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Regimegegner Protassewitsch verhaftet "Er wusste, dass es das Ende sein wird": Influencerin schildert Vorgänge an Bord des von Belarus entführten Flugzeugs

Ryanair-Flugzeug in Vilnius; Roman Protassewitsch bei einer Festnahme in Minsk 2017
Die Ryanair-Maschine nach ihrem Weiterflug auf dem Flughafen Vilnius – der belarussische Oppositionelle Roman Protassewitsch wurde zuvor in Minsk aus dem Flugzeug geholt (Bild von einer Festnahme im Jahr 2017)
© Petras Maluks / AFP, Sergei Grits / AP / DPA
Was geschah an Bord des von Belarus gekaperten Ryanair-Flugs FR4978? Eine mitreisende Influencerin schildert dramatische Szenen. Die Rufe nach Konsequenzen für das Regime in Minsk werden lauter.

Die vom belarussischen Regime erzwungene Landung einer Ryanair Maschine zur Festnahme des im Exil lebenden Journalisten Roman Protassewitsch auf dem Flughafen von Minsk ruft international empörte Reaktionen hervor (lesen Sie hier mehr dazu).

Inzwischen wird immer deutlicher, was sich an Bord von FR4978 abgespielt hat – auch weil eine Influencerin das Geschehen in ihrer Instagram-Story dokumentiert hat.

Was geschah an Bord von Ryanair-Flug FR4978?

Die Boeing 737 war am Sonntagmorgen gegen 7.30 Uhr vom Flughafen der griechischen Hauptstadt Athen abgehoben. Ziel war die litauische Hauptstadt Vilnius. Gut zwei Stunden nach dem Start änderte die Maschine über belarussischen Luftraum ihren Kurs und steuerte Minsk an – offenbar auf Geheiß der Machtclique um Langzeit Diktator Alexander Lukaschenko, die den an Bord befindlichen Oppositionellen Protassewitsch festnehmen wollte. Erst nach Stunden konnten die übrigen Passagiere ihre Reise nach Vilnius fortsetzen. Der Vorgang ist ein klarer Verstoß gegen internationale Regeln und eine weitere Eskalation seitens des Regimes in Minsk.

Dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging, war der mitreisenden Bloggerin Raselle G., die sich bei Instagram raselle_gr nennt, offenbar schon kurz nach der ungeplanten Landung in der belarussischen Hauptstadt klar. "Ryanair akzeptiert es, in Belarus' Luftraum entführt zu werden", schreibt sie in ihrer Story, während das Bild durch das Flugzeugfenster Uniformierte auf dem Rollfeld des Flughafens in Minsk zeigt. 

In einer weiteren Szene ist zu sehen, wie die Passagiere über eine Treppe das Flugzeug verlassen und Gepäckstücke von einem Hund untersucht werden. Nach Darstellung der belarussischen Behörden soll es den Verdacht einer Bombe an Bord gegeben haben. Dieser bestätigte sich nicht. Inzwischen wird diese Darstellung als Vorwand angesehen, um das Flugzeug zur Zwischenlandung zu zwingen.

In einer späteren Sequenz ist ein Foto aus dem Inneren eines Flughafengebäudes zu sehen. "Wir werden in Minsk wie Gefangene behandelt", schrieb raselle_gr dazu.

"Er wusste, dass es das Ende sein wird"

Gegen Mitternacht ergänzte sie: "Protassewitsch sagte zu einem Flugbegleiter: 'Tun sie das nicht. Sie werden mich töten, ich bin ein Flüchtling.'" Dieser habe geantwortet: "Wir müssen, wir haben keine Wahl. Dies gehört zu den rechtlichen Vereinbarungen von Ryanair." Die bittere Bilanz von raselle_gr: "Er wusste, dass es das Ende sein wird. Ryanair übergab ihn an sie."

Inwiefern die Influencerin den Wortwechsel Protassewitschs mit dem Flugbegleiter selbst mitbekommen oder aus den Medien entnommen hat, ist unklar.

Ihre Schilderung ähnelt jener von Tadeusz Giczan, dem Chefredakteur des unabhängigen, von Warschau aus betriebenen, belarussischen Nachrichtenportals "Nexta", für das auch Protassewitsch in der Vergangenheit gearbeitet hat. Giczan zitierte am Sonntag bei Twitter einen Mitreisenden von Flug FR4978: "Sie haben uns aus dem Flugzeug geholt, die Hunde haben an unserem Gepäck gerochen. Sie haben diesen Mann (Roman) beiseite genommen und seine Sachen auf die Landebahn geworfen. Wir haben ihn gefragt, was los ist", berichtete der Passagier demnach. Protassewitsch habe dem Mitreisenden zitternd gesagt, wer er ist und ergänzt: "Sie werden mich hier hinrichten." Dann seien Soldaten gekommen, um den 26-Jährigen abzuführen.

Roman Protassewitsch bei einer Festnahme 2017
Roman Protassewitsch bei einer Festnahme 2017
© Sergei Grits / AP / DPA

Andere Passagiere bestätigten nach der Ankunft in Vilnius die Verhaftung des Journalisten. "Als ich hörte, dass das Flugzeug nach Weißrussland zurückkehrt, sah ich seine Reaktion. Er legte die Hände über den Kopf, als wüsste er, dass etwas Schlimmes passieren würde", gab der Grieche Nikos P. dem TV-Sender Mega zu Protokoll. Auch Roman Protassewitschs mitreisende Freundin wurde nach Angaben der litauischen Regierung festgenommen.

Inzwischen hat sich auch der Chef von Ryanair, Michael O'Leary, zu dem Vorgang zu Wort gemeldet. "Es wirkt so, dass es die Absicht der Behörden war, einen Journalisten und seine Reisebegleiterin (aus dem Flugzeug) zu entfernen", sagte er dem irischen Radiosender Newstalk. "Wir vermuten, dass auch einige KGB-Agenten am Flughafen (in Minsk) abgeladen wurden." O'Leary sagte, es handle sich um einen "Fall von staatlich unterstützter Entführung, (...) staatlich unterstützter Piraterie". Die Flugzeugbesatzung nahm der Ryanair-Chef in Schutz. Sie habe einen "phänomenalen Job" gemacht. Das weitere Vorgehen liege nun in den Händen von EU und Nato.

Dort zeigte man sich entsetzt über das Vorgehen des belarussischen Regimes, einen Flug zwischen zwei EU-Hauptstädten zur Zwischenlandung zu zwingen. Die EU-Staats- und Regierungschefs wollen sich am Montagabend bei ihrem Gipfel mit dem Vorfall befassen, der von einigen europäischen Ländern als "Staatsterrorismus" und "Flugzeugentführung" eingestuft wurde. Die Nato sprach von einem "ernsten und gefährlichen Vorfall" und berief für Dienstag Beratungen ihrer Botschafter ein.

Airlines meiden belarussischen Luftraum – die Lufthansa nicht

Etliche EU-Staaten bestellten die belarussischen Botschafter ein, mehrere Fluggesellschaften kündigten an, den Luftraum über dem osteuropäischen Land künftig zu meiden, nicht aber die Lufthansa. Vorerst gebe es keine Veränderung, sagte eine Sprecherin auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP. Die Situation werde aber beobachtet. [Update, 20.30 Uhr: Die Lufthansa wird vorerst nicht mehr den in belarussischen Luftraum fliegen. Das teilte das Unternehmen am Montagabend mit.]

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Amnesty International und Reporter ohne Grenzen forderten die sofortige Freilassung Protassewitschs.

Das Regime in Belarus hat indes den Vorwurf einer Entführung zurückgewiesen. "Es besteht kein Zweifel, dass die Handlungen unserer zuständigen Stellen den internationalen Regeln entsprachen", erklärte das Außenministerium. Auch die russische Regierung ist einer Außenamtssprecherin zufolge "schockiert" von den Vorwürfen des Westens.

Die Transitrechte im zivilen Luftverkehr werden vom Chicagoer Abkommen von 1944 geregelt. Demnach kann jeder der beteiligten Staaten "in Ausübung seiner Souveränität" die Landung eines zivilen Flugzeugs verlangen. Das aber nur, wenn es sein Hoheitsgebiet "unbefugt" überfliegt oder wenn die eigentlichen Ziele des Abkommens verletzt werden: Dazu gehören "Freundschaft und Verständnis" zwischen den Völkern zu fördern, den Frieden zu sichern und die internationale Zivilluftfahrt "in sicherer und geordneter Weise" zu entwickeln.

Eine Zivilmaschine zur Landung zu zwingen, ist danach nur "im Einklang mit den einschlägigen Regeln des Völkerrechts" erlaubt. Unter dem Dach der Vereinten Nationen überwacht die "International Civil Aviation Organization" (ICAO), ob die Regeln eingehalten werden. Die ICAO äußerte sich besorgt zu dem "möglichen" Verstoß gegen das Übereinkommen und erwartet weitere Informationen zu dem aktuellen Fall.

Zum Aufenthaltsort und Gesundheitszustand von Roman Protassewitsch und seiner Freundin ist am Tag nach dessen Festnahme zunächst nichts bekannt geworden.

Quellen: raselle_gr bei Instagram, Tadeusz Giczan bei TwitterTV-Sender Mega, Radiosender Newstalk, Ryanair, Amnesty International, Reporter ohne GrenzenICAO bei TwitterChicagoer Abkommen, Nachrichtenagenturen DPA und AFP


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