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Bürgerkrieg in Syrien Rebellen mit Assads Truppen zusammenzubringen, ist eine Beleidigung

Syrische Armee
Soll der Westen mit ihnen ernsthaft zusammenarbeiten? Assad-treue Soldaten in einem Dorf bei Aleppo
© DPA
Kann, soll, darf man mit der syrischen Armee zusammenarbeiten, wie Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen überlegt? Diejenige Armee, die den langsamen Tod ihres Volkes verantwortet? Es wäre das Ende dessen, was einmal eine Revolution war.
Ein Kommentar von Raphael Geiger, Istanbul

Ich hatte in den letzten Jahren oft das Gefühl, dass die syrische Revolution tot ist - angesichts dessen, was der Krieg aus dem Land gemacht hat. Kann man noch von einer Revolution sprechen, wenn Hunderttausende gestorben sind und das halbe Volk auf der Flucht ist?

Als deutscher Schönwetter-Demokratieliebhaber wäre ich selbst schon vor langer Zeit geflohen, wenn nur annähernd Ähnliches mit Deutschland geschehen wäre. Ich würde mir sagen: Das ist es nicht wert. Lieber leben, ehrlich, und sich die Sache von weit weg anschauen. Mich soll es nicht treffen.

70.000 moderate Kämpfer in Syrien

Laut dem britischen Premierminister David Cameron gibt es heute in Syrien ungefähr 70.000 moderate Kämpfer, organisiert in mehr als 100 Gruppen. Natürlich ist die Zahl eine Schätzung, und moderat eine Frage der Definition. Zumindest glauben die Kämpfer an ein multi-religiöses Syrien, nicht an einen Gottesstaat oder eine Diktatur, und sie bekämpfen sowohl das Assad-Regime als auch die Dschihadisten vom Islamischen Staat (IS) und al Kaida.
Ich habe viele von diesen Leuten getroffen, wenn sie kurz in der Türkei waren, weil verwundet, weil müde. Sie waren enttäuscht. Einige waren Teil dieser Revolution, seit die Libyer ihren Diktator Muammar al Gaddafi besiegt hatten, mit Unterstützung des Westens. Sie hatten gehofft, dass ihnen ein weiterer Sieg im arabischen Frühling gelingen könnte. Tunis, Kairo, Tripolis. Damaskus.

Assads Kalkül ist aufgegangen

Sie hatten gehofft, dass dem Westen ihre Revolution und der folgende Krieg nicht so egal sein würde. Stattdessen ging Assads Kalkül auf, das er seit 2011 verfolgt: Die Oppositionellen so lange als radikale Islamisten diffamieren, bis sich einige wirklich radikalisieren und Islamisten aus aller Welt nach Syrien locken. Syrien, ein zweiter Irak. Assad, wie er sich selbst sieht: ein säkularer Präsident im Krieg gegen den Terror.

Ich hätte als syrischer Revolutionär aufgegeben. Zehntausende haben es nicht, sie verteidigen noch immer ihre Viertel in Aleppo und ihre Dörfer in den Provinzen Idlib und Daraa, sie machen weiter. Assad bombardiert sie jeden Tag und lässt den IS dagegen noch immer weitgehend in Ruhe, jetzt bombardieren mit ihm die Russen; und die Amerikaner bombardieren nur den IS, nicht das Regime.

Die Kämpfer machen weiter. Ohne größere Erfolge, im täglich mühsamen Kampf, von dem die Welt wegen den Schlagzeilenhelden Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, Assad und IS keine Notiz nimmt.
Der französische Außenminister Laurent Fabius sagte, er könne sich vorstellen, dass man die Regimetruppen im Kampf gegen den IS einbindet. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen stimmte ihm zu. Mit Assad sehe sie keine Zukunft, sagte sie zwar, es gebe aber "sehr wohl Teile der Truppen in Syrien, die man nehmen kann."
Fabius und von der Leyen sprechen von jener Armee, die den langsamen Tod ihres Volkes verantwortet. Und die selbst stark geschrumpft ist - die verbliebenen Soldaten verehren Assad fanatisch. Sie mit den Revolutionären zusammenbringen zu wollen ist schon ein phantasievoller Gedanke. Für die oppositionellen Kämpfer eine Beleidigung.

Was noch fehlt: Assad am Verhandlungstisch

Genauso wie für europäische Werte: das Recht auf Leben zuerst und dann auf freie Wahlen - das gilt offenbar nur auf unserer Seite des Mittelmeers.

Assads Soldaten einzubinden, selbst bloß darüber nachzudenken, ist dann vielleicht doch der endgültige Tod nach dem langen Sterben dieser syrischen Revolution. Nur ein Schritt fehlt noch: Dass der Westen, ganz pragmatisch und realpolitisch, Assad am Verhandlungstisch akzeptiert. Neben ihm der zweite Gewinner: Wladimir Putin. 


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