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Barack Obama: Sehnsucht nach dem Erlöser

Im spannendsten Vorwahlkampf seit Langem stehen die US-Bürger Schlange vor Wahllokalen und strömen vor allem zu den Auftritten Barack Obamas. Ob Jung oder Alt, Schwarz oder Weiß - sie wünschen sich vom nächsten Präsidenten einen radikalen Neuanfang.

Von Jan-Christoph Wiechmann

Es war in einem Armenviertel von Columbia in South Carolina. Vier schwarze Teenager, die Politik bisher für eine Spielerei alter weißer Männer hielten, gingen von Tür zu Tür und verteilten handgemalte Plakate mit dem Schriftzug "Obama for President". Sie sprachen so angeregt von Barack Obama wie sonst nur von Snoop Dogg oder P. Diddy. Sie schauten gemeinsam die Wahlkampfdebatten wie sonst nur "American Idol", die US-Variante zu "Deutschland sucht den Superstar". Sie gingen zur Wahl und nahmen ihre Nachbarschaft mit, und wenn man sie nach den Gründen fragte, sagten sie, dass Obama ihnen das warme Gefühl gebe, endlich ein Teil Amerikas zu sein.

Es war in einem verschneiten Dorf im Agrarstaat Iowa. Das Ehepaar Humphrey, 74 und 76 Jahre alt, fuhr in einem Pick-up von Dorf zu Dorf und steckte dunkelblaue "Hillary"-Schilder in den tiefen Schnee. Sie hatten ihr Zuhause im warmen Arizona verlassen, um vier Monate lang und ohne einen Cent Lohn Wahlkampf für Hillary Clinton zu machen. Schon um sechs Uhr morgens steckten sie ihre Schilder an den Straßenrand und verteilten abends um acht noch Handzettel in den Bars, und wenn man sie nach den Gründen fragte, sprachen sie von dem sehnlichen Wunsch nach einer besseren Zukunft für die Enkel.

Es war an einem warmen Wintertag an der Internationalen Universität von Miami. An einem Brunnen saßen vier Studentinnen und sezierten die Wahlprogramme der Kandidaten. Sie kamen einst aus Syrien, Kuba, Chile, Taiwan und schwärmten von einer Welt, in der eine starke Frau oder ein junger Schwarzer die Supermacht anführen wird und Vorbild ist für Generationen von Mädchen und Immigranten, und wenn man sie nach den Gründen ihrer Euphorie fragte, sagten sie, dass es sich endlich wieder gut anfühle, Amerikaner zu sein.

Sehnsucht nach einem Neubeginn

Wer in diesen Tagen durch die USA reist, stößt auf eine unbändige Sehnsucht nach einem Neubeginn, einer Generalüberholung, ja einer Katharsis. Noch haben die Vorwahlen keinen Sieger hervorgebracht, dafür aber schon jenen "Wind der Veränderung", der mehr ankündigt als nur die Wahl eines neuen Präsidenten. Die Bundesstaaten melden eine Rekordwahlbeteiligung, vor den Wahllokalen erstrecken sich endlose Schlangen, und aus den voll besetzten Arenen des Landes ertönt jenes Gekreische, das man bisher nur vernahm, wenn Justin Timberlake auftrat.

Innerhalb von vier Tagen haben Barack Obama und Hillary Clinton Spenden in der Rekordhöhe von gut 15 Millionen Dollar eingenommen - Obama allein unterstützen mehr als 650.000 Einzelspender. In kleinsten Orten des Mittleren Westens treffen sich Jugendliche und eröffnen Wahlkampfbüros für den Senator aus Illinois. Der so menschenleere Staat Alaska meldet den ersten Verkehrsstau seit Jahren, weil die Wahlbürger noch rechtzeitig zu den Versammlungen wollen. Hunderttausende junger Leute, die Washington als Fort zynischer Machtverwalter sehen, verstehen sich als Teil einer Bewegung, die das Schicksal des Landes nun selbst bestimmt. Es ist ein beeindruckendes Schauspiel der ältesten Demokratie, die in all ihrer Schwerfälligkeit den Mut zu einem Neuanfang findet. Getragen nicht von einem Parteiapparat, sondern einer postideologischen Graswurzelbewegung, die so viel Power hat wie die ihrer Großeltern in den Sixties.

Unerwartete Siege

Es gibt genug Zyniker, die bezweifeln, dass Amerika jemals eine Frau oder einen Schwarzen wählen wird. In Idaho jedoch, wo die Gruppe "Aryan Nations" einst das internationale Hauptquartier der weißen Rasse ausrief, erhielt Obama 80 Prozent der Stimmen. Im vermeintlichen Redneck-Staat Oklahoma, wo im Zweifel noch immer die Bibel Gesetz ist, entschied sich die Mehrheit der weißen Männer für Hillary Clinton. Und selbst John McCain, voraussichtlicher Kandidat der Republikaner, ist alles andere als ein dogmatischer, bibeltreuer Rechtsaußen vom Schlag George W. Bushs.

Gründe für die Aufbruchstimmung gibt es viele: Die Demokraten verfügen über zwei Stars, wie sie sonst nur das Showbusiness hervorbringt - und selten die Politik. Sie stehen für zwei Geschichten, die bisher nicht vorkamen im American Dream. Nach 43 weißen Männern könnten von 2009 an eine Frau oder ein Schwarzer die Supermacht regieren. Doch wichtiger noch ist die Sehnsucht nach einem Erlöser, der Amerika endlich befreien wird aus der Sippenhaft von acht Jahren Bush. Es ist die große Sehnsucht nach Anerkennung eines zutiefst verunsicherten Landes - verschmäht von der Welt, finanziert von China, gedemütigt vom Iran, am Rand einer Rezession. Es ist die Sehnsucht nach einem Befreiungsschlag der Geschichte, nach Helden wie John F. Kennedy, Martin Luther King oder Ronald Reagan, zu deren Zeit Amerika für sich in Anspruch nahm, Fixpunkt einer politischen Revolution zu sein. "Ich würde ja gern den Erfolg für mich in Anspruch nehmen", sagt Obama, "aber ein Großteil dieser Euphorie ist das Ergebnis jahrelanger Frustration mit der Bush-Regierung."

Neuanfang bedeutet Abschied

Die Obama-Skepsis war anfangs groß, weil man von einem Politiker Visionen nicht mehr erwartet. Man hat sich an die Politik der kleinen Schritte gewöhnt, an die Kunst der Kompromisse, an die "Zumutbarkeitsgrenzen" von Reformen. Da kommt nun einer, der nach Versöhnung von links und rechts ruft, von Jung und Alt, nach der Überwindung sämtlicher rassischer und vor allem ideologischer Schranken. Hinter Obamas Ruf nach einem Neuanfang für Amerika verbirgt sich auch der Wunsch nach einem Abschied von den Babyboomern, von den 68ern, die für ihr Fortkommen immer einen ideologischen Feind brauchten und Politik nicht primär als Dienst am Volk verstanden, sondern als Akt der Selbstverwirklichung.

Seinen Anhängern erscheint Obama wie ein Geschenk der Geschichte. Der erste globale Präsident in Zeiten der Globalisierung, ein Schwarzer in einem bunten Land, der Vater aus Kenia, die Mutter aus Kansas, der Name arabisch - endlich könnte Amerika wieder Trendsetter sein wie einst in der Raumfahrt und im Rock 'n' Roll, in der Filmwelt wie im Cyber Space, ein Land, das die Welt immer träumen ließ.

Diese Sehnsucht nach Erlösung, nach einer Messias gleichen Figur erklärt die manchmal absurden Szenen, die sich derzeit im ganzen Land abspielen. Fans kreischen hysterisch, bevor er überhaupt ein Wort spricht. Sie schwärmen von seiner Redekraft und wissen schon zehn Minuten nach der Rede nicht mehr, was er gesagt hat, außer seinen Refrain "Yes, we can". Politische Kommentatoren schmelzen dahin und enden ihre Lobhudeleien mit fragwürdigen Vergleichen wie der Fernsehmoderator Chris Matthews: "Ich verfolge Politik seit meinem fünften Lebensjahr. Ich habe noch nichts Vergleichbares gesehen. Das ist größer als Kennedy. Das ist das Neue Testament."

Obamas Reden sind ein Trip ins Glück

Obamas meist abgelesene Reden liefern oft wenig Substanz, sie sind komponiert wie ein Song, eine Predigt, sie erzählen von einer besseren, einer versöhnlichen Welt, ohne den Weg dorthin aufzuzeigen. Sie erwärmen das Herz, man fährt beschwingt von dannen wie nach einem guten Konzert, ein kurzer Trip ins Glück, bevor die Realität einen wieder weckt.

Doch je öfter man ihn hört und je mehr Details man sich erhofft, desto größer die Ernüchterung, die eine seiner großen Unterstützerinnen, Kathleen Geier, wie folgt zusammenfasst: "Es hört sich mehr an wie ein Kult denn ein Wahlkampf. Die Obama- Freiwilligen sprechen von Obama, so wie die Wiedergeborenen Christen von Jesus sprechen." Obama sagt, es gehe nicht um ihn, dabei dreht sich die Obamamania nur um ihn, und manchmal enden seine Messen in Sätzen grotesker Selbstüberschätzung: "Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben."

46-jährige Heilsgestalt

Noch bleibt offen, ob Obama mehr ist als ein Symbol. Mehr als ein Reinigungsbad, nach dem sich das Land endlich besser fühlen kann. Mehr als der allzu amerikanische Glaube an ein Allheilmittel. Mehr als ein Marketingprodukt im Land der Instant- Lösungen, Wunderdiäten und "Extreme-Makeovers". Denn diese 46-jährige Heilsgestalt, so man sie wählt, wird am 20. Januar 2009 im Weißen Haus sitzen und als Anführer der freien Welt einen Krieg beenden, die Welt versöhnen, die Rezession bekämpfen, den Terrorismus stoppen und sich in die Niederungen der Detailarbeit begeben müssen.

Wie immer die Vorwahlen auch ausgehen: Jene, die ihre Abgesänge auf die Supermacht USA vor Jahren schon formulierten, sollten offen sein für eine Bewegung, die sich nichts sehnlicher wünscht als die demütige Rückkehr in die Weltgemeinschaft. Denn: Welches Land findet aus sich selbst heraus schon einen solchen Willen zur Selbsterneuerung?

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