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Solidarität in der Not: Das vergessene Brasilien: Wie drei arme Frauen in Rio den noch Ärmeren helfen

Rio de Janeiro gilt als die "wunderbare Stadt". Doch Brasilien steckt seit fünf Jahren in einer Krise und abseits der Strände der "cidade maravilhosa" breitet sich das Elend aus. Den Reichen ist das egal – drei Frauen aber nicht.

Kinder in der Armengegend von Jororó zeigen den helfenden Frauen (hintere Reihe) ihre Hütte

Kinder in der Armengegend von Jororó zeigen den helfenden Frauen (hintere Reihe) ihre Hütte

stern

Wenn es eine Situation gab, in der die Schwestern Erica und Elaine Rangel lernten, worauf es im Leben ankommt, ereignete sich diese in den ärmsten Tagen ihrer Kindheit in Sao Gonçalo, am Rand von Rio de Janeiro.

Sie selbst hatten nur wenig zu essen – ihr Vater war Lkw-Fahrer, die Mutter ohne Arbeit –, aber wenn ihre Eltern hungernde Kinder vor ihrer Hütte sahen, luden sie die Kleinen zum Abendbrot ein, vor allem ihre beste Freundin, die abgemagerte Day. "Auch als Arme ist es unsere erste Pflicht, den noch Ärmeren Essen zu geben" , sagte ihr Vater, der als Kind selbst Hunger gelitten hatte und mit acht Jahren schon arbeiten gehen musste.

Präsident Bolsonaro will Gelder für die Ärmsten kürzen

Viel besser ist die wirtschaftliche Situation der Familie auch heute, 20 Jahre später, nicht. Erica, 32, arbeitet als Pädagogin, für einen Spottlohn von 250 Euro. Elaine, 30, Sportlehrerin, ist arbeitslos. Sie leben weiterhin mit den Eltern in derselben Hütte in Sao Gonçalo. Aber in jeder freien Minute kümmern sie sich um die, denen es schlechter geht, gemeinsam mit ihrer Freundin aus der Kindheit, Day, "unsere adoptierte Schwester".

Die Zeiten sind hart. Seit fünf Jahren steckt Brasilien in einer Krise. Die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen ist um 50 Prozent auf 13,5 Millionen Menschen angestiegen. Besonders hart hat es Rio getroffen und dort die Armenviertel in der Peripherie, wo für die Kinder oft tagelang die Schule ausfällt, Drogengangs die Macht haben und unter den Jüngsten Nachwuchs suchen. Geschichten, die es in keinen Bericht über die "cidade maravilhosa" schaffen, die wunderbare Stadt.

Nun hat der neue und umstrittene Präsident Jair Bolsonaro angekündigt, die Budgets für die Ärmsten zu kürzen, für die Sozialprogramme "Bolsa Família", "Minha Casa, Minha Vida" und "Fies". Die Projekte sind Errungenschaften aus Zeiten des Präsidenten Lula und seines Programms zur Auslöschung von Hunger, "Fome Zero".

"Da haben wir Schwestern entschieden, ein eigenes Hilfsprogramm zu starten", sagt Erica Rangel. "Der Staat vernachlässigt seine Pflicht. Also müssen wir ran." Ihr Projekt nennt sich: "Ser Poderosa é Ser Solidária" – was übersetzt bedeutet: Mächtig zu sein heißt, solidarisch zu sein.

"So stellt man sich gemeinhin Afrika vor"

In den Morgenstunden eines heißen Samstags fahren die drei Frauen über gerodete Hügel hinaus in die Peripherie, bis Holzhütten die Steinhütten ersetzen und Sandstraßen den Asphalt. Schon bald erreichen sie Jororó, einen Ort, wo kein Arzt mehr hinkommt, kein Polizist und kein Sozialarbeiter, eine Gegend aus roter Erde und dichten Büschen, von der Erica sagt: "So stellt man sich gemeinhin Afrika vor."

Die Familien hier leben an der Autobahn, in Hütten aus Blechdächern und Bambusstäben. Die Kinder laufen nur mit Unterhosen bekleidet herum. Den jungen Müttern fehlen oft schon Zähne, ihre Kinder gebären sie mit der Hilfe der Großmutter, fast jede hat schon ein Kind verloren.

Es ist Rio de Janeiro, aber die Copacabana ist hier weit. Es ist das vergessene Brasilien.

"In den Favelas von Rio gibt es noch Hilfe", sagt Elaine. "Da kommen auch internationale Organisationen noch hin. Hier nicht mehr."

Gerade hat Bolsonaro vollmundig verkündet: "Es gibt keinen Hunger in Brasilien." Aber er kommt nie in solche Gegenden, nur knapp 80 Kilometer entfernt von seiner Villa in einer abgesperrten Luxussiedlung von Rio. Sonst würde er sehen, dass Hunger in seinem Land sehr wohl existiert.

Mama, Papa, Oma und Opa in einer Person

Die drei Frauen kümmern sich als Erstes um Laudelina Castro, 52, Mutter von 13 Kindern. Zwei hat sie zusätzlich noch adoptiert, die Töchter ihrer verstorbenen Schwester. "So sind viele der Ärmsten" , hat Erica in all den Jahren festgestellt. "Sie haben nichts, sind am Rand ihrer Kräfte, schleppen aber noch andere Kinder durch."

"Und 24 Enkel", sagt Laudelina und lacht ihr zahnloses Lachen. "Oder wie viele habe ich?" , ruft sie in die Runde. "Ich bin hier Mama, Papa, Oma und Opa in einer Person."

Die drei überreichen der Familie Essen und Kleidung und bereiten den Kindern ein Fest, sie haben ein Trampolin und Geschenke dabei, viele Bücher. "Die sollt ihr lesen und uns beim nächsten Mal davon erzählen, an Weihnachten. Dann gibt es neue Bücher." Sie untersuchen auch die Motorik und die Zähne der Kinder und verkünden: "Wir haben einen Zahnarzt gefunden, der eure Gebisse umsonst richtet."

Erica Rangel verteilt im Namen ihrer Hilfsorganisation Geschenke an die Kinder

Erica Rangel verteilt im Namen ihrer Hilfsorganisation Geschenke an die Kinder

stern

Laudelina bricht in Tränen aus, sie traut sich mit ihrem zahnlosen Mund nicht mehr unter die Leute, schon gar nicht auf Arbeitssuche. Viele der Armen hier arbeiten als Hausangestellte bei den Reichen in Rios Süden, an der Copacabana oder in Ipanema, für 220 Euro im Monat. Dafür müssen sie ihre Kinder die Woche über allein lassen, weil die Anfahrt in Bussen zu weit und teuer ist. Ein Drittel des Gehalts geht allein für den Transport drauf.

Ein für Jororó zuständiger Lokalpolitiker, Victor Familia, trifft zu dem Fest ein, er sagt: "Es ist sogar schlimmer. Die Transportunternehmen knüpfen den Frauen unberechtigterweise viel Geld ab. Wenn ich das anprangere, bekomme ich Morddrohungen. Unser Distrikt ist der mit der höchsten Mordrate für Aktivisten. Viele Politiker sind alliiert mit dem organisierten Verbrechen, der ,Milícia‘, Paramilitärs. Kritiker halten sie sich vom Leib."

Wer hilft, lebt riskant in Brasilien

Tatsächlich ist soziales Engagement ein Risikojob in Brasilien, vor allem, wenn man Drogengangs oder Milizen in die Quere kommt. Nicht nur Umweltschützer werden ermordet – 2017 mehr als 50 –, sondern auch Lokalpolitiker, Journalisten, Sozialarbeiter. "Die Mächtigen wollen die Masse in Unwissenheit und Abhängigkeit halten, um ungestört ihre Macht ausüben zu können" , sagt Lokalpolitiker Familia. "Sie haben kein Interesse daran, ihnen Zugang zu guter Bildung zu ermöglichen."

Unbeeindruckt von der Gefahr ziehen die drei Frauen von Einsatz zu Einsatz. Sie sind eine Art Noteinsatztruppe geworden, eine soziale Feuerwehr für Armenviertel – wie so viele Privatinitiativen. Wenn das Waisenhaus etwas braucht, bringen sie Mahlzeiten vorbei. Wenn junge Mütter überfordert sind, nehmen sie ihnen Behördengänge ab und geben, was sie können, manchmal ist es nur das eine entscheidende Busticket für ein Bewerbungsgespräch, das kennen sie aus leidlicher Erfahrung. Sie identifizieren die ärmsten Gegenden, die hilfsbedürftigsten Bewohner, dort, wo der Staat nicht mehr hinkommt.

Dieser Zahnarzt macht armen Menschen kostenlos neue Zähne

Und was sie dabei erleben, sagt viel über die brasilianische Gesellschaft: "Ich bitte oft um Spenden, aber von den Reichen kommt wenig", sagt Erica. "Diejenigen, die nichts haben, geben aber immer etwas. Die Armen helfen den Ärmsten."

Es ist das Hauptmanko Brasiliens und vieler Länder Lateinamerikas: Die seit Kolonialzeiten regierende Oberklasse hatte nie das Interesse an einer gerechteren Gesellschaft. Sie hält sich die Armen in Armut, einen großen Pool schlecht ausgebildeter Tagelöhner und Billigarbeiter, die ihre Einkäufe erledigen, Mahlzeiten kochen, Toiletten putzen, Gärten wässern – ein Leben kaum anders als zu Kolonialzeiten.

Ihr Traum? Ein Zufluchtsort in ihrem Armenviertel

An einem anderen Tag gehen die drei Frauen in die Favela Capote, in eines jener Viertel, in denen das Drogenkartell regiert und den Einlass kontrolliert. Die Sonne brennt unerbittlich und trocknet die letzten Pfützen des ersten Sommersturms aus, auf den Stromleitungen tanzen Affen und schwingen sich an Bananenstauden herab.

Sie erreichen eine Hütte, in der eine 18-Jährige mit drei Kleinkindern wieder schwanger ist. Sie kaufen Windeln und Babybrei und geben psychologische Hilfe für das überforderte Mädchen, dessen Freund ein Mitglied der Drogengang ist. Sie wirken wie gute Feen, wie Nonnen, aber mit Religion haben ihre Einsätze nichts zu tun – "nur mit gesundem Menschenverstand", sagen sie.

Wovon sie träumen? Ein Zufluchtsort in ihrem eigenen Armenviertel, wo es bisher keine Betreuung gibt, keine Krippen, keine Aktivitäten für Kinder, wenn die Schule wieder ausfällt, wo Kinder zu Opfern der Gangs werden. Ein Asyl, an dem sie nicht nur Essen zubereiten, sondern psychologische Hilfe für Familien geben, motorische Hilfe für Kinder, Betreuung für die Alten.

"Hilfe zur Selbsthilfe", sagt Elaine. "Mit ein paar Geschenken und Mahlzeiten ist das nicht getan. Sie sollen Werkzeuge bekommen, um ihren eigenen Weg zu gehen."

"Und für den Spaß Sambakurse bei uns machen, Fußball und Capoeira", sagt die heute nicht mehr so abgemagerte Day. "Denn ganz ohne Spaß läuft in Brasilien nichts."

Das neue Sozialprogramm benötigt Unterstützung. Wir leiten Ihre Hilfe weiter. Bitte spenden Sie an: IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01 – BIC DEUTDEHH – Stichwort "Ser Poderosa é Ser Solidária"; www.stiftungstern.de