, "Der Anschlag auf die Vernunft" heißt es, eine gnadenlose Abrechnung mit dem Großmanipulator George W. Bush. Mit seinem Live Earth Konzert im Juli wird er weltweit zwei Milliarden Menschen erreichen, Zahlen, von denen Hillary Clinton und Barack Obama nur träumen können, und im Dezember gilt er als aussichtsreicher Kandidat für den Friedensnobelpreis. Bis dahin, so die Spekulation, werden sich Clinton und Obama im Präsidentschaftswahlkampf zerfleischt haben und die Amerikaner müde sein von all den Fragen: Ist das Land bereit für eine Frau? Für einen schwarzen Mann?

Dann könnte Gore ins Rennen gehen. Er, der noch eine Rechnung offen hat. Der politische Märtyrer und wiedergeborene Held. Er ist der einzige Kandidat der Demokraten mit genug Geld und könnte leicht 200 Millionen Dollar durch Internetspenden einnehmen. Donna Brazile, seine Wahlkampfmanagerin von 2000, sagt: "Er könnte jederzeit einsteigen, morgen, im September oder November. Er ist heute eine Kulturikone." Einen solchen Schlachtplan müsste man erfinden, wenn es ihn nicht schon gäbe.

Gore sitzt aufrecht in einem Sessel des Hotels und sucht den direkten Blickkontakt. "Ich habe es nicht total ausgeschlossen, eines Tages wieder anzutreten, erwarte es aber nicht." Es sind aufgesagte Sätze, er blickt in skeptische Gesichter und geht noch weiter: "Der politische Prozess ist vergiftet. In Amerika gewinnt der, der das meiste Geld hat und sich die meisten Werbeminuten im Fernsehen kaufen kann." Es ist jenes Nein, das immer noch ein Ja zulässt.

Für einen Mann ohne politische Ambitionen benimmt Gore sich eigenartig. Der Mann, der einst selbst Reporter der Lokalzeitung "Tennessean" war, lässt Reporter aus dem Saal verweisen. Der Mann, der gegen die Zensur der Regierung kämpft, begann vor zwei Jahren, in seinen Veranstaltungen Kameras zu verbieten, selbst Mitschriften, ganz wie ein Kandidat, der Angst vor Sätzen hat, die ihn später einholen könnten. Universitäten müssen Verträge unterschreiben, in denen sie sich verpflichten, Reporter auszuschließen. Und dann, wenn sie ausgeschlossen sind, sagt er Sätze wie: "Ich bin ein genesender Politikjunkie, der vom Rückfall bedroht ist."

Er ist zweimal gescheitert

Einiges spricht gegen Gore. Er ist zweimal gescheitert, 1988 und 2000, und so gern Amerika seine Comeback-Kids mag, so sehr hasst es Verlierer. Die Leute haben nicht vergessen, dass Gore sich für den Erfinder des Internets hielt, auch nicht jenen peinlichen Wahlkampfauftritt, als er endlich mal Leidenschaft zeigen wollte und seiner Frau Tipper beim Zungenkuss auf der Bühne fast das Genick brach. Aber unverzeihlicher noch ist für viele Demokraten: Er hat der Welt Bush beschert, den größten anzunehmenden Unfall der US-Präsidialgeschichte. Er verlor die Wahl, die er nie hätte verlieren dürfen, gegen einen unterbelichteten Cowboy.

Noch etwas anderes könnte ihn einholen. Gore würde im Wahlkampf seine Finanzen offenlegen müssen. Sein Vermögen wird auf 100 Millionen Dollar geschätzt. Er ist Berater von Google ohne wirkliches Aufgabenfeld. Er sitzt im Aufsichtsrat von Apple und stand einer Untersuchungskommission vor, die Apple-Chef Steve Jobs trotz vieler Merkwürdigkeiten vom Insider-Handel freisprach. Falls die Börsenaufsicht Ermittlungen gegen Jobs einleitet, ist auch Gore dran. Warum also sollte er sich das antun? Warum sollte er noch einmal durch die Dorfsäle von Iowa und New Hampshire ziehen, wenn er doch die Welt schon für sich gewonnen hat? Wofür braucht er das Weiße Haus, wenn er doch eine kosmische Bühne gefunden hat?

Man wird an seinem Körper ablesen können, ob er antritt, sagt Donna Brazile. Ob er sich herunterhungert auf ein präsidiales Maß. Ob er nicht nur die Massen im Griff hat - sondern auch sich selbst.

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