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Interview

Claus-Peter Reisch: Kapitän und Seenotretter über den Fall Rackete und seinen Job: "Man lässt Menschen nicht ersaufen"

Carola Rackete wurde auf Lampedusa verhaftet, weil sie Menschen in größter Not half. Claus-Peter Reisch, selbst Kapitän und Seenotretter, kennt sie gut. Und ist empört.

Von Jonas Breng

Kapitän Claus-Peter Reisch vor dem Rettungsschiff Lifeline im Hafen von Valletta, Malta

Kapitän Claus-Peter Reisch vor dem Rettungsschiff Lifeline im Hafen von Valletta, Malta

Laif

Herr Reisch, Ihre Kollegin Carola Rackete wurde in Italien festgenommen. Machen Sie sich Sorgen, was ihr drohen könnte?

Ja. Denn Italiens Innenminister Salvini ist unberechenbar. Ich kenne Carola seit mehreren Jahren. Einmal wäre sie fast als Erste Offizierin auf einem Schiff unter meiner Leitung mitgefahren. Im Moment macht es auf mich den Eindruck, als wolle Matteo Salvini an ihr ein Exempel statuieren. Ihm sind alle Mittel recht, um die Seenotrettung lahmzulegen und Menschen auf dem Mittelmeer ertrinken zu lassen.

Carola Rackete an der Kommandobrücke in Lampedusa

Kapitänin Carola Rackete auf der Kommandobrücke

Action Press

Salvini hat Carola Rackete zum Feindbild erklärt. Andere feiern die junge Kapitänin als Heldin. Was ist sie für ein Mensch?

Carola hat Power und Rückgrat. Sie ist stark und wird den Salvinis dieser Welt die Stirn bieten. Wir Kapitäne haben die Verantwortung. Die Zukunft der Seenotrettung liegt bei uns, bei Menschen wie Carola.

Wie beurteilen Sie ihr Handeln in der aktuellen Situation?

Carola ist eine sehr überlegte Frau, überhaupt nicht impulsiv. Sie ist eine, die ihre Verantwortung sehr ernst nimmt und weiß, was sie tut. In diesem Drama musste sie einfach einen Endpunkt setzten. 17 Tage hat man sie vor der Küste hin und her gondeln lassen. Es war ihr gutes Recht, den Ausnahmezustand zu erklären und anzulegen.

Zuvor gab es einen öffentlichen Schlagabtausch zwischen ihr und Salvini. Der nannte Racketes "Sea-Watch 3" ein "Piratenschiff". Ist die Debatte um die Seenotrettung außer Kontrolle?

Was soll man da sagen? Salvini ist ein Rechtspopulist, dem die unterste Schublade noch nicht tief genug ist. Er hat ja auch gesagt, wir würden mit "Menschenfleisch" durch die Gegend fahren. Ich dachte, dieser Jargon sei seit 70 Jahren erledigt. Es ist eine Provokation, auf die man sich aber nicht einlassen darf. Als man mich im vergangenen Jahr zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt hat, habe ich versucht, bei den Fakten zu bleiben. Die Berufung läuft immer noch.

Ähnlich wie der "Sea-Watch 3" erteilte man Ihrem Schiff "Lifeline" damals keine Erlaubnis, anzulegen, weil Sie 234 Flüchtlinge an Bord hatten. Was geht in einem Kapitän in so einer Situation vor?

Sie haben als Kapitän die Verantwortung für das Wohl dieser Menschen, und irgendwann müssen Sie eine Entscheidung treffen. Nach Libyen zurück geht nicht, weil das ein Bruch der Genfer Flüchtlingskonvention wäre. Libyen ist kein sicherer Hafen, und hätten Carola oder ich die Flüchtlinge dorthin gebracht, könnte man uns ebenfalls verklagen. Deshalb sind die Kapitäne auf die Seenotleitstelle in Rom angewiesen, die verpflichtet ist, einen sicheren Hafen auszuweisen. Doch Salvini verbietet das im Moment.

Wie muss man sich die Situation nach einer Seenotrettung an Bord von Schiffen wie "Sea-Watch" und "Lifeline" vorstellen?

Bei uns war es anders als bei Carola, weil wir mehr Menschen an Bord hatten, aber nicht so lange unterwegs waren. Ansonsten sind die Situationen durchaus vergleichbar. Eine Rettung ist sehr sensibel. Zunächst geht es um Versorgung. Sie haben traumatisierte, teilweise verletzte, gefolterte und ausgezehrte Menschen an Bord, die sofort Medizin, Decken, Schlafplätze und Nahrung brauchen. Wir mussten damals am Tag 500 Mahlzeiten auf vier Kochplatten zubereiten. Das schafft ja kein Restaurant. Außerdem müssen Sie sich um die Hygiene an Bord kümmern. Sie machen sich keine Vorstellung davon, wie sehr ein Mensch stinken kann, der sich über Monate nicht waschen durfte. Vielen ist das natürlich sehr unangenehm.

Carola Rackete ist die Kapitänin der Sea Watch 3

Was folgt dann?

Nach ein paar Tagen ist diese Phase durch. Dann stehen die Ersten an der Brücke, klopfen und fragen: Wo fährst du hin, Kapitän? Dann ist man tagelang damit beschäftigt, zu erklären. Die ganze Zeit hofft man, dass das Wetter stabil bleibt und sich die Leute nicht auch noch verkühlen. Oft haben die Flüchtlinge Angst, nach Afrika zurückgebracht zu werden. Einmal klammerte sich ein Mann aus Bangladesch an meinen Beinen fest und flehte: "Gebt mich nicht den Libyern. Lieber sterbe ich." Er drohte, ins Wasser zu springen. Sie müssen als Kapitän also immer dafür sorgen, dass die Stimmung nicht kippt und Sie nicht Ihre Glaubwürdigkeit verlieren. Sonst wird es gefährlich.

Von politischer Seite sind gerade viele Solidaritätsadressen für Carola Rackete zu hören. Zugleich aber wird die "Operation Sophia" auf See nicht fortgesetzt, mit der die EU den Schleusern begegnen wollte und bei der unter Beteiligung auch deutscher Marineschiffe fast 50.000 Menschen gerettet wurden. Wie passt das zusammen?

Gar nicht. Ich kann nur sagen: Lasst den Worten Taten folgen. Ich hoffe natürlich, dass der Aufschrei im Moment etwas bewirkt, aber die Politik muss erst mal liefern. Ich hatte vor drei Monaten ein Treffen mit Horst Seehofer und kann nicht sagen, dass das eine Verbesserung gebracht hätte. Bei Heiko Maas versuche ich seit einem Dreivierteljahr, einen Termin zu bekommen.

Was fordern Sie konkret?

Das Dublin-Abkommen, das regelt, welches Land für welche Flüchtlinge zuständig ist, gehört dringend überarbeitet. Es braucht einen fixen Verteilungsschlüssel, den ja auch Salvini will. Erst wenn es den gäbe, wäre die Kuh vom Eis. Doch Europa kriegt das nicht hin.

Wie hat sich die Situation auf dem Mittelmeer seit dem Ende der Operation Sophia verändert?

Die Situation hat sich dramatisch verschlechtert. Das UNHCR geht davon aus, dass jeder sechste übers Mittelmeer Flüchtende stirbt. So schlimm war es noch nie. Trotzdem wurden etwa die Startmöglichkeiten für private Suchflugzeuge eingeschränkt oder die Flüge gleich komplett verhindert. Das heißt, auch die Dokumentation der Dramen ist kaum noch möglich. Und gleichzeitig finden selbst Fischer in Tunesien in ihren Netzen immer wieder Leichenteile.

In Europa wurden in den vergangenen Jahren viele rechte Parteien gewählt, weil eine große Zahl von Menschen das Gefühl hat, es kämen zu viele Flüchtlinge zu uns.

Ich bin ein konservativer Bayer und bestimmt nicht für die Aufhebung von Grenzen. Doch das kann ich nicht nachvollziehen. Im letzten Jahr sind nicht einmal 25.000 Menschen über das zentrale Mittelmeer gekommen. Davon hat Deutschland nur 157 aufgenommen. Da kann mir doch niemand sagen, dass es unmöglich sei, diese Leute zu integrieren. Es geht bei der ganzen Sache ja nicht um mich oder um Carola oder eine Nichtregierungsorganisation. Es geht darum, dass man Menschen nicht ersaufen lässt. Man kann sich von mir aus über Flüchtlinge unterhalten, wie man will – aber ersaufen lassen, das geht nicht.

Neben der "Sea-Watch" und der "Lifeline" sind mittlerweile viele Rettungsschiffe konfisziert. Was heißt das für die Seenotrettung in den nächsten Wochen?

Dass noch mehr Menschen sterben werden. Der Verlust der "Sea-Watch" ist ein weiterer Riss in diesem ohnehin schon extrem grob gestrickten und löchrigen Netz. Unsere Organisation "Lifeline" versucht gerade ein neues Schiff auf See zu bringen. Noch liegt es in der Werft, aber wir stellen derzeit eine Crew zusammen und wollen in ein paar Wochen im Einsatz sein.

Wenn Sie auf Ihre Zeit als Seenotretter zurückblicken: Welche Situation ist Ihnen am stärksten im Gedächtnis geblieben?

Es gab immer wieder schwierige Momente. Zum Beispiel wenn ich mit dem Handy Fotos von Wasserleichen machen musste. Aber am intensivsten ist mir eine Situation am letzten Tag einer Rettung im Gedächtnis geblieben. Es gab ein Unwetter, und wir haben die Frauen und Kinder im Krankenhauscontainer untergebracht. Als ich meine Runde machte, lagen alle auf den Liegen und haben geschlafen. Der Motor dröhnte, und auf dem Boden lag ein kleines Mädchen mit einem Stofftier im Arm, das es von uns bekommen hatte. Es war so friedlich. Da sind mir die Tränen gekommen. Ich habe gedacht: Deshalb bist du hier. Deshalb ist es richtig, was du machst.