HOME

Blutige Unruhen in Kirgistan: 2000 Tote befürchtet

Nach dem Abflauen der Unruhen im Süden Kirgistans hat die Übergangsregierung besorgniserregende Zahlen verkündet. Die WHO zeichnet ebenfalls ein düsteres Bild. Sie rechnet mit einer Million Flüchtlingen. Nun will Russland doch eingreifen.

Bei den blutigen Unruhen im Süden der zentralasiatischen Republik Kirgistan sind nach Schätzungen der Übergangsregierung etwa 2000 Menschen getötet worden. Die Zahl der bisher offiziell registrierten etwa 200 Toten liege aller Wahrscheinlichkeit nach um das Zehnfache höher. Das sagte die amtierende Präsidentin Rosa Otunbajewa in einem Interview der russischen Zeitung "Kommersant". "In den Dörfern gab es sehr viele Tote, und nach unserer Tradition werden sie sofort - spätestens bis Sonnenuntergang - unter die Erde gebracht", sagte Otunbajewa. Die Leichen seien nicht gezählt worden.

Andere offizielle Stellen hatten zuletzt geschätzt, 2500 Menschen könnten bei den schweren Kämpfen zwischen Kirgisen und Usbeken in den Regionen um Osch und Dschalal-Abad getötet worden sein. Die Bevölkerung gedachte mit einer landesweiten Schweigeminute der jüngsten Opfer. Otunbajewa sprach am Freitag bei einem Besuch in der teilweise zerstörten Stadt Osch von einer nationalen Tragödie. Die nach der Hauptstadt Bischkek zweitgrößte Stadt des Landes solle nach den ethnischen Zusammenstößen wieder aufgebaut werden, erklärte sie.

USA fordert Untersuchung der Vorfälle

Die USA haben sich besorgt über die Geschehnisse geäußert. Vize-Außenminister Robert Blake sprach am Freitag nach dem Besuch eines Flüchtlingslagers im Nachbarland Usbekistan von einer humanitären Krise. Die kirgisische Übergangsregierung müsse alles unternehmen, um die Gewalt zu stoppen. Die Vorfälle müssten von einer internationalen Kommission untersucht werden, so Blake.

Nicht mehr länger nur zusehen will Russland, die sich nun doch zum Einsatz von Militärs in dem Land entschlossen haben. "Russische Soldaten werden bestimmte strategische Einrichtungen in Kirgistan bewachen", sagte Otunbajewa. "Diese Entscheidung ist getroffen worden, um die Sicherheit dieser Einrichtungen zu garantieren."

Auch wenn sich die Kämpfe eine Woche nach ihrem Beginn wieder weitgehend gelegt haben, ist bei der Flüchtlingskatastrophe kein Ende abzusehen. Zehntausende Angehörige der usbekischen Minderheit versuchen weiter, in ihr benachbartes Mutterland zu fliehen. Usbekistan hatte jedoch sehr schnell seine Grenzen geschlossen, mit der Begründung, keine weiteren Kapazitäten zu haben.

WHO zeichnet düsteres Bild

Durch die Krise könnten nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO bis zu eine Million Menschen betroffen sein. Es handele sich bei dieser Zahl um ein "Katastrophen-Szenario", sagte der WHO-Koordinator für Hilfsprogramme, Giuseppe Annunziata, am Freitag in Genf. Danach könnten bis zu 300.000 Menschen zu Flüchtlingen werden, die das Land verlassen, und bis zu 700.000 Menschen zu Binnenflüchtlingen. Die zentralasiatische Republik hat gut fünf Millionen Einwohner.

Mehr als zwei Monate nach dem Sturz des autoritären kirgisischen Präsidenten Kurmanbek Bakijew gilt die Lage in dem Hochgebirgsland an der Grenze zu China weiter als extrem gespannt. Die Übergangsregierung von Otunbajewa hält Unruhen auch im Norden des Landes für möglich. Unklar war, ob die für den 27. Juni geplante Volksabstimmung über eine demokratische Verfassung wie geplant organisiert werden kann. Die Menschen im Süden des Landes baten Otunbajewa, den Termin um 40 Tage zu verschieben. Die internationale Gemeinschaft hält das Referendum für dringend nötig, damit sich die politische Lage in der Ex-Sowjetrepublik stabilisiert.

mre/APN/DPA/Reuters / DPA / Reuters