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Nahost-Reise: Merkels gar nicht so versteckte Botschaft in die Heimat

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist in Jordanien und im Libanon unterwegs. Eine Reise, die durchaus Beachtung verdient. Doch selbst hier verfolgt sie ihr Quälgeist aus der CSU: Horst Seehofer.

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit spielenden Kindern in der Doppelschicht-Schule in Beirut

Eine Reise, die durchaus Beachtung verdiente: Bundeskanzlerin Angela Merkel mit spielenden Kindern in einer Doppelschicht-Schule in der libanesischen Haupstadt Beirut.

DPA

Um gleich am Anfang den großen rhetorischen Frager zu seinem Recht kommen zu lassen, eine kurze Antwort auf einen seiner jüngsten, nun ja, Beiträge: "Wo sind wir denn?"

Ja, wo sind wir denn? Nun, vordergründig sind wir, also die Bundeskanzlerin mit ihrem Tross, im Nahen Osten unterwegs, im und in Jordanien, einer Region also, mit der verglichen Berlin selbst in diesen Tagen doch ein Hort des ausgesprochen friedlichen Miteinanders ist.

Angela Merkel - letzte Auslandsreise als Kanzlerin?

Aber wie gesagt, das ist nur vordergründig. Denn im Prinzip könnte in Zeiten Seehofers in Patagonien unterwegs sein, am Hindukusch oder am Nordpol; es wäre, wie die Bayern sagen, wurscht. Es verfolgt sie ohnehin nur ein Thema: Ist das ihre letzte Auslandsreise als Kanzlerin? Wie lange macht es ihre Koalition zu Hause noch? Wann hält Sprengmeister Horst sein Feuerzeug an die kurze Lunte.

Sie kann dem gar nicht entgehen. Für den Sonntagnachmittag hat EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker als Freundschaftsdienst einen Mini-Gipfel einberufen, auf dem Merkel versuchen darf, mit anderen betroffenen Kollegen eine Regelung zu finden, die erstens verhindert, dass Asylbewerber in Europa von einer Grenze zur nächsten vagabundieren und die es damit zweitens ermöglicht, dass ihr Innenminister seine Drohung nicht wahrmachen muss, an der deutschen Grenze zurückzuweisen, die bereits in einem anderen EU-Staat registriert sind. Das Problem ist nur: Italiens neuer Ministerpräsident Giuseppe Conte sperrt sich. Von den Ungarn und den anderen Osteuropäern ganz zu schweigen. Und ohne Italien hat alles keinen Sinn.

Los wird sie Seehofer wohl nur ganz oder gar nicht

Am Donnerstag also fuhr Angela Merkel in durch die Wüste. Sie war auf dem Weg zu den deutschen Soldaten, die dort stationiert sind. Anderthalb Stunden ziemlich schnurgerade durch die Wüste. Keine sehr abwechslungsreiche Landschaft. Ab und zu ein paar Dromedare. Merkel hatte also viel Zeit und wenig Ablenkung, auch wenn die Dromedare sie vielleicht an daheim erinnert haben mögen. Aber lassen wir das. Jedenfalls telefonierte sie lange mit Conte. Das Ergebnis? Man ist sich einig, vorerst uneinig zu sein. Da hätte sie auch gleich mit Seehofer sprechen können.

Aber wahrscheinlich ist Merkel ganz froh, ihn mal ein paar Tage wenigsten physisch von der Backe zu haben. Los wird sie den CSU-Quälgeist inzwischen wohl nur noch ganz oder gar nicht. Die ständigen Erinnerungen an die Berliner Malaise sind allerdings auch insofern ein Jammer, als die Reise in diese beiden Länder durchaus Beachtung verdiente. In Beirut besucht die Kanzlerin die Ras-Beirut-Schule. Dort werden, wie in fast allen Schulen des Landes, Kinder in zwei Schichten unterrichtet. Morgens findet der reguläre Unterricht statt, mit 250 libanesischen Kindern und 250 Kindern aus syrischen Flüchtlingsfamilien; nachmittags kommen 600 Flüchtlingskinder zur zweiten Schicht.

Eine gar nicht so versteckte Botschaft in die Heimat

Bevor Merkel eintrifft, erklärt der libanesische Bildungsminister Marouan Hamadé, warum das nicht sehr wohlhabende Land die Last auf sich nimmt, möglichst vielen der 600.000 aus geflohenen Kindern und Jugendlichen den Schulbesuch zu ermöglichen: "Wir wollen eine Generation von Syrern ausbilden, die irgendwann nach Syrien zurückkehren und das Land wieder aufbauen kann." Und dann reibt er Daumen und Zeigefinger aneinander und sagt: "Wir wollen Frau Merkel hier ein Gefühl dafür geben, was Libanon tut." Nur ein Gefühl geben? Die Geste ist nicht so gemeint, aber das Land könnte durchaus noch mehr finanzielle Unterstützung gebrauchen.

Im Libanon leben übrigens rund sieben Millionen Menschen. Fünf Millionen davon sind im weitesten Sinne Einheimische. Der Rest sind Flüchtlinge. 1,2 Millionen Syrer, rund 700.000 Palästinenser. Fast 30 Prozent Flüchtlinge in einem Land, in dem ein Viertel der Einheimischen als arm gelten – das sind Zahlen, mit denen die Kanzlerin einen heimlichen Wunsch verbindet: Die von Überflutungsängsten Gepeinigten in Deutschland mögen sie doch bitte mal zur Kenntnis nehmen. Sie relativieren doch viel. Es ist eine der gar nicht so versteckten Botschaften, die die Kanzlerin in diesen Tagen auch in die Heimat sendet.

Umso wichtiger ist es Merkel, wenigstens etwas zusätzliches Geld für die "unglaubliche Aufgabe" locker zu machen, die Libanon zu erfüllen hat. Auch in Jordanien, das mindestens 700.000 syrischen Flüchtlingen Schutz bietet, sagte sie kurzfristige Kredite über 100 Millionen Euro zu. Das, zumindest, hat sie noch in der Hand. Alles andere? Nicht mehr wirklich. Und nicht mehr allein. Während sie in Beirut ist, muss sie zur Kenntnis nehmen, dass sich die SPD sicherheitshalber auf Neuwahlen vorbereitet. Überrascht haben dürfte es Merkel nicht. Nicht mehr.

Flüchtlinge, die Stimmung in Deutschland und die AfD

Am Donnerstag besucht sie in Jordaniens Hauptstadt Amman die Deutsch-Jordanische Universiät und beantwortet Fragen der Studenten. Es geht, natürlich, um Flüchtlinge, um die Stimmung in Deutschland, um die AfD, aber auch um den notorischen Zuspätkommer Putin, dessen Unpünktlichkeit Merkel hinnimmt, wie sie lange die CSU-Attacken hingenommen hat in der Hoffnung, die Bayern würden sich schon irgendwann wieder einkriegen: "Tja, was soll ich machen? Man wartet."

Dann aber fragt ein angehender Maschinenbauer Merkel, wie sie in die Politik geraten sei. Merkel wird diese Frage bei solchen Veranstaltungen immer wieder gestellt. Sie beantwortet sie immer gleich, nur mit anderen Worten. Sie fängt an bei ihrer Arbeit als Physikerin, der Wendestimmung in der DDR und dann sagt sie dieses Mal einen dieser typischen Merkel-Sätze: "Dann hat sich der Prozess der Freiheit ergeben."

Der Prozess der Freiheit. Kann gut sein, dass sich der Prozess der Freiheit für die Bundeskanzlerin Angela Dorothea Merkel auch bald ergibt – und sehr viel früher als gedacht.